Siebenhundert bis eintausend Seiten. Wenn man mich nach dem längsten Buch fragt, das ich je gelesen habe, dann liegen die Seitenzahlen dieser Bücher dazwischen.
Meine Eltern gehörten einem Buchclub an. Ein Buchclub war ein Vertriebsmodell, bei dem Verlage bzw. Buchgemeinschaften ihren Mitgliedern regelmäßig und vergleichsweise günstig Bücher verkauften. Typischerweise trat man einer Buchgemeinschaft bei und verpflichtete sich, in bestimmten Abständen ein Buch abzunehmen. Die Mitglieder erhielten die Bücher zu Preisen, die häufig unter denen des normalen Buchhandels lagen. Meine Mutter verschlang Bücher regelrecht. Ihr Leben lang. Bis zu ihrem Tod in hohem Alter, zuletzt noch auf einem E-Book-Reader.
Als Teenager bestellte ich mir ab und zu auch ein Buch oder eine Schallplatte. Damals war Alexander Issajewitsch Solschenizyn in aller Munde. Ich kaufte mir sein Buch „Der erste Kreis der Hölle“.
Es beschreibt das Leben in einer sogenannten „Scharaschka“, einem Arbeitslager für Wissenschaftler und Ingenieure. Es basiert auf Solschenizyns eigenen Erfahrungen im Spezialgefängnis Nr. 16 des MGB in Marfino bei Moskau. Was ich las, war mir fremd, fesselte mich jedoch und ich las die über 700 Seiten relativ zügig zu Ende.
Auf Gero von Boehm, einen Journalisten im besten Sinne, wurde ich durch Talkshows aufmerksam. Er ist ein äußerst angenehmer Zeitgenosse. Er verstand das Handwerk des Interviews. Er hat alles, was Rang und Namen hatte, fürs Fernsehen („Wortwechsel“, „Gero von Boehm begegnet …“) interviewt. Diese Sendungen hatte ich nicht gesehen. In einer der Talkshows wurde sein Buch „Begegnungen – Menschenbilder aus drei Jahrzehnten” vorgestellt. Ich kaufte es und las die über 700 Seiten über viele Jahre hinweg nach und nach. Es enthält weit über 70 Interviews. Keines war überflüssig, manches war schwierig, einige erhellend und verschiedene stellten größere Zusammenhänge her.
Am 27. August war erst Thomas Manns „Zauberberg” Gegenstand meiner Antwort auf die dann gestellte Schreibanregung. Wie berichtet, bin ich gerade dabei, die eintausend Seiten zu lesen. Gerade habe ich das erste Drittel geschafft. Es liest sich am besten, wenn man längere Zeit ans Bett gebunden oder immobil ist. Das Buch erfordert Konzentration. Mir begegnen Formulierungen und Worte, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Die Zeit verlangsamt sich und wird zur Zeitlupe. Wer die Zeit und Geduld aufbringt, kann in der Welt des Sanatoriums und der Siechen aufgehen.
What’s the longest book you’ve ever read? | Was ist das längste Buch, das du je gelesen hast?
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