Ein Weg entsteht, indem man einen Stein nach dem anderen legt.

Viel später, immer wenn wir zusammen geflogen sind, hielt sie meine Hand beim Start und der Landung. Sie sagte nichts dazu, sie legte nur ihre Hand in meine Hand und schloss die Augen. Daran denke ich jetzt auf dem Flug zurück nach Europa.

»
Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.« Das ist der einzige Satz in Thomas Manns Zauberberg, der kursiv gedruckt ist. Der Satz wird nicht begründet, weil es für ihn keine Begründung gibt, so wie es für das Leben und das Weiterleben keine Begründung gibt. Ich sagte mir diesen Satz so viele Jahre vor, bis er nur noch ein Rhythmus war, ein Klang und ein Glaubenssatz. Und jetzt, nach sehr langer Zeit, gibt es manchmal Nachmittage, an denen ich nicht mehr in eine andere Richtung sehe, wenn ich an einem Café vorbeikomme, in dem wir zusammen waren.

~ Ferdinand von Schirach, Nachmittage, Eins

Zur Schreibanregung für den 27. August 2026 schrieb ich, dass ich vor ungefähr zehn Jahren damit begann, Thomas Manns Roman „Der Zauberberg” zu lesen. Das geschah einzig und allein aufgrund einer Challenge. Ich unterhielt mich damals mit meiner besten Freundin über Bücher und Lesen. Sie erzählte mir von „Der Zauberberg” und wie langweilig dieser Roman sei. Sinngemäß sagte sie, ich solle ihr glauben, wenn ich dieses Buch anfange zu lesen, würde ich es niemals zu Ende lesen. Das forderte mich heraus. Ich kaufte das Buch und fing an, es zu lesen.

Seit nunmehr zehn Jahren lese ich darin. Immer mal wieder, mit meist größeren Pausen dazwischen. Und ich habe den festen Willen, es auch irgendwann zu Ende zu lesen. Ich empfinde es nicht als langweilig, sondern als langwierig.

Ebenso gehen uns jüngere Erzählungen [durch den Kopf] wie […] Thomas Manns Roman um Hans Castorp, der aus dem »Flachland« zu einem Erholungsurlaub aufbricht und sich auf dem Zauberberg zu verlieren droht […], wenn wir an wahrlich lebensbestimmende Abschiedsmomente denken.

~ Ina Schmidt, Über die Vergänglichkeit, Wovon nehmen wir Abschied – und wie genau?

Der Roman ist langsam erzählt. Es kommt mir fast so vor, als würde ich die Geschichte in Echtzeit erleben. Und ich halte meinen Leserhythmus gerade für dieses Buch für angemessen. Ich nehme mir die Zeit. Dieses Buch begleitet mich nun bereits so lange.

Der Roman verlangt den Leser:innen radikale Geduld ab, weil er sie in seinen eigenen, extrem verlangsamten Rhythmus zwingt. Das zentrale Thema des Buchs ist Zeit, die hier physisch spürbar wird. Leser, die Action bevorzugen, sollten ihr Bedürfnis nach Kontemplation entdecken.

Denn die endlos scheinenden geistigen Duelle über Biologie, Humanismus, Politik und Religion sind der Motor des Romans. Reich belohnt wird, wer ohnehin gerne philosophiert.

Der See ist vollkommen glatt. Hier habe ich in einem Sommer vor 40 Jahren zum ersten Mal Thomas Manns »Zauberberg« gelesen, ich hatte damals kein Wort verstanden, weil ich noch nicht wusste, was Zeit ist.

~ Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, Sechsundzwanzig

Auch Leser:innen mit einem Sinn für feine Ironie kommen ganz auf ihre Kosten. Thomas Mann betrachtet das morbide Treiben im Sanatorium und die Eigenarten seiner Figuren stets mit einem Augenzwinkern: amüsiert und spöttisch.

„Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann.

~ Thomas Mann, Der Zauberberg, Mynheer Peeperkorn

Über hunderte von Seiten passiert in diesem Roman … Sanatoriumsalltag. Es gibt fünf üppige, reichliche Mahlzeiten täglich, bei denen der Leser allein beim Lesen zunimmt, lange Liegezeiten auf dem Balkon mit Fiebermessen sowie Untersuchungen und Beobachtungen zu Tische. Straffer Spannungsbogen: – Fehlanzeige.

Mancher Leserin kann das Buch vor dem Schlafengehen zur Nachtruhe verhelfen, wenn er gerade die hochkomplexen, beinah wissenschaftlichen Abhandlungen über die menschliche Anatomie oder die kristalline Beschaffenheit von Schneeflocken liest.

Thomas Manns berühmte Schachtelsätze und die Verwendung einiger Wörter oder Phrasen, die heute überhaupt nicht mehr gebräuchlich sind, erfordern hohe Konzentration.
Außerdem gibt es ein zentrales Kapitel, das auf Französisch verfasst wurde.

Lautet die Aussage «Der Sultan von Brunei ist nicht unvermögend», so erwartet der Schreiber, dass der Leser ihn richtig – nämlich umgedreht – versteht; in diesem Fall wohl zu Recht. Aber das Risiko, dass viele das Zwinkern im Auge des Schreibers nicht sehen, läuft immer mit. Das Wort «Weltuntergang» auszusprechen wäre aus den meisten Mündern bloßes «scharfes Geschwätz», schreibt Thomas Mann im «Zauberberg». Doch im Munde des Mynheer Peeperkorn «gewann das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe». Thomas-Mann-Leser erkennen das als Ironie – doch die anderen? Wo sollen sie das Signal entdecken, dass sie die Passage nicht beim Wort nehmen dürfen?

~ Wolf Schneider, Deutsch!, Den Wortwitz pflegen

In der Serie „Twin Peaks“ sagt der Riese einmal sinngemäß, dass ein Weg entsteht, indem man einen Stein nach dem anderen legt. Der Zauberberg ist ein sehr langer Weg.

Ich habe das Glück, introvertiert zu sein, und kann mich stundenlang ohne Unterbrechung hochkonzentriert mit einer Sache beschäftigen und in einen Flow kommen. Außerdem mag ich Herausforderungen. Der Zauberberg ist eine solche.

Im Frühsommer des Jahres 1914 lag in Europa die Gewitterschwüle eines großen Krieges in der Luft. In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren auf diesem Kontinent gewaltige Mengen an politischem und militärischem Zündstoff angehäuft worden, aber fast schwerer noch wog das Faktum, daß es die gesellschaftlichen, ja die historischen Kräfte selbst waren, die zur gewaltsamen Lösung der Spannungen in den europäischen Gesellschaften und zwischen den europäischen Mächten drängten. Revolution oder Krieg hieß die schlichte Alternative, denn der Druck in den Tiefenschichten der europäischen Gesellschaften, ausgelöst durch dramatische Veränderungen technisch-industrieller und in der Folge davon auch gesellschaftlicher Art, verstärkte sich fast mit jedem Tag mehr. Alle Berichte aus der damaligen Zeit schildern einerseits eine hochdynamische Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, andererseits aber und parallel dazu jene bleierne »Zauberberg«-Stimmung des Fin de siècle. Aus diesem Widerspruch des Zeitgeistes zwischen Dynamik und Stillstand, zwischen der versteinerten Herrschaft der Mächte der Vergangenheit und einer rasenden Modernisierung entsprang eine tiefe Sehnsucht nach Reinigung, nach Veränderung, nach Aufbruch, nach Krieg.

~ Joschka Fischer, Risiko Deutschland. Krise und Zukunft der deutschen Politik, Les Incertitudes Allemandes III – Die Sehnsucht nach der »Utopie des Unglücks«

Immer wieder kehren meine Gedanken zu diesem Roman zurück, der die Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs beschreibt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Es sind die Jahre vor der Explosion der Gewalt, die langsam beginnen, dann an Fahrt gewinnen und Abermillionen Menschen überrollen werden.

Die Parallelen zu heute sind unübersehbar.

Ich muss mich beeilen, um den Roman zu Ende lesen zu können …

Gero von Boehm: Und Sie durften das Arbeitszimmer nicht betreten als Kinder?
Golo Mann: Ganz selten, wenn er [Thomas Mann] abends vorlas, was vorkam. Das waren sehr feierliche Stunden. Er konnte ja wunderbar vorlesen. Er las uns Geschichten von Tolstoi oder Dostojewski vor, hauptsächlich russische Sachen. Später dann aus einem werdenden Werk. Das Erste, was ich selber hören durfte, waren die letzten »Zauberberg«-Kapitel. Der »Zauberberg« erschien ja 1924, da war ich also fünfzehn Jahre alt. Da durfte ich zum ersten Mal mit dabei sein, wenn er aus dem noch werdenden Werk vorlas, und seitdem immer, wenn ich zu Hause war.

~ Gero von Boehm, Begegnungen | Menschenbilder aus drei Jahrzehnten, Golo Mann

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📅❓ Hannibal Lecter?

Tauschen! Nicht einfach für eine Woche jemand anderes sein. Eine fiktive Figur taucht für eine Woche in mein Leben ein. Das will gut überlegt sein!

Hannibal Lecter wird es eher nicht.

Da ich den Zauberberg von Thomas Mann als Langzeitprojekt lese, würde ich gerne mit der fiktiven Figur Hans Castorp eine Woche das Leben tauschen. Er würde an meiner Stelle wohl keinen großen Schaden anrichten, und ich könnte das Sanatorium in den Bergen mit seiner illustren Schar an Patient:innen und Ärzten kennenlernen.

Mir gefällt, dass Thomas Mann seinen Protagonisten selbst als das „Sorgenkind des Lebens” bezeichnete. Hans Castorp zeichnet sich durch seine völlige Unauffälligkeit aus. Das gefällt mir. Er verkörpert wie ich die Mittelmäßigkeit. Er lässt die Dinge auf sich zukommen. Er ist ein Zuhörer. Ich fände es interessant, im Liegestuhl zu liegen und die philosophischen Diskurse um mich herum wie ein Schwamm aufzusaugen. Seine melancholische Ader gefällt mir. Ich wäre gespannt, ob auch ich mich in die kranke Russin Clawdia Chauchat verlieben würde.

Was wäre, wenn ich am Ende dieser Woche nicht mehr in mein altes Leben zurück wollte?

Damals wie heute stehen wir am Vorabend eines großen Krieges und Leidens. Ob Hans Castorp einiges bekannt vorkommen würde?

Tägliche Schreibanregung
Wenn du für eine Woche mit einer fiktiven Figur das Leben tauschen müsstest – wen würdest du wählen?

If you had to switch lives with a fictional character for a week, who would you choose?  |  Wenn du eine Woche lang das Leben einer fiktiven Figur führen müsstest, wen würdest du wählen?

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📅❓ Wälzer

Siebenhundert bis eintausend Seiten. Wenn man mich nach dem längsten Buch fragt, das ich je gelesen habe, dann liegen die Seitenzahlen dieser Bücher dazwischen.

Meine Eltern gehörten einem Buchclub an. Ein Buchclub war ein Vertriebsmodell, bei dem Verlage bzw. Buchgemeinschaften ihren Mitgliedern regelmäßig und vergleichsweise günstig Bücher verkauften. Typischerweise trat man einer Buchgemeinschaft bei und verpflichtete sich, in bestimmten Abständen ein Buch abzunehmen. Die Mitglieder erhielten die Bücher zu Preisen, die häufig unter denen des normalen Buchhandels lagen. Meine Mutter verschlang Bücher regelrecht. Ihr Leben lang. Bis zu ihrem Tod in hohem Alter, zuletzt noch auf einem E-Book-Reader.

Als Teenager bestellte ich mir ab und zu auch ein Buch oder eine Schallplatte. Damals war Alexander Issajewitsch Solschenizyn in aller Munde. Ich kaufte mir sein Buch „Der erste Kreis der Hölle“.

Es beschreibt das Leben in einer sogenannten „Scharaschka“, einem Arbeitslager für Wissenschaftler und Ingenieure. Es basiert auf Solschenizyns eigenen Erfahrungen im Spezialgefängnis Nr. 16 des MGB in Marfino bei Moskau. Was ich las, war mir fremd, fesselte mich jedoch und ich las die über 700 Seiten relativ zügig zu Ende.

Auf Gero von Boehm, einen Journalisten im besten Sinne, wurde ich durch Talkshows aufmerksam. Er ist ein äußerst angenehmer Zeitgenosse. Er verstand das Handwerk des Interviews. Er hat alles, was Rang und Namen hatte, fürs Fernsehen („Wortwechsel“, „Gero von Boehm begegnet …“) interviewt. Diese Sendungen hatte ich nicht gesehen. In einer der Talkshows wurde sein Buch „Begegnungen – Menschenbilder aus drei Jahrzehnten” vorgestellt. Ich kaufte es und las die über 700 Seiten über viele Jahre hinweg nach und nach. Es enthält weit über 70 Interviews. Keines war überflüssig, manches war schwierig, einige erhellend und verschiedene stellten größere Zusammenhänge her.

Am 27. August war erst Thomas Manns „Zauberberg” Gegenstand meiner Antwort auf die dann gestellte Schreibanregung. Wie berichtet, bin ich gerade dabei, die eintausend Seiten zu lesen. Gerade habe ich das erste Drittel geschafft. Es liest sich am besten, wenn man längere Zeit ans Bett gebunden oder immobil ist. Das Buch erfordert Konzentration. Mir begegnen Formulierungen und Worte, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Die Zeit verlangsamt sich und wird zur Zeitlupe. Wer die Zeit und Geduld aufbringt, kann in der Welt des Sanatoriums und der Siechen aufgehen.

Tägliche Schreibanregung
Was ist das längste Buch, das du je gelesen hast?

What’s the longest book you’ve ever read?  |  Was ist das längste Buch, das du je gelesen hast?

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