📅❓ „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“

Unabhängig davon, ob das Gehalt überall gleich wäre, würde ich heute als selbstständiger systemischer Psychotherapeut mit integrierter kognitiver Verhaltenstherapie arbeiten.

Ich hätte große Lust, Menschen ganzheitlich zu helfen, ihre festgefahrenen Verhaltens- und Denkmuster zu verändern und ihren Tunnelblick zu verlieren.

Die heutige Schreibanregung „vergisst”, dass für die meisten Jobs eine bestimmte Qualifikation erworben werden muss. Es ist also nicht nur eine Frage des Geldes, welchen Job ich ausüben würde. Ich muss auch subjektiv in der Lage sein, mir das für diesen Job erforderliche Wissen anzueignen und anzuwenden. Eine gute Voraussetzung dafür, dass sich Menschen ohne Existenzangst umschulen könnten, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. So könnten alle Menschen am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben und in Würde leben, wie es unser Grundgesetz fordert, aber durch das heutige Recht und die Praxis der Transferleistungen untergraben wird.

Eine Gemeinwohlwirtschaft inklusive eines bedingungslosen Grundeinkommens wäre eine Lösung für die heutige Frage und eine Antwort auf die vernichtende Klimakatastrophe sowie den aktuell vorbereiteten, alles vernichtenden Krieg.

Tägliche Schreibanregung
Wenn das Gehalt überall gleich wäre: Welchen Job würdest du gerade machen – und warum?

If the salary was the same, what job would you be doing right now and why?  |  Wenn das Gehalt dasselbe wäre, welchen Beruf würdest du dann gerade ausüben und warum?

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📅❓ Detektieren.

Da ich vor Kurzem kein neues Hobby für mich entdeckt habe, kann ich weder davon erzählen noch davon berichten, wie ich darauf gekommen bin.

Beim Nachdenken über die heutige Schreibanregung fiel mir jedoch ein Hobby ein, über das die BBC eine Serie in drei Staffeln produziert hat: das Detektieren.

Es handelt sich um die Serie „Detectorists”.

Wenn man die Handlung auf das Hobby des Sondengehens reduziert, liest sie sich wie eine fortlaufende, methodische archäologische Schatzsuche im ländlichen Essex.

Das Herzstück der Serie ist das titelgebende Duo, die beiden befreundeten Sondengänger Andy (Mackenzie Crook) und Lance (Toby Jones). Die Chemie der beiden Schauspieler passt perfekt.

Obwohl es vordergründig nur um ein paar Männer geht, die auf Äckern nach rostigem Schrott und römischen Münzen suchen (es gibt auch noch konkurrierende Sondengänger), geht es in „The Detectorists“ eigentlich um viel mehr. Die Serie fängt Themen wie männliche Freundschaft, Einsamkeit, die Liebe zur Natur und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben wunderschön ein.

Auch die Nebenfiguren aus dem lokalen Sondengänger-Verein werden liebevoll und augenzwinkernd gefeiert. Sie werden nie als reine Witzfiguren oder tumbe Nerds bloßgestellt, sondern als echte, tiefgründige Menschen mit all ihren alltäglichen Sorgen, Macken und Leidenschaften gezeichnet.

Das Drehbuch von Mackenzie Crook, der auch Regie führt und die Hauptrolle spielt, ist brillant. Der Humor ist trocken, subtil und extrem pointiert, kommt aber völlig ohne eingespielte Lacher aus. Die Serie glänzt durch clevere, schlagfertige Dialoge und fantastische, kurze, pointierte Bemerkungen, ohne dabei jemals in platten Klamauk abzurutschen. Meisterhaft pendelt sie zwischen leiser Komik, trockenem Humor und berührender Tragik.

Das Sondengehen bildet die Klammer um tragische, komische und tragikkomische Geschichten aus einer britischen Kleinstadt und ihren Bewohner:innen. Liebe, Freundschaft, Familien und deren Zusammenführung, Loyalität, Pubbesuche und Vereinsmeierei sind die noch viel interessanteren Nebenschauplätze.

„Detectorists“ ist ein echtes Juwel der britischen Fernsehlandschaft. Wer sich auf das ruhige Tempo („Slow Burn“) einlässt, wird mit einer der besten, lustigsten und herzlichsten Comedy-Drama-Serien der letzten Jahre belohnt.

Britischer Humor und Situationskomik vom Feinsten.

Die Serie sollte im Originalton angeschaut und gehört werden, denn keine Synchronisation kann den originalen Tonfall ersetzen. Die Serie ist untertitelt.

Tägliche Schreibanregung
Erzähl von einem Hobby, das du dir erst kürzlich angeeignet hast – wie bist du dazu gekommen?

Share a hobby you’ve picked up recently — what got you into it?  |  Erzähl uns von einem Hobby, das du vor Kurzem für dich entdeckt hast – wie bist du darauf gekommen?

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📅❓ Augenstern

Mir fällt kein selbst erlebter Zufall ein, der mir bis heute in Erinnerung geblieben wäre. Es gab viele alltägliche Zufälle, bei denen ich kurz innehielt, schmunzelte oder den Kopf schüttelte. Sie ergeben jedoch keine Geschichte.

Eine gelesene Geschichte ist mir jedoch bis heute gegenwärtig.

Anfang der 1970er Jahre schrieb Ursula Lebert für die Frauenzeitschrift „Brigitte” eine Artikelserie, für die sie jung verheiratete Paare in der ganzen Bundesrepublik besuchte und interviewte.

Etwa 30 Jahre später besuchte ihr Sohn, der Journalist Stephan Lebert, diese Paare erneut, um sie zu interviewen. Er wollte wissen, was aus ihnen geworden war.

Zusammen mit seiner Mutter veröffentlichte er 2002 das Buch „Du bist mein Augenstern. Was die Zeit aus Ehen macht“.

Die Leser:innen erfahren darin, welche Paare auch nach über 30 Jahren noch zusammen waren, welche geschieden sind und wer diese Zeit nicht überlebt hat.

Ein lesenswertes Buch. Leider besitze ich es nicht mehr und kann die folgende Lebensgeschichte nur ungefähr aus meiner Erinnerung heraus kurz nacherzählen:

Ich meine, eines der besuchten Paare hätte von einem Erlebnis eines ihrer Väter berichtet:

In den Nachkriegswirren hatte der Vater seine große Liebe verloren. Er hatte erfolglos nach ihr gesucht und dann in Westdeutschland eine Familie mit einer anderen Frau gegründet: Sie hatten sich verliebt, verlobt, geheiratet, Kinder bekommen und ein Haus gebaut.

Eines Tages in den 1990er Jahren fuhr der über 70-Jährige wie immer mit der Straßenbahn und erkannte seine große Liebe von damals als Mitfahrerin. Er sprach sie an, sie erkannten sich und erzählten sich gegenseitig ihr Leben. Sie war in der ehemaligen DDR bis 1989 „eingemauert” gewesen und war danach in den Westen übergesiedelt. Zuhause angekommen, packte er seine Koffer, ließ sein Leben der letzten 50 Jahre hinter sich und zog mit ihr zusammen.

Falls eine Leserin oder ein Leser dieses Buch besitzt, würde ich mich freuen, wenn sie oder er mir die entsprechenden Seiten als Fotos zuschicken könnte. Dann könnte ich die Geschichte genauer nacherzählen.

Tägliche Schreibanregung
Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?

What’s the weirdest coincidence you’ve ever experienced?  |  Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?

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📅❓ Was ist Zeit?

Die heutige Schreibanregung zu einem Buch, das ich nie zu Ende gelesen habe, und immer wieder daran denke, zielt für mich auf ein Buch ab, das ich auch nie zu Ende lesen möchte. Ein solches Buch besitze ich allerdings nicht.

Ich habe einige Bücher, vor allem Sachbücher, die ich schon vor langer Zeit gekauft habe und irgendwann noch lesen möchte.

Dann gibt es dieses eine Buch, „Ein wenig Leben” von Hanya Yanagihara, das ich angefangen habe zu lesen, mit dem ich aber überhaupt nichts anfangen konnte. Ich werde es vermutlich auch nie weiterlesen, denke aber auch nie an dieses Buch.

Und dann gibt es diesen Roman „Der Zauberberg” von Thomas Mann, den ich vor ungefähr zehn Jahren zu lesen begann. Aufgrund einer Challenge. Ich unterhielt mich damals mit meiner besten Freundin über Bücher und Lesen. Sie erzählte mir von „Der Zauberberg” und wie langweilig dieser Roman sei. Sie sagte sinngemäß, ich solle ihr glauben, wenn ich dieses Buch anfange zu lesen, würde ich es niemals zu Ende lesen. Das forderte mich heraus. Ich kaufte das Buch und fing an, es zu lesen.

Seit nunmehr zehn Jahren lese ich darin. Immer mal wieder, mit meist größeren Pausen dazwischen. Und ich habe den festen Willen, es auch irgendwann zu Ende zu lesen. Ich empfinde es nicht als langweilig.

Der Roman ist langsam erzählt, es kommt mir fast so vor, als würde ich die Geschichte in Echtzeit erleben. Und ich halte meinen Leserhythmus gerade für dieses Buch für angemessen. Ich nehme mir die Zeit. Dieses Buch begleitet mich nun bereits so lange.

Immer wieder muss ich an diesen Roman denken, der die Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs beschreibt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Es sind die Jahre vor der Explosion der Gewalt, die langsam beginnen, dann an Fahrt gewinnen und Abermillionen Menschen überrollen werden.

Die Parallelen zu heute sind unübersehbar.

Ich muss mich beeilen, um den Roman zu Ende lesen zu können …

Tägliche Schreibanregung
Welches Buch hast du nie zu Ende gelesen, denkst aber trotzdem immer wieder daran?

What’s a book you never finished but still think about?  |  Welches Buch hast du nie zu Ende gelesen, aber es geht dir immer noch durch den Kopf?

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📅❓ Im Paradies

»Liebe Reisegruppe, ich bin Adam, euer Reiseführer während eures Aufenthalts hier im Paradies. Der Begriff „Paradies” stammt übrigens aus dem Persischen und bedeutet wörtlich „umzäunter Raum” oder „Lustgarten”.

Wie ihr seht, herrscht hier ein mythischer Urzustand völliger Unschuld. Menschen, Tiere und Natur leben in absoluter Harmonie miteinander. Leid, Krankheit oder Tod existieren nicht.

Wenn ihr dorthin schaut, seht ihr, wie ein großer Strom entspringt und sich in vier Flüsse teilt, um das Land fruchtbar zu machen.

In der Mitte des Gartens stehen zwei besondere Bäume: der „Baum des Lebens“ und der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ … Frau Müller! Frau Müller!!! Frau Müller!!! – Ich sagte doch … Frau Müller, essen Sie nicht vom Baum der Erkenntnis, sonst … – Zu spät.«

Tägliche Schreibanregung
In welcher fiktiven Welt würdest du am liebsten Urlaub machen?

Which fictional world would be the most fun to vacation in?  |  In welcher fiktiven Welt würde es am meisten Spaß machen, Urlaub zu machen?

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📅❓ Größenwahn.

Ich möchte kein historisches Ereignis live miterleben. Erleben! Erfahren! Beobachten vielleicht.

Vielleicht bin ich auf einem Auge blind und erkenne die schönen, wundervollen historischen Ereignisse nicht.

Die historischen Ereignisse, die ich meine, sind mit Not, Tod und Elend verbunden. Mit menschlicher Hybris. Der Firnis der menschlichen Zivilisation ist hauchdünn und blätterte bei jedem historischen Ereignis ab.

Dem Menschen wohnt die Ursünde des Essens von der verbotenen Frucht inne. Er ist über dieses Stadium nie hinausgewachsen. Das Einzige, was wächst, sind sein Größenwahn und die Leidenschaften, die Leiden schaffen.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein historisches Ereignis live miterleben könntest – welches würdest du wählen?

If you could go back and witness any historical event, which one would you pick?  |  Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein beliebiges historisches Ereignis miterleben könntest, welches würdest du wählen?

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📅❓ Καρκίνος :: Λέων

Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, mir ein Tattoo stechen zu lassen.

Genauer gesagt, möchte ich mir zwei Tattoos stechen lassen: mein Sternzeichen und das benachbarte, da ich mich je nach Tagesempfinden mal in der Beschreibung des einen und mal in der des anderen wiederfinde. Krebs und Löwe.

Ich finde die astrologischen Eigenschafts- und Charakterzuschreibungen für Menschen sehr oft zutreffend. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Menschen so sind, weil sie in einem bestimmten Tierkreiszeichen geboren sind, oder ob sie von Geburt an entsprechend ihrer Beschreibung behandelt wurden. Ich neige tatsächlich dazu, dass uns das Tierkreiszeichen beeinflusst.

Zu beachten ist jedoch, dass astrologische Charakterbeschreibungen für einzelne Menschen erstaunlich passend wirken können, eine häufige, objektiv nachweisbare Übereinstimmung zwischen Sternzeichen und Persönlichkeit ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du dir jetzt sofort ein Tattoo stechen lassen müsstest: Was wäre es – und warum?

If you had to get a tattoo right now, what would it be and why?  |  Wenn du dir jetzt sofort ein Tattoo stechen lassen müsstest, was wäre es und warum?

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📅❓ 21 Millionen

Das Bild der „besseren Hälfte“ hat unter anderem einen poetischen Ursprung: Es geht auf den antiken Philosophen Platon und seinen „Mythos der Kugelmenschen“ zurück. Demnach waren Menschen ursprünglich kugelförmige Wesen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern. Von den Göttern wurden sie zur Strafe in zwei Hälften geteilt. Seitdem sucht jeder Mensch ein Leben lang nach seiner „anderen Hälfte“, um wieder vollkommen zu sein.

Ich mag diese Redewendung überhaupt nicht und verwende ihn auch nicht. Zu oft habe ich ihn mit einem Unterton gehört, der das Gegenteil des Ausdrucks vermittelte.

Auch scheint mir die heutige Schreibanregung aus einem weiteren Grund aus der Zeit gefallen zu sein: In Deutschland leben aktuell über 21 Millionen Erwachsene nicht in einer festen Beziehung. 16,7 Millionen Menschen leben allein in einem Haushalt, das sind 34,4 % aller Privathaushalte in Deutschland. Damit ist der Einpersonenhaushalt hierzulande die häufigste Haushaltsform.

Meine ehemalige Partnerin und mich verband die Sorge vor den unkalkulierbaren Folgen der Atomspaltung, sowohl der friedlichen als auch der militärischen. Wir waren Teil eines lokalen Friedensgrüppchens. Im Anschluss an unsere wöchentlichen Treffen führten wir über mehrere Wochen hinweg lange Gespräche zu zweit. Bei unserer ersten gemeinsamen Teilnahme an einer großen, überörtlichen Demonstration kamen wir uns so nah, dass wir fortan gemeinsam durchs Leben gegangen waren.

Tägliche Schreibanregung
Wie hast du deine bessere Hälfte kennengelernt?

How did you meet your significant other?  |  Wie hast du deinen Partner kennengelernt?

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📅❓ Lächerlichkeitsfalle

Ich bin für Veränderung und stetigen Wandel. Deshalb sind mir Traditionen, die sich unverändert wiederholen, suspekt. Außerdem sind mittlerweile fast alle Traditionen durch und durch kommerzialisiert, sodass der Sinn hinter der Tradition unscheinbar geworden ist.

Trotzdem gibt es zwei Traditionen, die ich besonders liebe, wenn (kleine) Kinder im Haushalt oder zu Besuch sind: das Ostereiersuchen am Ostersonntag und die Bescherung am Heiligen Abend mit den Geheimnissen und den kleinen „Wundern” in der Adventszeit.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Zeitfenster, in dem Kinder durch den „Osterhasen”, das „Christkind” oder den „Weihnachtsmann” zu beeindrucken sind, immer kleiner, da bereits in den Kindertagesstätten viele Kinder laut verkünden, dass es den Osterhasen, den Weihnachtsmann oder das Christkind gar nicht gibt.

Es ist zu einer Gratwanderung geworden, gläubige Kinder nicht in die Lächerlichkeitsfalle laufen zu lassen.

Tägliche Schreibanregung
Welche Tradition aus deinem Land liebst du besonders?

What’s a cultural tradition from your country that you love?  |  Welche kulturelle Tradition aus deinem Land magst du besonders gern?

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📅❓ Auf Messers Schneide.

Es ist der 3. Juni 2002, die Nacht in Pretoria war kalt. Das Gästehaus ist nicht beheizt. Tagsüber werden bei strahlendem Sonnenschein 25 Grad erreicht. Der Wecker klingelt, ich stehe auf und mir fröstelt es. Auch wegen der Aufregung. Heute werde ich den kleinen, dreijährigen, farbigen Waisenjungen kennenlernen, zu dem wir als Familie, als Eltern passen sollen. Außer uns wohnen noch vier andere Paare aus den Niederlanden, Belgien und Schweden im Gästehaus, die ebenfalls ihre Adoptivbabys oder Kleinkinder kennenlernen werden. Das nun vierte Frühstück in Südafrika ist das erste stille. Eine angespannte Stille. Alle sind aufgeregt.

Nach dem Frühstück werden wir von den Sozialpädagogen des christlichen Adoptivvermittlungsvereins in fünf Pkws abgeholt. Ein Paar fährt ins Krankenhaus, wo ein Baby auf sie wartet. Die anderen fahren eine Stunde von Pretoria entfernt in ein Kinderheim.

Unsere Sozialpädagogin Paula erzählt uns noch einmal den Ablauf und versucht, unser Lampenfieber zu beruhigen. Wir schweigen. Häuser, Hütten und Steppe ziehen an uns vorüber. Ich nehme das alles nur aus dem Augenwinkel wahr.

Nach ungefähr einer Stunde erreichen wir eine Wohngegend. Sie ist durch einen Zaun mit elektrischem Tor geschützt. Die Kriminalität lauert überall. Die Schere zwischen arm und reich ist zu groß. Wir dürfen einfahren. Wir halten vor einem großen Bungalow im Grünen.

Ich steige mit wackeligen Knien aus. Wir gehen eine Einfahrt hinunter. Wir klingeln. Wir werden erwartet. Das überrascht mich nicht. Die Begrüßung durch die Heimleitung ist sehr herzlich. Wir werden durch die Räume des Heims geführt. Speisesaal, Waschräume, Spielzimmer, Schlafzimmer und Küche. So stelle ich mir ein ideales Kinderheim vor.

Die Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter spielen im großen, schattigen, grünen und umzäunten Garten, der an einem kleinen, plätschernden Bach liegt. Wir treten auf die Terrasse.

Sofort kommen vier kleine Kinder auf uns vier Paare zugerannt. Es gibt Verwechslungen. Unser Sohn erkennt uns sofort, zögert einen Augenblick, vergewissert sich kurz bei seiner Erzieherin und läuft dann los, um mir in die Arme zu springen.

Die Kinder sind genauso gut auf uns vorbereitet wie wir auf sie. „Mummy! Daddy!“ Sein Blick wandert von meinem Arm in den blauen Himmel, in dem gerade ein Flugzeug einen Kondensstreifen hinter sich herzieht. Sein Arm schnellt nach oben, der Zeigefinger zeigt Richtung Flugzeug. „An airplane to germany!“

Er krault meinen Bart. Minutenlang.

Vor drei Monaten sprach er nur seine südafrikanische Muttersprache. In dieser Zeit hat er Englisch sprechen gelernt, kindgerecht. Genauso schnell wird er Deutsch lernen. Ab August wird er in den Kindergarten gehen.

Wenn ich ihn anschaue, springen sein Strahlen, seine Unbefangenheit, seine Fröhlichkeit und seine Lebendigkeit auf mich über. Gänsehaut. Ich habe feuchte Augen.

Auf der Rückfahrt ins Gästehaus schläft er erschöpft auf dem Schoß seiner Adoptivmutter ein.

Der Adoptivvermittlungsverein hat ganze Arbeit geleistet. Die Familien und Kinder passen ausgesprochen gut zusammen. Alle haben sich bis heute gut entwickelt.

Damals konnte ich noch nicht ahnen, was diesem kleinen Menschen widerfahren ist und wie sehr ihn das bis heute belastet. Es hätte ihn fast aus der Bahn geworfen.

Er muss in seinen ersten drei Lebensjahren eine innige Bindung zu seiner Mutter gehabt haben. Das machte ihn so widerstandsfähig, dass er auf Messers Schneide tanzen konnte.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest: Welcher wäre das – und warum?

If you could relive one day from your past, which day would it be and why?  |  Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest, welcher Tag wäre das und warum?

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