Wenn ich darüber nachdenke, welche Beziehung mich am meisten über mich selbst gelehrt hat, nenne ich als erstes meine Ehe und ihr Scheitern. Die letzte Zeit des Ringens während der ehelichen Agonie zwischen „change it, love it or leave it”, die relativ kurze Zeit, in der ich mich entschied, die Ehe zu verlassen, und die Zeit danach, in der ich mich intensiv mit mir selbst auseinandersetzte, haben mich zu Selbsterkenntnissen geführt.
Ein paar Jahre später folgte erst der virtuelle und später der telefonische Austausch mit einer jüngeren Frau, die selbstverständlich über ihre tiefe Introversion und wie sie diese lebt, sprach. Sie öffnete mir durch ihr Beispiel die in meiner Kindheit verschlossene Tür zu meiner eigenen Introversion. Diese eher lockere Beziehung war meine Rettung und hat mich am meisten über mich selbst gelehrt.
Welche Beziehung hat dich am meisten über dich selbst gelehrt?
Es gibt da eine Frau, die unerschütterlich daran glaubt, dass alles, was glänzt, tatsächlich aus purem Gold ist. In ihrer grenzenlosen materiellen Zuversicht ist sie fest davon überzeugt, sich mit ihrem Reichtum sogar einen Weg in den Himmel erkaufen zu können. Selbst wenn sie ihr Ziel erreicht und alle Türen verschlossen sind, denkt sie, dass ein einziges, wohlplatziertes Wort ausreichen wird, um genau das zu bekommen, was sie sucht.
Doch während diese eine Frau beharrlich versucht, ihre himmlische Treppe zu erwerben, gibt es Zeichen, die zur Vorsicht mahnen. An den Wänden stehen warnende Worte, doch sie zögert, denn sie ahnt, dass Worte oft doppeldeutig sind und in die Irre führen können. In der Natur hingegen, wo ein Singvogel in einem Baum am Bachufer sein Lied anstimmt, wird klar, dass unsere menschlichen Gedanken und Sorgen oft fehlgeleitet sind.
Dieser blinde Materialismus weckt beim Beobachter tiefe Zweifel und eine innere Unruhe. Ein Blick nach Westen löst eine unerklärliche spirituelle Sehnsucht aus, ein Drängen nach einem echten, wahrhaftigen Leben. In ihren Visionen tauchen Rauchringe auf, die durch alte Wälder ziehen, begleitet von den schweigenden Blicken derer, die am Rand stehen und beobachten. Man hört ein Flüstern, dass bald eine Zeit der Vernunft anbrechen wird, angeführt von einem geheimnisvollen Spielmann, der jene in einen neuen, leuchtenden Morgen führt, die lange standhaft geblieben sind. Dann werden die alten Wälder wieder von freudigem Lachen widerhallen.
Selbst wenn es plötzlich im Gestrüpp raschelt, ist das kein Grund zur Sorge, sondern lediglich das natürliche Frühlingserwachen, eine Reinigung für die mystische Maikönigin. Jeder Mensch steht an einer Weggabelung und muss sich zwischen zwei sehr unterschiedlichen Pfaden entscheiden. Der eine ist trügerisch, der andere wahrhaftig. Das Tröstliche dabei ist: Auf dieser langen Lebensreise ist es nie zu spät, den einmal eingeschlagenen Weg noch zu wechseln.
Während die innere Melodie im Kopf dröhnt und der Wind beharrlich durch die Bäume flüstert, ruft der Spielmann unermüdlich dazu auf, sich ihm anzuschließen. Am Ende der Reise, wenn die eigenen Schatten am Abend länger sind als die Seele selbst, offenbart sich die universelle Wahrheit. Die Frau strahlt in weißem Licht und versucht immer noch, allen zu zeigen, wie sich alles in Gold verwandeln lässt. Wer jedoch still wird und genau hinhört, wird die Melodie der absoluten Erkenntnis vernehmen. Letztlich ist alles eins und eins ist alles. Es gilt, wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung zu stehen und sich nicht einfach treiben zu lassen – auch wenn eine gewisse Dame weiterhin unbelehrbar versucht, sich ihre Treppe in den Himmel zu kaufen.
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Mir selbst bewusst zu sein. Zwar verfügte ich schon immer über die Fähigkeit zur Selbstreflexion, also die Fähigkeit, meine eigenen Gedanken, Gefühle, Motive und Reaktionen von außen zu betrachten und zu verstehen. Vermutlich ist das eine Folge davon, dass ich bereits als Kleinkind – vielleicht sogar schon im Mutterleib – gelernt habe, mich nur auf mich selbst verlassen zu können. Schwierigkeiten bereitete mir jedoch meine Identität, also das klare Wissen darüber, wer ich bin, welche Werte ich vertrete und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Das lag vermutlich daran, dass meine Eltern meine Introversion als falsch betrachteten und mir vermittelten, dass ich so, wie ich bin, falsch bin, und richtig, wenn ich mich extravertiert verhielt. Dadurch wurde mir lange der Zugang zu dem Wissen verwehrt, wer ich bin und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Ein weiterer Mangel bestand in der unterentwickelten Erkenntnis, mich abzugrenzen, also die Erkenntnis, als eigenständiges Individuum getrennt von der Umwelt und anderen Menschen zu existieren.
Dagegen war mein Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstvertrauen gut ausgeprägt. In der Rolle des angelernten, angepassten Extravertierten. Vermutlich als Folge des oben Skizzierten. Selbstwirksamkeit und soziale Sicherheit waren immer vorhanden, ebenso wie ein gutes Selbstwertgefühl.
Vieles in meinem Leben wäre einfacher, besser oder einfach anders gelaufen, wenn ich viel früher damit angefangen hätte, meine Introversion zu erkennen. Doch die Scheuklappen waren viel zu groß.
Tägliche Schreibanregung
Was hättest du im Leben gern viel früher angefangen?
What’s one thing you wish you had started doing earlier in life? | Was ist eine Sache, von der du dir wünschst, du hättest schon früher damit angefangen?
Aber solange ich noch lebe, habe ich nur das eine zu sagen: Es ist ganz allein EURE Entscheidung, ob ihr so sein wollt, ob ihr das Leben so sehen wollt. ~ dann seid ihr auf dem richtigen Weg!
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Vom 23.06.2026 bis heute hat sich der beste Rat, den ich jemandem geben würde, der jünger ist als ich, nicht verändert.
„Damals“ schrieb ich: „Du kannst darauf vertrauen, dass sich alles fügen wird.“ Das ist der „beste” Ratschlag, den ich jemandem geben würde, der jünger ist als ich.
Damit meine ich jedoch kein passives Vertrauen. Wenn man sich hinsetzt, die Hände in den Schoß legt und darauf vertraut, dass sich alles fügen wird, wird sich vermutlich nichts fügen.
Dieses Fügen bedeutet auch nicht, dass alle Träume, Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen, sondern dass rückblickend alles einen Sinn ergibt.
Viele Umwege und Sackgassen im Leben sind oft von Nutzen, um letztendlich den eigenen Weg und Lebenszufriedenheit zu finden. Manchmal – ich übertreibe jetzt – „muss” man durch die Hölle gehen, um das Paradies zu erreichen. Manchmal muss man die Fremdbestimmtheit überwinden, um selbstbestimmt durchs Leben gehen zu können. Manchmal muss man durch den Schmerz hindurchgehen, um Schmerzfreiheit genießen zu können.
Man muss nichts, man kann, wenn man will.
Tägliche Schreibanregung
Was ist der beste Rat, den du jemandem geben würdest, der jünger ist als du?
Meine längste Reise begann mit meiner Geburt und wird bis zu meinem Tod andauern. Was danach kommt, weiß man nicht. Vielleicht hat unsere Reise sogar lange vor der Geburt begonnen und führt über den Tod hinaus. Die Lebensreise ist die längste Reise, auf der ich mich befinde.
Als wer wurde ich geboren? Zu wem wurde ich gemacht? Wer bin ich? Wer möchte ich sein?
Nach dem heutigen Erkenntnisstand der Wissenschaft wurde ich mit einer 40- bis 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit als introvertierter Mensch geboren.
Ich war meinen Eltern zu ruhig. Sie machten mir deutlich, dass das nicht gut ist, und gaben mir so viele Anreize, dass ich mich allmählich extravertiert verhielt. Natürlich unbewusst. Das ist der 50- bis 60-prozentige Einfluss meiner Umwelt.
Ab der Zeit der Pubertät spürte ich eine gewisse innere Ambivalenz und Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte.
Erst sehr viel später, in der Begegnung mit einer zutiefst introvertierten Person, die entsprechend ihrem Temperament lebte und für deren Eltern Introversion etwas Normales war, erkannte ich meine eigene Introversion.
Ich häute mich also, lege die mich erschöpfenden extravertierten Anteile nach und nach ab und pflege meine introvertierten Anteile. Mein ambivalentes Gefühl verschwand und ich wurde ausgeglichener.
Darüber hinaus gibt es noch so viel mehr, was es auf der Lebensreise zu entdecken gibt: Sie erweitert meinen Horizont, erhält meine Flexibilität, lässt mich meine Gewohnheiten immer wieder anpassen, aus den Erfahrungen anderer lernen und offen bleiben für Veränderungen.
Tägliche Schreibanregung
Was war die längste Reise, die du je gemacht hast?
Wenn ich ein Jahr meines Lebens noch einmal erleben könnte, wäre es nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Schönes erlebt habe, um das Schöne noch einmal zu erleben. Und es wäre auch nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Fieses erlebt habe, um das Fiese vielleicht verhindern oder umgehen zu können.
Nein, ich würde mich für ein Jahr entscheiden, in dem die Weichen für mein zukünftiges Leben gestellt wurden. Natürlich mit dem Erfahrungsschatz von heute.
Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich die Wahl hatte, vom fünften Schuljahr der Hauptschule aufs Gymnasium zu wechseln. Ich hatte mich damals fürs Gymnasium entschieden. Heute würde ich mich vermutlich für den Verbleib auf der Hauptschule entscheiden und nach der Hauptschule zur Mittleren Reife oder zum Abitur weiterlernen.
Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich die Wahl gehabt hätte, nach der Mittleren Reife die Oberstufe hin zum Abitur zu durchlaufen. Mein ganzes Umfeld wollte, dass ich eine Ausbildung mache: Meine Eltern, weil sie mich während eines Studiums nicht finanziell unterstützen wollten und lieber sofort Kostgeld kassieren wollten, und die Schule, weil sie aus allen Nähten platzte. Damals hatte ich noch nicht das Bewusstsein und auch nicht das Rückgrat, um anders zu entscheiden.
Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich mich von meiner langjährigen Liebsten trennte. Ich tat es zugunsten einer neuen Liebe.
Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich einer Frau begegnete, einer temporären Kollegin, in die ich mich hoffnungslos und limerent verliebte. Sie sprach klar aus, dass sie meine Liebe nicht erwidern würde. Danach chatteten wir drei Monate lang jeden späten Abend und während der Arbeit per E-Mail. Was sie mir verschwieg, war, dass ihre Hochzeit unmittelbar bevorstand. Ich erfuhr es von Dritten, nachdem sie den Kontakt vor ihrer Hochzeit abrupt abbrach. Einer meiner Werte war und ist, mich nicht in bestehende Beziehungen zu drängen – egal, wie stark meine Gefühle sind. Mit dem Wissen von heute hätte ich Distanz zu ihr gehalten. Es hätte mir eine lange Zeit der Trauer erspart. Es hatte auch etwas Gutes. Durch diese Begegnung war ich plötzlich mit meinen Gefühlen verbunden.
Ich möchte kein Jahr meines Lebens noch einmal erleben. In der Quintessenz ist es gut, wie es war.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du ein Jahr deines Lebens noch einmal erleben könntest – welches wäre das?
Meine Nachricht an mein früheres Ich: Lieber Bernd, du bist in Ordnung, so wie du bist. Du bist introvertiert!
Es ist in Ordnung,
wenn du die Smalltalks beim Friseur nicht leiden kannst
dass du gut beobachten kannst
gewissenhaft, genau und ordnungsbewusst zu sein
zuverlässig zu sein, pünktlich zu sein, Schuldgefühle zu haben, wenn du andere Menschen in unangenehme Situationen gebracht hast
viel zu lesen anstatt draußen zu spielen
kenntnisreich zu sein
über alles lange nachzudenken
alles zu hinterfragen
mit anderen mitzufühlen, schäme dich nicht deiner eigenen Gefühle, auch Indianer kennen Schmerz und können weinen
andere zu verstehen
bescheiden zu sein
wenig zu reden und vor allem langsam, weil es gut ist, alles zu bedenken
deine Kreativität auszuleben
vorausschauen zu können, das ist kein Pessimismus, das ist eine Gabe
vieles zu planen
gut vorbereitet zu sein
vom Guten im Menschen auszugehen, doch: sei wachsam
nichts im Äußeren zu tun und dich im Inneren zu beschäftigen
geduldig und ausdauernd zu sein
vorsichtig zu sein und Risiken abzuwägen
nicht von Anderen abhängig zu sein und Zeit allein zu verbringen
offen für Neues zu bleiben
sich lange konzentrieren zu können
dich nicht für Statussymbole zu interessieren
ruhig zu sein
nachdenklich zu sein
Tagträumen nachzugehen
nur wenige Freund:innen zu haben, die wenigen wirst du lange haben
das Leben nicht leicht zu nehmen und ernsthaft zu sein
von Gefühlen überwältigt zu werden und sensibel zu sein
dich nur mit wenigen Menschen zu umgeben und eine Zeit lang allein zu sein
in die Natur zu gehen und dich an der Schöpfung zu erfreuen
nicht stundenlang einkaufen zu wollen
noch keine Freundin zu haben, wenn alle anderen eine haben
nicht zu jedem Thema etwas beitragen zu müssen
dich mit einer Sache unterbrechungsfrei beschäftigen zu können
nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen
Kunst zu mögen
wenn andere dich aufgrund deiner Introversion auf den ersten Blick „mysteriös“ empfinden, der zweite Blick wird es korrigieren
dich zurückzuziehen, wenn du erschöpft bist
sehr direkt zu sein; übe, dich zu entschuldigen
nicht euphorisch zu sein; es darf in dir toben
gehemmt zu sein; sprich darüber
dich in großen Gruppen unwohl zu fühlen
überstimuliert zu sein und dich dann zurückzuziehen und dir Pausen zu gönnen
nicht vor anderen Menschen Reden zu halten
leise zu reden
Telefonieren zu meiden; schreibe, schreibe, schreibe
bei hitzigen Streits, mit den Extravertierten nicht mithalten zu können
kein Partylöwe zu sein und die Menschen mit Geschichten zu unterhalten
beim Sprechen Denkpausen einzulegen
dich auf Parties unwohl zu fühlen
Augenkontakt zu vermeiden
nicht spontan sein zu können, das lernst du im Laufe deines Lebens
nur wenig von dir preiszugeben, auch das lernst du
dich unwohl zu fühlen, wenn du neue Umgebungen betrittst oder fremde Menschen kennenlernst
dich unterlegen zu fühlen, wenn du auf Menschen mit viel mehr Erfahrung triffst, irgendwann wirst du der Erfahrene sein
Dinge nicht parallel sonder seriell zu erledigen
nervös zu werden, wenn du beobachtet wirst; sprich es an
dich schneller und heftiger zu verlieben, verliere dich nicht dabei
weniger zu lächeln als andere, Introvertierte lächeln nach innen
nicht aus sich herauszugehen, auch das wird sich mit der Zeit wandeln
Mama und Papa haben keine Worte für eine Introversion. Die Gesellschaft in deiner Kindheit und Jugend betrachtet Introversion als Makel. Sie ist aber eine Stärke. Höre nicht auf Mama und Papa, wenn sie dich verbiegen möchten. Passe dich nicht an. Sei freundlich widerständig.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest: Was würdest du schreiben?
If you had a time machine and could send just one message to your past self, what would it say? | Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest, wie würde diese lauten?