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Mir selbst bewusst zu sein. Zwar verfügte ich schon immer über die Fähigkeit zur Selbstreflexion, also die Fähigkeit, meine eigenen Gedanken, Gefühle, Motive und Reaktionen von außen zu betrachten und zu verstehen. Vermutlich ist das eine Folge davon, dass ich bereits als Kleinkind – vielleicht sogar schon im Mutterleib – gelernt habe, mich nur auf mich selbst verlassen zu können. Schwierigkeiten bereitete mir jedoch meine Identität, also das klare Wissen darüber, wer ich bin, welche Werte ich vertrete und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Das lag vermutlich daran, dass meine Eltern meine Introversion als falsch betrachteten und mir vermittelten, dass ich so, wie ich bin, falsch bin, und richtig, wenn ich mich extravertiert verhielt. Dadurch wurde mir lange der Zugang zu dem Wissen verwehrt, wer ich bin und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Ein weiterer Mangel bestand in der unterentwickelten Erkenntnis, mich abzugrenzen, also die Erkenntnis, als eigenständiges Individuum getrennt von der Umwelt und anderen Menschen zu existieren.
Dagegen war mein Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstvertrauen gut ausgeprägt. In der Rolle des angelernten, angepassten Extravertierten. Vermutlich als Folge des oben Skizzierten. Selbstwirksamkeit und soziale Sicherheit waren immer vorhanden, ebenso wie ein gutes Selbstwertgefühl.
Vieles in meinem Leben wäre einfacher, besser oder einfach anders gelaufen, wenn ich viel früher damit angefangen hätte, meine Introversion zu erkennen. Doch die Scheuklappen waren viel zu groß.
Tägliche Schreibanregung
Was hättest du im Leben gern viel früher angefangen?
What’s one thing you wish you had started doing earlier in life? | Was ist eine Sache, von der du dir wünschst, du hättest schon früher damit angefangen?
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Aber solange ich noch lebe, habe ich nur das eine zu sagen: Es ist ganz allein EURE Entscheidung, ob ihr so sein wollt, ob ihr das Leben so sehen wollt. ~ dann seid ihr auf dem richtigen Weg!
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Meine längste Reise begann mit meiner Geburt und wird bis zu meinem Tod andauern. Was danach kommt, weiß man nicht. Vielleicht hat unsere Reise sogar lange vor der Geburt begonnen und führt über den Tod hinaus. Die Lebensreise ist die längste Reise, auf der ich mich befinde.
Als wer wurde ich geboren? Zu wem wurde ich gemacht? Wer bin ich? Wer möchte ich sein?
Nach dem heutigen Erkenntnisstand der Wissenschaft wurde ich mit einer 40- bis 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit als introvertierter Mensch geboren.
Ich war meinen Eltern zu ruhig. Sie machten mir deutlich, dass das nicht gut ist, und gaben mir so viele Anreize, dass ich mich allmählich extravertiert verhielt. Natürlich unbewusst. Das ist der 50- bis 60-prozentige Einfluss meiner Umwelt.
Ab der Zeit der Pubertät spürte ich eine gewisse innere Ambivalenz und Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte.
Erst sehr viel später, in der Begegnung mit einer zutiefst introvertierten Person, die entsprechend ihrem Temperament lebte und für deren Eltern Introversion etwas Normales war, erkannte ich meine eigene Introversion.
Ich häute mich also, lege die mich erschöpfenden extravertierten Anteile nach und nach ab und pflege meine introvertierten Anteile. Mein ambivalentes Gefühl verschwand und ich wurde ausgeglichener.
Darüber hinaus gibt es noch so viel mehr, was es auf der Lebensreise zu entdecken gibt: Sie erweitert meinen Horizont, erhält meine Flexibilität, lässt mich meine Gewohnheiten immer wieder anpassen, aus den Erfahrungen anderer lernen und offen bleiben für Veränderungen.
Tägliche Schreibanregung
Was war die längste Reise, die du je gemacht hast?
Angenommen zu werden und zu spüren, dass man gut genug ist, so wie man ist, ist das Netteste, was jemand für einen tun kann.
Meine Oma Juliane hat mich so angenommen, wie ich bin, und mir immer das Gefühl gegeben, gut genug zu sein. Das war meine Rettung.
Es gab nur eine Situation, in der das nicht der Fall war: Als ich meiner Urgroßmutter Margarethe nämlich als Kind wütend einen Kaffeelöffel an den Kopf warf. Ich saß eingesperrt auf dem Dachboden und konnte darüber nachdenken. Ich habe daraus gelernt.
Tägliche Schreibanregung
Was ist das Netteste, das jemals jemand für dich getan hat?
Ich bin für Veränderung und stetigen Wandel. Deshalb sind mir Traditionen, die sich unverändert wiederholen, suspekt. Außerdem sind mittlerweile fast alle Traditionen durch und durch kommerzialisiert, sodass der Sinn hinter der Tradition unscheinbar geworden ist.
Trotzdem gibt es zwei Traditionen, die ich besonders liebe, wenn (kleine) Kinder im Haushalt oder zu Besuch sind: das Ostereiersuchen am Ostersonntag und die Bescherung am Heiligen Abend mit den Geheimnissen und den kleinen „Wundern” in der Adventszeit.
In den letzten Jahrzehnten wurde das Zeitfenster, in dem Kinder durch den „Osterhasen”, das „Christkind” oder den „Weihnachtsmann” zu beeindrucken sind, immer kleiner, da bereits in den Kindertagesstätten viele Kinder laut verkünden, dass es den Osterhasen, den Weihnachtsmann oder das Christkind gar nicht gibt.
Es ist zu einer Gratwanderung geworden, gläubige Kinder nicht in die Lächerlichkeitsfalle laufen zu lassen.
Tägliche Schreibanregung
Welche Tradition aus deinem Land liebst du besonders?
Bevor ich Kinder hatte, hätte ich die heutige Schreibanregung eindeutig beantwortet. Wer wir werden, wird überwiegend durch unsere Erziehung und Erfahrungen geprägt.
Doch wir bekamen keine leiblichen Kinder. Stattdessen kamen drei Adoptiv- und Pflegekinder zu uns. Ich wurde eines Besseren belehrt: It’s the genes, stupid.
Unsere Adoptivtochter, die als achttägige Neugeborene zu uns kam, band 16 Jahre lang fast unsere gesamte Energie (dann zog sie in ihre eigene Wohnung). Ihr Temperament stand genau im Gegensatz zu unserem. Mit Mitte 20 lernte sie – und wir – ihre leibliche Mutter kennen. Sie sind ein Kopf und ein Arsch, wie es im Umgangssprachlichen heißt. Sie könnten Geschwister sein, denn der Altersunterschied beträgt nur 15 Jahre. Sie rauchen gleich viel, sie trinken gleich viel, sie fahren beide einen heißen Reifen, sie sind beide hyperaktiv und sie ähneln sich sehr, um nur die offensichtlichsten Gemeinsamkeiten zu nennen. Es sind eindeutig die Gene und die Erfahrungen im Mutterleib.
Unser Adoptivsohn, der Mittlere, wuchs als farbiger Mensch in Südafrika auf. In seinen entscheidenden ersten drei Lebensjahren. Sein Temperament könnte nicht besser zu uns passen. Aber er ist eine Wundertüte, aus der seit 23 Jahren immer neue Überraschungen herausragen. Leider wissen wir nicht, was den Genen zugerechnet werden kann und was der Bindung zu seinen Bezugspersonen und seiner Erziehung – seine Mutter starb und der Vater ist unbekannt – geschuldet ist.
Unsere Pflegetochter, die Jüngste, kam als Sechsmonatige zu uns und aus der Notfallpflege wurde „lebenslänglich”. In den ersten drei Jahren gab es einen mäßigen, aber regelmäßigen Kontakt zur Mutter, sodass auch hier die Gene offensichtlich deutlich im Vordergrund stehen. Ihren Vater haben wir in ihren Teenagerjahren kennengelernt. Von ihm hat sie offensichtlich die uns überragende Körpergröße geerbt.
Offensichtlich prägen uns die Gene aus der Herkunftsfamilie und ggf. die Prägungen im Mutterleib oder in den ersten drei Lebensjahren etwas mehr als unsere Erziehung und Erfahrungen. Mit zunehmendem Alter und Erfahrungen treten die Gene allmählich etwas in den Hintergrund. Im letzten Lebensdrittel schieben sie sich wieder langsam nach vorne.
Bei so unterschiedlichen Kindern ist es für Eltern notwendig, sich in Erziehungsfragen einig zu sein. Letztlich sind wir u. a. auch daran gescheitert.
Und bei allem Einfluss der Gene ist es ein tolles Gefühl, zu sehen, wie die Kinder mit zunehmendem Alter und mehr Autonomie und Selbstständigkeit auch unsere Verhaltensweisen zeigen und unsere Werte leben. – Mal mehr, mal weniger.
Tägliche Schreibanregung
Glaubst du, wir werden mehr von unseren Erfahrungen geprägt oder von dem, wer wir sind?
Do you think we’re shaped more by our experiences or by who we are? | Glaubst du, dass wir eher durch unsere Erfahrungen geprägt werden oder dadurch, wer wir sind?