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Es gehört viel dazu, einen Mann zu kennen. Noch viel mehr, ihn zu verstehen: den Krieger, den Weisen und den zornigen kleinen Jungen in ihm. Und es gehört viel dazu, eine Frau zu begreifen – das Summen in ihr, die Biene und den Stich, das Mädchen mit Flügeln, das sich nicht fangen lässt.
Wir schlüpfen in Rollen: Vater und Sohn, Mutter und Kind, Jäger und Waffe, Muse und Verfall. Kein Mensch ist nur eines. Jeder ist ein Haus mit vielen Zimmern und manche Türen öffnen sich erst, wenn man lange genug wartet.
Viel gehört dazu, zu geben. Um Hilfe zu bitten. Bei sich zu bleiben. Das eigene Leben zu lieben, mit allem, was darin wohnt. Zu atmen. Zu berühren. Zu spüren, wie langsam sichtbar wird, was ein anderer Körper braucht.
Dann stellt sich die Frage, die nicht loslässt: Wovor hast du Angst, es zu verlieren? Was fürchtest du, würde geschehen, wenn du es wirklich loslässt? Was trägst du mit dir herum? Und was erkennst du, wenn das Lachen verstummt?
Vielleicht ist Nähe kein Wissen, sondern ein Aushalten. Ein leises Sich-Zeigen. Ein Atemzug nach dem anderen, bis zwei Menschen einander nicht mehr erklären, sondern endlich wahrnehmen.
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Wenn ich ein Jahr meines Lebens noch einmal erleben könnte, wäre es nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Schönes erlebt habe, um das Schöne noch einmal zu erleben. Und es wäre auch nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Fieses erlebt habe, um das Fiese vielleicht verhindern oder umgehen zu können.
Nein, ich würde mich für ein Jahr entscheiden, in dem die Weichen für mein zukünftiges Leben gestellt wurden. Natürlich mit dem Erfahrungsschatz von heute.
Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich die Wahl hatte, vom fünften Schuljahr der Hauptschule aufs Gymnasium zu wechseln. Ich hatte mich damals fürs Gymnasium entschieden. Heute würde ich mich vermutlich für den Verbleib auf der Hauptschule entscheiden und nach der Hauptschule zur Mittleren Reife oder zum Abitur weiterlernen.
Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich die Wahl gehabt hätte, nach der Mittleren Reife die Oberstufe hin zum Abitur zu durchlaufen. Mein ganzes Umfeld wollte, dass ich eine Ausbildung mache: Meine Eltern, weil sie mich während eines Studiums nicht finanziell unterstützen wollten und lieber sofort Kostgeld kassieren wollten, und die Schule, weil sie aus allen Nähten platzte. Damals hatte ich noch nicht das Bewusstsein und auch nicht das Rückgrat, um anders zu entscheiden.
Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich mich von meiner langjährigen Liebsten trennte. Ich tat es zugunsten einer neuen Liebe.
Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich einer Frau begegnete, einer temporären Kollegin, in die ich mich hoffnungslos und limerent verliebte. Sie sprach klar aus, dass sie meine Liebe nicht erwidern würde. Danach chatteten wir drei Monate lang jeden späten Abend und während der Arbeit per E-Mail. Was sie mir verschwieg, war, dass ihre Hochzeit unmittelbar bevorstand. Ich erfuhr es von Dritten, nachdem sie den Kontakt vor ihrer Hochzeit abrupt abbrach. Einer meiner Werte war und ist, mich nicht in bestehende Beziehungen zu drängen – egal, wie stark meine Gefühle sind. Mit dem Wissen von heute hätte ich Distanz zu ihr gehalten. Es hätte mir eine lange Zeit der Trauer erspart. Es hatte auch etwas Gutes. Durch diese Begegnung war ich plötzlich mit meinen Gefühlen verbunden.
Ich möchte kein Jahr meines Lebens noch einmal erleben. In der Quintessenz ist es gut, wie es war.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du ein Jahr deines Lebens noch einmal erleben könntest – welches wäre das?
Angenommen zu werden und zu spüren, dass man gut genug ist, so wie man ist, ist das Netteste, was jemand für einen tun kann.
Meine Oma Juliane hat mich so angenommen, wie ich bin, und mir immer das Gefühl gegeben, gut genug zu sein. Das war meine Rettung.
Es gab nur eine Situation, in der das nicht der Fall war: Als ich meiner Urgroßmutter Margarethe nämlich als Kind wütend einen Kaffeelöffel an den Kopf warf. Ich saß eingesperrt auf dem Dachboden und konnte darüber nachdenken. Ich habe daraus gelernt.
Tägliche Schreibanregung
Was ist das Netteste, das jemals jemand für dich getan hat?
Meine Nachricht an mein früheres Ich: Lieber Bernd, du bist in Ordnung, so wie du bist. Du bist introvertiert!
Es ist in Ordnung,
wenn du die Smalltalks beim Friseur nicht leiden kannst
dass du gut beobachten kannst
gewissenhaft, genau und ordnungsbewusst zu sein
zuverlässig zu sein, pünktlich zu sein, Schuldgefühle zu haben, wenn du andere Menschen in unangenehme Situationen gebracht hast
viel zu lesen anstatt draußen zu spielen
kenntnisreich zu sein
über alles lange nachzudenken
alles zu hinterfragen
mit anderen mitzufühlen, schäme dich nicht deiner eigenen Gefühle, auch Indianer kennen Schmerz und können weinen
andere zu verstehen
bescheiden zu sein
wenig zu reden und vor allem langsam, weil es gut ist, alles zu bedenken
deine Kreativität auszuleben
vorausschauen zu können, das ist kein Pessimismus, das ist eine Gabe
vieles zu planen
gut vorbereitet zu sein
vom Guten im Menschen auszugehen, doch: sei wachsam
nichts im Äußeren zu tun und dich im Inneren zu beschäftigen
geduldig und ausdauernd zu sein
vorsichtig zu sein und Risiken abzuwägen
nicht von Anderen abhängig zu sein und Zeit allein zu verbringen
offen für Neues zu bleiben
sich lange konzentrieren zu können
dich nicht für Statussymbole zu interessieren
ruhig zu sein
nachdenklich zu sein
Tagträumen nachzugehen
nur wenige Freund:innen zu haben, die wenigen wirst du lange haben
das Leben nicht leicht zu nehmen und ernsthaft zu sein
von Gefühlen überwältigt zu werden und sensibel zu sein
dich nur mit wenigen Menschen zu umgeben und eine Zeit lang allein zu sein
in die Natur zu gehen und dich an der Schöpfung zu erfreuen
nicht stundenlang einkaufen zu wollen
noch keine Freundin zu haben, wenn alle anderen eine haben
nicht zu jedem Thema etwas beitragen zu müssen
dich mit einer Sache unterbrechungsfrei beschäftigen zu können
nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen
Kunst zu mögen
wenn andere dich aufgrund deiner Introversion auf den ersten Blick „mysteriös“ empfinden, der zweite Blick wird es korrigieren
dich zurückzuziehen, wenn du erschöpft bist
sehr direkt zu sein; übe, dich zu entschuldigen
nicht euphorisch zu sein; es darf in dir toben
gehemmt zu sein; sprich darüber
dich in großen Gruppen unwohl zu fühlen
überstimuliert zu sein und dich dann zurückzuziehen und dir Pausen zu gönnen
nicht vor anderen Menschen Reden zu halten
leise zu reden
Telefonieren zu meiden; schreibe, schreibe, schreibe
bei hitzigen Streits, mit den Extravertierten nicht mithalten zu können
kein Partylöwe zu sein und die Menschen mit Geschichten zu unterhalten
beim Sprechen Denkpausen einzulegen
dich auf Parties unwohl zu fühlen
Augenkontakt zu vermeiden
nicht spontan sein zu können, das lernst du im Laufe deines Lebens
nur wenig von dir preiszugeben, auch das lernst du
dich unwohl zu fühlen, wenn du neue Umgebungen betrittst oder fremde Menschen kennenlernst
dich unterlegen zu fühlen, wenn du auf Menschen mit viel mehr Erfahrung triffst, irgendwann wirst du der Erfahrene sein
Dinge nicht parallel sonder seriell zu erledigen
nervös zu werden, wenn du beobachtet wirst; sprich es an
dich schneller und heftiger zu verlieben, verliere dich nicht dabei
weniger zu lächeln als andere, Introvertierte lächeln nach innen
nicht aus sich herauszugehen, auch das wird sich mit der Zeit wandeln
Mama und Papa haben keine Worte für eine Introversion. Die Gesellschaft in deiner Kindheit und Jugend betrachtet Introversion als Makel. Sie ist aber eine Stärke. Höre nicht auf Mama und Papa, wenn sie dich verbiegen möchten. Passe dich nicht an. Sei freundlich widerständig.
Tägliche Schreibanregung
Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest: Was würdest du schreiben?
If you had a time machine and could send just one message to your past self, what would it say? | Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest, wie würde diese lauten?
Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, genau zu sein. Ich versuche es. Ich hasse es, nur halbe Sachen zu machen. Ich möchte immer das bestmögliche Ergebnis abliefern. Das ist das, was mir möglich ist. Wenn es anderen nicht genügt, habe ich damit kein Problem. Mehr geht halt manchmal nicht. Ja, ich neige zum Perfektionismus. Das kann andere in den „Wahnsinn” treiben. Ich habe jedoch gelernt, auch einmal Fünfe gerade sein zu lassen.