Wir sind selbstbewusst und unabhängig. Wir führen ein unfassbar reiches und fast schon grenzenloses Innenleben.
ER geht oft auf zwei Beinen, tanzt ausgiebig, spielt Shortstop und liest Bücher – am liebsten „Krieg und Frieden” –, allerdings mit der Lesegeschwindigkeit von einem Wort pro Tag.
Trotz seiner Unabhängigkeit und gelegentlichen Arroganz empfindet ER tiefe Zuneigung zu mir, auch wenn ER das nicht immer zeigt.
Für ihn bin ich meist nur „der Mann mit dem Dreitagebart auf dem Kopf“ (the man with three-day stubble on his head), meine Hauptaufgabe ist es, ihm sein Abendessen zu bringen.
Obwohl ER mein Tier ist, sieht ER sich selbst eher als gleichberechtigt, wenn nicht sogar als überlegen.
Sein auffälligstes Merkmal ist seine Vorstellungskraft. Wenn ihm sein normales Dasein zu langweilig wird, schlüpft ER in verschiedene Rollen.
Oft sitzt ER an seiner Schreibmaschine. Sein Roman beginnt stets mit dem legendären Satz „Es war eine dunkle und stürmische Nacht …”, wird aber von den Verlagen unerbittlich abgelehnt – oft in Form von Absagemails.
Mit Sonnenbrille und Pullover lehnt ER lässig an Wänden und hält sich für den coolsten Typen.
Ausgestattet mit Fliegerbrille und rotem Schal kämpft ER auf dem Dach unseres Hauses imaginäre Luftschlachten gegen seinen unsichtbaren Erzfeind, den Roten Baron.
Mit ihm als lebenslangen Begleiter wäre das Leben immer anregend – wenn ER nicht gerade schläft oder isst.
ER ist ein Träumer, ein Philosoph und ein Lebenskünstler. ER zeigt mir, dass die Realität das ist, was ich aus ihr mache.
Ich könnte stundenlang mit ihm philosophieren, und das Leben wäre leichter.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du dir irgendein fiktives Tier als lebenslangen Begleiter aussuchen könntest (wie ein Pokémon oder ein Fantasy-Haustier) – welches wäre das?
If you could pick any fictional animal to be your lifelong companion (like a Pokémon or fantasy pet), what would it be? | Wenn du dir ein fiktives Tier als lebenslangen Begleiter aussuchen könntest (zum Beispiel ein Pokémon oder ein Fantasietier), welches wäre das?
Viel später, immer wenn wir zusammen geflogen sind, hielt sie meine Hand beim Start und der Landung. Sie sagte nichts dazu, sie legte nur ihre Hand in meine Hand und schloss die Augen. Daran denke ich jetzt auf dem Flug zurück nach Europa.
»Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.« Das ist der einzige Satz in Thomas Manns Zauberberg, der kursiv gedruckt ist. Der Satz wird nicht begründet, weil es für ihn keine Begründung gibt, so wie es für das Leben und das Weiterleben keine Begründung gibt. Ich sagte mir diesen Satz so viele Jahre vor, bis er nur noch ein Rhythmus war, ein Klang und ein Glaubenssatz. Und jetzt, nach sehr langer Zeit, gibt es manchmal Nachmittage, an denen ich nicht mehr in eine andere Richtung sehe, wenn ich an einem Café vorbeikomme, in dem wir zusammen waren.
~ Ferdinand von Schirach, Nachmittage, Eins
Zur Schreibanregung für den 27. August 2026 schrieb ich, dass ich vor ungefähr zehn Jahren damit begann, Thomas Manns Roman „Der Zauberberg” zu lesen. Das geschah einzig und allein aufgrund einer Challenge. Ich unterhielt mich damals mit meiner besten Freundin über Bücher und Lesen. Sie erzählte mir von „Der Zauberberg” und wie langweilig dieser Roman sei. Sinngemäß sagte sie, ich solle ihr glauben, wenn ich dieses Buch anfange zu lesen, würde ich es niemals zu Ende lesen. Das forderte mich heraus. Ich kaufte das Buch und fing an, es zu lesen.
Seit nunmehr zehn Jahren lese ich darin. Immer mal wieder, mit meist größeren Pausen dazwischen. Und ich habe den festen Willen, es auch irgendwann zu Ende zu lesen. Ich empfinde es nicht als langweilig, sondern als langwierig.
Ebenso gehen uns jüngere Erzählungen [durch den Kopf] wie […] Thomas Manns Roman um Hans Castorp, der aus dem »Flachland« zu einem Erholungsurlaub aufbricht und sich auf dem Zauberberg zu verlieren droht […], wenn wir an wahrlich lebensbestimmende Abschiedsmomente denken.
~ Ina Schmidt, Über die Vergänglichkeit, Wovon nehmen wir Abschied – und wie genau?
Der Roman ist langsam erzählt. Es kommt mir fast so vor, als würde ich die Geschichte in Echtzeit erleben. Und ich halte meinen Leserhythmus gerade für dieses Buch für angemessen. Ich nehme mir die Zeit. Dieses Buch begleitet mich nun bereits so lange.
Der Roman verlangt den Leser:innen radikale Geduld ab, weil er sie in seinen eigenen, extrem verlangsamten Rhythmus zwingt. Das zentrale Thema des Buchs ist Zeit, die hier physisch spürbar wird. Leser, die Action bevorzugen, sollten ihr Bedürfnis nach Kontemplation entdecken.
Denn die endlos scheinenden geistigen Duelle über Biologie, Humanismus, Politik und Religion sind der Motor des Romans. Reich belohnt wird, wer ohnehin gerne philosophiert.
Der See ist vollkommen glatt. Hier habe ich in einem Sommer vor 40 Jahren zum ersten Mal Thomas Manns »Zauberberg« gelesen, ich hatte damals kein Wort verstanden, weil ich noch nicht wusste, was Zeit ist.
~ Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, Sechsundzwanzig
Auch Leser:innen mit einem Sinn für feine Ironie kommen ganz auf ihre Kosten. Thomas Mann betrachtet das morbide Treiben im Sanatorium und die Eigenarten seiner Figuren stets mit einem Augenzwinkern: amüsiert und spöttisch.
„Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann.
~ Thomas Mann, Der Zauberberg, Mynheer Peeperkorn
Über hunderte von Seiten passiert in diesem Roman … Sanatoriumsalltag. Es gibt fünf üppige, reichliche Mahlzeiten täglich, bei denen der Leser allein beim Lesen zunimmt, lange Liegezeiten auf dem Balkon mit Fiebermessen sowie Untersuchungen und Beobachtungen zu Tische. Straffer Spannungsbogen: – Fehlanzeige.
Mancher Leserin kann das Buch vor dem Schlafengehen zur Nachtruhe verhelfen, wenn er gerade die hochkomplexen, beinah wissenschaftlichen Abhandlungen über die menschliche Anatomie oder die kristalline Beschaffenheit von Schneeflocken liest.
Thomas Manns berühmte Schachtelsätze und die Verwendung einiger Wörter oder Phrasen, die heute überhaupt nicht mehr gebräuchlich sind, erfordern hohe Konzentration. Außerdem gibt es ein zentrales Kapitel, das auf Französisch verfasst wurde.
Lautet die Aussage «Der Sultan von Brunei ist nicht unvermögend», so erwartet der Schreiber, dass der Leser ihn richtig – nämlich umgedreht – versteht; in diesem Fall wohl zu Recht. Aber das Risiko, dass viele das Zwinkern im Auge des Schreibers nicht sehen, läuft immer mit. Das Wort «Weltuntergang» auszusprechen wäre aus den meisten Mündern bloßes «scharfes Geschwätz», schreibt Thomas Mann im «Zauberberg». Doch im Munde des Mynheer Peeperkorn «gewann das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe». Thomas-Mann-Leser erkennen das als Ironie – doch die anderen? Wo sollen sie das Signal entdecken, dass sie die Passage nicht beim Wort nehmen dürfen?
~ Wolf Schneider, Deutsch!, Den Wortwitz pflegen
In der Serie „Twin Peaks“ sagt der Riese einmal sinngemäß, dass ein Weg entsteht, indem man einen Stein nach dem anderen legt. Der Zauberberg ist ein sehr langer Weg.
Ich habe das Glück, introvertiert zu sein, und kann mich stundenlang ohne Unterbrechung hochkonzentriert mit einer Sache beschäftigen und in einen Flow kommen. Außerdem mag ich Herausforderungen. Der Zauberberg ist eine solche.
Im Frühsommer des Jahres 1914 lag in Europa die Gewitterschwüle eines großen Krieges in der Luft. In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren auf diesem Kontinent gewaltige Mengen an politischem und militärischem Zündstoff angehäuft worden, aber fast schwerer noch wog das Faktum, daß es die gesellschaftlichen, ja die historischen Kräfte selbst waren, die zur gewaltsamen Lösung der Spannungen in den europäischen Gesellschaften und zwischen den europäischen Mächten drängten. Revolution oder Krieg hieß die schlichte Alternative, denn der Druck in den Tiefenschichten der europäischen Gesellschaften, ausgelöst durch dramatische Veränderungen technisch-industrieller und in der Folge davon auch gesellschaftlicher Art, verstärkte sich fast mit jedem Tag mehr. Alle Berichte aus der damaligen Zeit schildern einerseits eine hochdynamische Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, andererseits aber und parallel dazu jene bleierne »Zauberberg«-Stimmung des Fin de siècle. Aus diesem Widerspruch des Zeitgeistes zwischen Dynamik und Stillstand, zwischen der versteinerten Herrschaft der Mächte der Vergangenheit und einer rasenden Modernisierung entsprang eine tiefe Sehnsucht nach Reinigung, nach Veränderung, nach Aufbruch, nach Krieg.
~ Joschka Fischer, Risiko Deutschland. Krise und Zukunft der deutschen Politik, Les Incertitudes Allemandes III – Die Sehnsucht nach der »Utopie des Unglücks«
Immer wieder kehren meine Gedanken zu diesem Roman zurück, der die Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs beschreibt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Es sind die Jahre vor der Explosion der Gewalt, die langsam beginnen, dann an Fahrt gewinnen und Abermillionen Menschen überrollen werden.
Die Parallelen zu heute sind unübersehbar.
Ich muss mich beeilen, um den Roman zu Ende lesen zu können …
Gero von Boehm: Und Sie durften das Arbeitszimmer nicht betreten als Kinder? Golo Mann: Ganz selten, wenn er [Thomas Mann] abends vorlas, was vorkam. Das waren sehr feierliche Stunden. Er konnte ja wunderbar vorlesen. Er las uns Geschichten von Tolstoi oder Dostojewski vor, hauptsächlich russische Sachen. Später dann aus einem werdenden Werk. Das Erste, was ich selber hören durfte, waren die letzten »Zauberberg«-Kapitel. Der »Zauberberg« erschien ja 1924, da war ich also fünfzehn Jahre alt. Da durfte ich zum ersten Mal mit dabei sein, wenn er aus dem noch werdenden Werk vorlas, und seitdem immer, wenn ich zu Hause war.
~ Gero von Boehm, Begegnungen | Menschenbilder aus drei Jahrzehnten, Golo Mann
rueckzuginsprivate.de weist darauf hin, dass die Inhalte der geteilten und zusammengefassten Artikel die Ansicht der verlinkten Websites wiedergeben. Diese Ansicht muss nicht mit der Meinung von rueckzuginsprivate.de übereinstimmen.
In ihrem Artikel behandelt Carola Hesse-Marx die Frage, ob Maschinen wirklich intelligent sein können. Die Autorin argumentiert, dass der Begriff „Künstliche Intelligenz” irreführend ist, da er Technik fälschlicherweise als intelligent darstellt. Dies sieht sie als problematisch an, da es die Vorstellung von Intelligenz, die immer mit Leben verbunden ist, verwässert. Ihrer Meinung nach gibt es keine leblosen oder toten Intelligenzen.
Hesse-Marx warnt davor, dass Menschen durch den Einfluss von Technik ihre eigene Identität verlieren könnten. Sie beschreibt, dass es zu einer Vermischung zwischen Mensch und Maschine kommen kann, was psychische Angst vor dem Verlust der eigenen Persönlichkeit auslösen kann. Dies könnte dazu führen, dass Menschen zu bloßen „Befehlsempfängern“ ihrer eigenen Werkzeuge werden.
Die Autorin kritisiert auch die Machtansprüche bestimmter Menschen, die Technik als Mittel zur Kontrolle und Herrschaft über das Leben nutzen. Sie stellt fest, dass der Unterschied zwischen lebendigen und leblosen Systemen oft nicht erkannt wird und dass viele Menschen den kreativen Prozess des Lebens nicht mehr wertschätzen.
Insgesamt warnt der Artikel vor den Gefahren einer übermäßigen Technisierung und der möglichen Entfremdung des Menschen von seiner eigenen Identität.
rueckzuginsprivate.de weist darauf hin, dass die Inhalte der geteilten und zusammengefassten Artikel die Ansicht der verlinkten Websites wiedergeben. Diese Ansicht muss nicht mit der Meinung von rueckzuginsprivate.de übereinstimmen.
Ich möchte kein historisches Ereignis live miterleben. Erleben! Erfahren! Beobachten vielleicht.
Vielleicht bin ich auf einem Auge blind und erkenne die schönen, wundervollen historischen Ereignisse nicht.
Die historischen Ereignisse, die ich meine, sind mit Not, Tod und Elend verbunden. Mit menschlicher Hybris. Der Firnis der menschlichen Zivilisation ist hauchdünn und blätterte bei jedem historischen Ereignis ab.
Dem Menschen wohnt die Ursünde des Essens von der verbotenen Frucht inne. Er ist über dieses Stadium nie hinausgewachsen. Das Einzige, was wächst, sind sein Größenwahn und die Leidenschaften, die Leiden schaffen.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein historisches Ereignis live miterleben könntest – welches würdest du wählen?
If you could go back and witness any historical event, which one would you pick? | Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein beliebiges historisches Ereignis miterleben könntest, welches würdest du wählen?
In diesem Gespräch geht es um die Situation von Migranten in Ceuta, einer spanischen Enklave, sowie um die Reaktionen Europas auf die Flüchtlingskrise. Der Philosoph Daniel Loick äußert sich besorgt über die abnehmende Solidarität und den zunehmenden Rassismus in der Gesellschaft. Er stellt fest, dass die politische Reaktion auf die Flüchtlingskrise vor allem auf Abschottung und Rückführungen setzt, während Menschlichkeit und Mitgefühl oft in den Hintergrund gedrängt werden.
Ich glaube, wir sind zunächst einmal als Menschen, einfach als menschliche Lebewesen, empathische Lebewesen.
Also das ist zentral für unsere schon frühkindliche Sozialisation, dass es diese Fähigkeit gibt, Anteil zu nehmen am Schicksal von anderen.
Erst die Empathielosigkeit ist etwas, das wir uns antrainieren müssen. Also wir müssen uns die Empathie sozusagen abgewöhnen.
Und das passiert, glaube ich, durch bestimmte politische Strategien und Bilder, Sprachen, Kommunikationen, dass dann eben dieser ursprüngliche empathische Impuls abgetötet wird oder kanalisiert wird, gelenkt wird, sodass er dann eben selektiver wird.
~ Daniel Loick (* 1977), deutscher Philosoph und Sozialwissenschaftler. Er ist Associate Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam.
Loick vergleicht die aktuelle Situation mit der großen Flüchtlingskrise von 2015, als viele Menschen bereit waren, Flüchtlinge zu unterstützen. Heute sei die Empathie selektiver geworden und richte sich oft nur noch an bestimmte Gruppen von Migranten. Dies sei teilweise auf rassistische Einstellungen zurückzuführen.
Loick argumentiert, dass Empathie nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch in politisches Handeln übersetzt werden muss. Wichtig sei es, Menschen als Träger von Rechten und nicht nur als Empfänger von Hilfe zu sehen. Loick fordert deshalb die Schaffung gesellschaftlicher Strukturen, die es ermöglichen, Empathie in politisches Handeln umzusetzen, um eine offene und solidarische Gesellschaft zu fördern.
Aus dem Interview „Migranten in Ceuta – Philosoph: Europa erlebt eine „Krise der Solidarität““ der Deutschlandfunk-Sendung „Information und Musik“ vom –16.08.2026-.
rueckzuginsprivate.de weist darauf hin, dass die Inhalte der geteilten und zusammengefassten Artikel die Ansicht der verlinkten Websites wiedergeben. Diese Ansicht muss nicht mit der Meinung von rueckzuginsprivate.de übereinstimmen.
Es gibt viele Zitate, die meine Lebenseinstellung und Sicht auf das Leben am besten beschreiben, aber nicht nur das eine. Für heute entscheide ich mich für dieses:
Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
(Arthur Schopenhauer, 1839, Preisschrift über die Freiheit des menschlichen Willens)
Dieses Zitat könnte auch eine Antwort auf die tägliche Schreibanregung Nr. 2838 vom 30.07.2026 sein.
Populär wurde es durch Albert Einstein, der es 1932 in seinem Essay „Mein Glaubensbekenntnis” zitierte. Damit brachte Einstein zum Ausdruck, dass er die menschliche Willensfreiheit skeptisch sah und eher einer deterministischen Sichtweise zuneigte.
Schopenhauer unterschied zwischen zwei Freiheitsarten:
Die Handlungsfreiheit ermöglicht es mir, zu tun, was ich will, solange mich niemand daran hindert.
Die Willensfreiheit, ob ich überhaupt etwas wollen kann, liegt jedoch nicht in meiner freien Entscheidung.
Schopenhauer argumentierte, dass unsere Wünsche, Triebe und Motive nicht frei wählbar sind, sondern unserem angeborenen, unveränderlichen Charakter sowie den äußeren Umständen entspringen, die auf uns einwirken.
Wir können den Impulsen unseres Willens zwar folgen (also handeln), aber wir können nicht frei entscheiden, welche Impulse und Wünsche überhaupt in uns aufsteigen. Der Wille selbst ist durch unsere Natur und unsere Erfahrungen festgelegt und somit nicht frei.
Schopenhauer gab ein Beispiel, das ich hier sinngemäß wiedergebe:
Ich kann mein gesamtes Vermögen den Armen schenken – wenn ich es will. Ob ich diesen Willen habe, hängt jedoch von meinem Charakter und den auf mich wirkenden Motiven ab. Wäre ich von anderem Charakter, würde ich anders wollen – doch gerade diesen Charakter habe ich mir nicht selbst ausgesucht.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.
Dieses Zitat wird Viktor Frankl zugeordnet, stammt aber vermutlich nicht wörtlich von ihm, sondern stellt eine Zusammenfassung seines Denkens durch jemand anderen dar.
Wenn wir üben, nicht unmittelbar auf einen Reiz zu reagieren, sondern kurz innezuhalten, eröffnet sich die Möglichkeit, zwischen mehreren Reaktionen auf den Reiz zu wählen und somit eine charakterlich begrenzte Willensfreiheit herzustellen.
Tägliche Schreibanregung
Welches Zitat beschreibt deine Sicht aufs Leben perfekt?
Ich habe viele Lieblingszitate und nicht nur ein einziges. Für heute habe ich mich für das folgende entschieden:
Das Leben ist die Kategorie der Möglichkeit. Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.
~ Christian Friedrich Hebbel (1813–1863), deutscher Dramatiker und Lyriker
Hebbel notierte diesen Gedanken in seinen weltberühmten Tagebüchern und Aphorismen. Der Eintrag stammt aus den frühen Jahren seiner Aufzeichnungen, vermutlich aus dem Jahr 1838.
Hebbel versteht das Leben nicht als etwas Fertiges oder Besitzbares. Es ist vielmehr ein Raum der Möglichkeiten, in dem der Mensch erst durch sein Handeln zu dem wird, was er sein kann.
Hebbel drückt damit aus, dass die bloße Existenz – das nackte Dasein – noch keinen vorgefertigten Sinn oder Wert hat. Das Leben ist lediglich eine leere Leinwand oder das „Rohmaterial“. Erst durch den menschlichen Willen, das eigene Handeln und die bewusste Sinngebung formt der Mensch diese Gelegenheit zu „einem Etwas“ (einem erfüllten, bedeutungsvollen Schicksal).
Hebbel definiert das Leben als „Kategorie der Möglichkeit“ und entzieht ihm damit von vornherein den Status einer vorgefertigten „Wirklichkeit“.
Da das Leben reine Möglichkeit (Potenzial) ist, ist es an sich noch gar „nichts”, sondern wartet als bloße „Gelegenheit” darauf, durch den Menschen zu einer konkreten „Wirklichkeit” (einem Etwas) geformt zu werden.
Einerseits bin ich mir sicher, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Als Teil eines unvorstellbar kleinteiligen Räderwerks können wir das dahinterstehende Muster jedoch nicht erkennen. Noch nicht. Mit „alles” meine ich die große Entwicklung vom sogenannten Urknall bis heute. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unser „Wissen” diesbezüglich vergleichbar ist mit dem Wissen der Menschheit zu der Zeit, als sie überzeugt war, dass die Erde eine Scheibe und der Mittelpunkt von allem ist.
Die kleinteilige Entwicklung im Universum, auf der Erde und in unserem wahrgenommenen Leben firmiert vermutlich unter der Überschrift „Versuch und Irrtum”.
Der große Rahmen ist vorgegeben, der Inhalt gestaltet sich chaotisch.
Andererseits habe ich immer wieder – und mit zunehmender Lebenserfahrung immer öfter – das Gefühl, dass wir nicht real sind, sondern Teil einer hochentwickelten Computersimulation.
Tägliche Schreibanregung
Glaubst du, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert?