Introvertierte sind die besseren Zuhörer. Sie mögen tief gehende Gespräche und diskutieren gerne die Probleme von anderen Menschen. Sie sind weniger darauf aus, selbst zu Wort zu kommen, sondern hören einfach zu.
Es stimmt schon, dass ich gerne zuhöre, tiefgehende Gespräche mag und lieber die Probleme anderer Menschen diskutiere als meine eigenen. Andererseits bin ich auch sehr redselig.
Mein Verhältnis zu Telefonen ist eher neutral. (-; Aber es stimmt, dass ich Jahrzehnte lang keine Telefonate mochte. In Briefen und E-Mails fühlte ich mich hingegen wohl. Mittlerweile stehen Sprechen und Schreiben gleichwertig nebeneinander. Was ich jedoch nicht abgelegt habe und auch nicht ablegen möchte, ist meine Abneigung gegen Kaltbesuche an der Haustür oder Anrufe von unbekannten oder unterdrückten Telefonnummern. Die Haustür bleibt zu, ich stelle mich tot, und solche Anrufe landen auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht rufe ich zurück.
Diese Eigenschaft trifft auf mich zu. Ich kann mich gut auf eine Sache konzentrieren und mich so darin vertiefen, dass ich in einen Flow-Zustand gerate. Dazu braucht es eine ungestörte Umgebung. Da ich leicht ablenkbar bin, bleibe ich zwar konzentriert, erreiche aber nicht den Flow.
Introvertierte sind gut vorbereitet. Wann immer sie sich jemandem oder einer Gruppe von Menschen präsentieren müssen, sind sie äußerst gut vorbereitet. Ein Vortrag wird beispielsweise bis zur Erschöpfung durchgesprochen, Informationen werden verinnerlicht.
Oh ja. Abgesehen von der Erschöpfung. Bei Vorträgen habe ich nie vom Blatt abgelesen, sondern mit Stichwörtern bzw. Stichwortkarten gearbeitet. Der Vortrag sollte nicht statisch, sondern lebendig wirken. Ich musste in der Lage sein, auf Unvorhergesehenes möglichst souverän reagieren zu können. In der Vorbereitung war es mir wichtig, ein Zeitgefühl für die Länge zu entwickeln. Ebenso wichtig war es, mögliche Fragen vorwegzudenken und auf Einwände argumentativ reagieren zu können.
Introvertierte sind verständnisvoll. Sie hören besser zu, sind mitfühlend und reflektieren viel. All dies hilft, sich in ihre Mitmenschen besser hineinzuversetzen.
Ich habe nie das Feedback bekommen, dass ich unsozial sei oder wirke. Im Gegenteil.
Grundsätzlich bin ich ein geselliger Mensch. Das habe ich bereits in der Kindheit verinnerlicht, weil meine Eltern und meine Umwelt mir signalisiert haben, dass meine introvertierten Eigenschaften falsch sind (das Wort „introvertiert“ ist dabei damals nie gefallen). Ich wurde für extravertiertes Verhalten gelobt. Dadurch war ich unter Leuten, mehr als mir gut tat.
Heute achte ich darauf, dass die sogenannte Me-Time mit der geselligen Zeit für mich ausgeglichen ist.
Introvertierte fühlen sich unwohl in großen Gruppen. „Je mehr Leute desto besser“ könnte aus Sicht eines Introvertierten nicht falscher sein. Sie fühlen sich am wohlsten in kleinen Runden.
Vor zwei Wochen schrieb ich zum Thema „Partys“: Als Introvertierter fühle ich mich in einem Kreis von zehn Personen wohl. Alles darüber hinaus ist für mich eine Party, bei der ich mich unwohl fühle.
In großen Runden bin ich die graue Maus, in kleinen Runden kann ich hingegen auch mal der Partylöwe sein. (-;
Das ist heute nicht mehr so. In meinen ersten Schuljahren war das jedoch sehr ausgeprägt. Wenn mein Gegenüber mir keine Zeit ließ, meine Gedanken zu sortieren, und dann auch noch deutliche Zeichen der Ungeduld zeigte oder mich gar aufforderte, endlich zu sprechen, bekam ich einen Blackout und sagte nichts mehr. In diesen ersten Lebensjahren begann ich irgendwann auch zu stottern. Vermutlich, weil mein Vater ungeduldig und mit Druck auf mich reagierte. Durch eine Therapie konnte ich das Stottern überwinden und es ist nie wieder aufgetreten.
Meine Umwelt und ich hatten für diese „Generalpausen” keinen Namen, denn der Begriff „Introversion” war noch nicht geläufig. Ich fühlte mich falsch und war bemüht, mich „richtig” zu verhalten. Unbewusst versuchte ich, die Lücke zwischen Denken und Sprechen zu verkleinern, was mir spätestens mit Beginn meiner Ausbildung auch gelang. Das war aber auch ein Grund, warum ich nach solchen Situationen oder am Ende eines (Arbeits-)Tages erschöpft war.
Heute kann ich meinem Gegenüber signalisieren, dass ich noch etwas Zeit zum Denken benötige, bevor ich antworte oder spreche.
Wenn ihr also jemanden trefft, der nicht oder nur langsam antwortet, habt ihr vermutlich eine Person mit introvertierten Anteilen vor euch. Gebt ihr Gelegenheit zu denken. (-:
Sich unwohlfühlen bedeutet, ein schlechtes Gefühl zu haben und sich körperlich oder seelisch schlecht zu fühlen. Eine Partyist ein (privates oder öffentliches) geselliges, meist abendliches Treffen oder eine (private oder öffentliche) zwanglose Feier.
Partys? Sind das die Veranstaltungen, bei denen man Bekannte trifft und eine Seite von ihnen sieht, die man noch nicht kannte?
Als Jugendlicher ging ich einmal kurz pinkeln, während einer Klassenparty. Als ich in den Partykeller zurückkehrte, lagen die Klassenkamerad:innen knutschend in den Ecken. Ich fragte mich, ob ich einen Filmriss hatte.
Meine letzte Party als Partygast liegt schon lange zurück. Anlass war ein vierzigster Geburtstag. Ich kannte niemanden. Ich war ja auch nur miteingeladen worden. Als Anhängsel meiner ehemaligen Frau. Die große Wohnung diente als Partyraum. Ich krallte mich in der Küche am Küchenschrank fest. Kaum hatte ich mich dort postiert, krallte sich ein anderer Mann neben mich am Schrank fest und erzählte mir ungefragt seine Zahnarztgeschichten. Immerhin: Das Fingerfood war gut.
Ich kann auch keinen Unterschied zwischen einem Party- und einem Friseurbesuch erkennen. Es gibt nur Smalltalk. Habe ich schon erwähnt, dass ich Smalltalk hasse? Das ist der Grund, warum ich keinen Friseur mehr aufsuche. Ich kaufte mir einen Langhaarschneider und stellte 3 mm ein. Seitdem trage ich einen Dreitagebart auf dem Kopf. Der Langhaarschneider meldet sich nur, wenn der Akku leer ist, und interessiert sich nicht fürs Wetter.
Ich habe noch nie zu einer Party eingeladen.
Als Introvertierter fühle ich mich in einem Kreis von zehn Personen wohl. Alles darüber hinaus ist Party und ich fühle mich unwohl.