📅❓ Der Fremde in mir.

Wenn ich darüber nachdenke, welche Beziehung mich am meisten über mich selbst gelehrt hat, nenne ich als erstes meine Ehe und ihr Scheitern. Die letzte Zeit des Ringens während der ehelichen Agonie zwischen „change it, love it or leave it”, die relativ kurze Zeit, in der ich mich entschied, die Ehe zu verlassen, und die Zeit danach, in der ich mich intensiv mit mir selbst auseinandersetzte, haben mich zu Selbsterkenntnissen geführt.

Ein paar Jahre später folgte erst der virtuelle und später der telefonische Austausch mit einer jüngeren Frau, die selbstverständlich über ihre tiefe Introversion und wie sie diese lebt, sprach. Sie öffnete mir durch ihr Beispiel die in meiner Kindheit verschlossene Tür zu meiner eigenen Introversion. Diese eher lockere Beziehung war meine Rettung und hat mich am meisten über mich selbst gelehrt.

Welche Beziehung hat dich am meisten über dich selbst gelehrt?

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Which relationship has taught you the most about yourself?  |  Welche Beziehung hat dir am meisten über dich selbst beigebracht?

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📅❓ Scheuklappen

Mir selbst bewusst zu sein. Zwar verfügte ich schon immer über die Fähigkeit zur Selbstreflexion, also die Fähigkeit, meine eigenen Gedanken, Gefühle, Motive und Reaktionen von außen zu betrachten und zu verstehen. Vermutlich ist das eine Folge davon, dass ich bereits als Kleinkind – vielleicht sogar schon im Mutterleib – gelernt habe, mich nur auf mich selbst verlassen zu können. Schwierigkeiten bereitete mir jedoch meine Identität, also das klare Wissen darüber, wer ich bin, welche Werte ich vertrete und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Das lag vermutlich daran, dass meine Eltern meine Introversion als falsch betrachteten und mir vermittelten, dass ich so, wie ich bin, falsch bin, und richtig, wenn ich mich extravertiert verhielt. Dadurch wurde mir lange der Zugang zu dem Wissen verwehrt, wer ich bin und was meine Persönlichkeit im Kern ausmacht. Ein weiterer Mangel bestand in der unterentwickelten Erkenntnis, mich abzugrenzen, also die Erkenntnis, als eigenständiges Individuum getrennt von der Umwelt und anderen Menschen zu existieren.

Dagegen war mein Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstvertrauen gut ausgeprägt. In der Rolle des angelernten, angepassten Extravertierten. Vermutlich als Folge des oben Skizzierten. Selbstwirksamkeit und soziale Sicherheit waren immer vorhanden, ebenso wie ein gutes Selbstwertgefühl.

Vieles in meinem Leben wäre einfacher, besser oder einfach anders gelaufen, wenn ich viel früher damit angefangen hätte, meine Introversion zu erkennen. Doch die Scheuklappen waren viel zu groß.

Tägliche Schreibanregung
Was hättest du im Leben gern viel früher angefangen?

What’s one thing you wish you had started doing earlier in life?  |  Was ist eine Sache, von der du dir wünschst, du hättest schon früher damit angefangen?

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📅❓ Zu mir

Meine längste Reise begann mit meiner Geburt und wird bis zu meinem Tod andauern. Was danach kommt, weiß man nicht. Vielleicht hat unsere Reise sogar lange vor der Geburt begonnen und führt über den Tod hinaus. Die Lebensreise ist die längste Reise, auf der ich mich befinde.

Als wer wurde ich geboren? Zu wem wurde ich gemacht? Wer bin ich? Wer möchte ich sein?

Nach dem heutigen Erkenntnisstand der Wissenschaft wurde ich mit einer 40- bis 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit als introvertierter Mensch geboren.

Ich war meinen Eltern zu ruhig. Sie machten mir deutlich, dass das nicht gut ist, und gaben mir so viele Anreize, dass ich mich allmählich extravertiert verhielt. Natürlich unbewusst. Das ist der 50- bis 60-prozentige Einfluss meiner Umwelt.

Ab der Zeit der Pubertät spürte ich eine gewisse innere Ambivalenz und Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte.

Erst sehr viel später, in der Begegnung mit einer zutiefst introvertierten Person, die entsprechend ihrem Temperament lebte und für deren Eltern Introversion etwas Normales war, erkannte ich meine eigene Introversion.

Ich häute mich also, lege die mich erschöpfenden extravertierten Anteile nach und nach ab und pflege meine introvertierten Anteile. Mein ambivalentes Gefühl verschwand und ich wurde ausgeglichener.

Darüber hinaus gibt es noch so viel mehr, was es auf der Lebensreise zu entdecken gibt: Sie erweitert meinen Horizont, erhält meine Flexibilität, lässt mich meine Gewohnheiten immer wieder anpassen, aus den Erfahrungen anderer lernen und offen bleiben für Veränderungen.

Tägliche Schreibanregung
Was war die längste Reise, die du je gemacht hast?

What’s the longest trip you’ve ever taken?  |  Was war die längste Reise, die du je unternommen hast?

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🐚 euphorisch unglücklich lächelnd

Introvertierte wirken unglücklicher, weil sie weniger lächeln und weniger euphorisch sind.

~ 92 Eigenschaften von Introvertierten, introvertiert.org, https://www.introvertiert.org/92-eigenschaften-von-introvertierten

„Warum schaust du so ernst?“ Diese Frage wird mir oft gestellt. Lange wusste ich es selbst nicht. Heute antworte ich: „Ich bin introvertiert.” Ich bin oft in Gedanken. In mir. Dabei erschlaffen die Gesichtsmuskeln und die Physiognomie entspannt sich. Wenn ich mich in solchen Momenten ertappe und mich in der Öffentlichkeit oder in Gesellschaft befinde, ermahne ich mich, zu lächeln. Ich kann euphorisch sein, aber ich kann es nicht zeigen. Es tobt innerlich.

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📅❓ Freundlich widerstehen

Meine Nachricht an mein früheres Ich: Lieber Bernd, du bist in Ordnung, so wie du bist. Du bist introvertiert!

Es ist in Ordnung,

  • wenn du die Smalltalks beim Friseur nicht leiden kannst
  • dass du gut beobachten kannst
  • gewissenhaft, genau und ordnungsbewusst zu sein
  • zuverlässig zu sein, pünktlich zu sein, Schuldgefühle zu haben, wenn du andere Menschen in unangenehme Situationen gebracht hast
  • viel zu lesen anstatt draußen zu spielen
  • kenntnisreich zu sein
  • über alles lange nachzudenken
  • alles zu hinterfragen
  • mit anderen mitzufühlen, schäme dich nicht deiner eigenen Gefühle, auch Indianer kennen Schmerz und können weinen
  • andere zu verstehen
  • bescheiden zu sein
  • wenig zu reden und vor allem langsam, weil es gut ist, alles zu bedenken
  • deine Kreativität auszuleben
  • vorausschauen zu können, das ist kein Pessimismus, das ist eine Gabe
  • vieles zu planen
  • gut vorbereitet zu sein
  • vom Guten im Menschen auszugehen, doch: sei wachsam
  • nichts im Äußeren zu tun und dich im Inneren zu beschäftigen
  • geduldig und ausdauernd zu sein
  • vorsichtig zu sein und Risiken abzuwägen
  • nicht von Anderen abhängig zu sein und Zeit allein zu verbringen
  • offen für Neues zu bleiben
  • sich lange konzentrieren zu können
  • dich nicht für Statussymbole zu interessieren
  • ruhig zu sein
  • nachdenklich zu sein
  • Tagträumen nachzugehen
  • nur wenige Freund:innen zu haben, die wenigen wirst du lange haben
  • das Leben nicht leicht zu nehmen und ernsthaft zu sein
  • von Gefühlen überwältigt zu werden und sensibel zu sein
  • dich nur mit wenigen Menschen zu umgeben und eine Zeit lang allein zu sein
  • in die Natur zu gehen und dich an der Schöpfung zu erfreuen
  • nicht stundenlang einkaufen zu wollen
  • noch keine Freundin zu haben, wenn alle anderen eine haben
  • nicht zu jedem Thema etwas beitragen zu müssen
  • dich mit einer Sache unterbrechungsfrei beschäftigen zu können
  • nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen
  • Kunst zu mögen
  • wenn andere dich aufgrund deiner Introversion auf den ersten Blick „mysteriös“ empfinden, der zweite Blick wird es korrigieren
  • dich zurückzuziehen, wenn du erschöpft bist
  • sehr direkt zu sein; übe, dich zu entschuldigen
  • nicht euphorisch zu sein; es darf in dir toben
  • gehemmt zu sein; sprich darüber
  • dich in großen Gruppen unwohl zu fühlen
  • überstimuliert zu sein und dich dann zurückzuziehen und dir Pausen zu gönnen
  • nicht vor anderen Menschen Reden zu halten
  • leise zu reden
  • Telefonieren zu meiden; schreibe, schreibe, schreibe
  • bei hitzigen Streits, mit den Extravertierten nicht mithalten zu können
  • kein Partylöwe zu sein und die Menschen mit Geschichten zu unterhalten
  • beim Sprechen Denkpausen einzulegen
  • dich auf Parties unwohl zu fühlen
  • Augenkontakt zu vermeiden
  • nicht spontan sein zu können, das lernst du im Laufe deines Lebens
  • nur wenig von dir preiszugeben, auch das lernst du
  • dich unwohl zu fühlen, wenn du neue Umgebungen betrittst oder fremde Menschen kennenlernst
  • dich unterlegen zu fühlen, wenn du auf Menschen mit viel mehr Erfahrung triffst, irgendwann wirst du der Erfahrene sein
  • Dinge nicht parallel sonder seriell zu erledigen
  • nervös zu werden, wenn du beobachtet wirst; sprich es an
  • dich schneller und heftiger zu verlieben, verliere dich nicht dabei
  • weniger zu lächeln als andere, Introvertierte lächeln nach innen
  • nicht aus sich herauszugehen, auch das wird sich mit der Zeit wandeln

Mama und Papa haben keine Worte für eine Introversion. Die Gesellschaft in deiner Kindheit und Jugend betrachtet Introversion als Makel. Sie ist aber eine Stärke. Höre nicht auf Mama und Papa, wenn sie dich verbiegen möchten. Passe dich nicht an. Sei freundlich widerständig.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest: Was würdest du schreiben?

If you had a time machine and could send just one message to your past self, what would it say?  |  Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest, wie würde diese lauten?

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