📅❓ Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Wenn ich ein Jahr meines Lebens noch einmal erleben könnte, wäre es nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Schönes erlebt habe, um das Schöne noch einmal zu erleben. Und es wäre auch nicht das Jahr, in dem ich etwas besonders Fieses erlebt habe, um das Fiese vielleicht verhindern oder umgehen zu können.

Nein, ich würde mich für ein Jahr entscheiden, in dem die Weichen für mein zukünftiges Leben gestellt wurden. Natürlich mit dem Erfahrungsschatz von heute.

Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich die Wahl hatte, vom fünften Schuljahr der Hauptschule aufs Gymnasium zu wechseln. Ich hatte mich damals fürs Gymnasium entschieden. Heute würde ich mich vermutlich für den Verbleib auf der Hauptschule entscheiden und nach der Hauptschule zur Mittleren Reife oder zum Abitur weiterlernen.

Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich die Wahl gehabt hätte, nach der Mittleren Reife die Oberstufe hin zum Abitur zu durchlaufen. Mein ganzes Umfeld wollte, dass ich eine Ausbildung mache: Meine Eltern, weil sie mich während eines Studiums nicht finanziell unterstützen wollten und lieber sofort Kostgeld kassieren wollten, und die Schule, weil sie aus allen Nähten platzte. Damals hatte ich noch nicht das Bewusstsein und auch nicht das Rückgrat, um anders zu entscheiden.

Vielleicht wäre es das Lebensjahr, in dem ich mich von meiner langjährigen Liebsten trennte. Ich tat es zugunsten einer neuen Liebe.

Vielleicht wäre es das Jahr, in dem ich einer Frau begegnete, einer temporären Kollegin, in die ich mich hoffnungslos und limerent verliebte. Sie sprach klar aus, dass sie meine Liebe nicht erwidern würde. Danach chatteten wir drei Monate lang jeden späten Abend und während der Arbeit per E-Mail. Was sie mir verschwieg, war, dass ihre Hochzeit unmittelbar bevorstand. Ich erfuhr es von Dritten, nachdem sie den Kontakt vor ihrer Hochzeit abrupt abbrach. Einer meiner Werte war und ist, mich nicht in bestehende Beziehungen zu drängen – egal, wie stark meine Gefühle sind. Mit dem Wissen von heute hätte ich Distanz zu ihr gehalten. Es hätte mir eine lange Zeit der Trauer erspart. Es hatte auch etwas Gutes. Durch diese Begegnung war ich plötzlich mit meinen Gefühlen verbunden.

Ich möchte kein Jahr meines Lebens noch einmal erleben. In der Quintessenz ist es gut, wie es war.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du ein Jahr deines Lebens noch einmal erleben könntest – welches wäre das?

If you could relive one year of your life, which one would it be?  |  Wenn du ein Jahr deines Lebens noch einmal erleben könntest, welches wäre das?

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📅❓ Augenstern

Mir fällt kein selbst erlebter Zufall ein, der mir bis heute in Erinnerung geblieben wäre. Es gab viele alltägliche Zufälle, bei denen ich kurz innehielt, schmunzelte oder den Kopf schüttelte. Sie ergeben jedoch keine Geschichte.

Eine gelesene Geschichte ist mir jedoch bis heute gegenwärtig.

Anfang der 1970er Jahre schrieb Ursula Lebert für die Frauenzeitschrift „Brigitte” eine Artikelserie, für die sie jung verheiratete Paare in der ganzen Bundesrepublik besuchte und interviewte.

Etwa 30 Jahre später besuchte ihr Sohn, der Journalist Stephan Lebert, diese Paare erneut, um sie zu interviewen. Er wollte wissen, was aus ihnen geworden war.

Zusammen mit seiner Mutter veröffentlichte er 2002 das Buch „Du bist mein Augenstern. Was die Zeit aus Ehen macht“.

Die Leser:innen erfahren darin, welche Paare auch nach über 30 Jahren noch zusammen waren, welche geschieden sind und wer diese Zeit nicht überlebt hat.

Ein lesenswertes Buch. Leider besitze ich es nicht mehr und kann die folgende Lebensgeschichte nur ungefähr aus meiner Erinnerung heraus kurz nacherzählen:

Ich meine, eines der besuchten Paare hätte von einem Erlebnis eines ihrer Väter berichtet:

In den Nachkriegswirren hatte der Vater seine große Liebe verloren. Er hatte erfolglos nach ihr gesucht und dann in Westdeutschland eine Familie mit einer anderen Frau gegründet: Sie hatten sich verliebt, verlobt, geheiratet, Kinder bekommen und ein Haus gebaut.

Eines Tages in den 1990er Jahren fuhr der über 70-Jährige wie immer mit der Straßenbahn und erkannte seine große Liebe von damals als Mitfahrerin. Er sprach sie an, sie erkannten sich und erzählten sich gegenseitig ihr Leben. Sie war in der ehemaligen DDR bis 1989 „eingemauert” gewesen und war danach in den Westen übergesiedelt. Zuhause angekommen, packte er seine Koffer, ließ sein Leben der letzten 50 Jahre hinter sich und zog mit ihr zusammen.

Falls eine Leserin oder ein Leser dieses Buch besitzt, würde ich mich freuen, wenn sie oder er mir die entsprechenden Seiten als Fotos zuschicken könnte. Dann könnte ich die Geschichte genauer nacherzählen.

Tägliche Schreibanregung
Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?

What’s the weirdest coincidence you’ve ever experienced?  |  Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?

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📅❓ Größenwahn.

Ich möchte kein historisches Ereignis live miterleben. Erleben! Erfahren! Beobachten vielleicht.

Vielleicht bin ich auf einem Auge blind und erkenne die schönen, wundervollen historischen Ereignisse nicht.

Die historischen Ereignisse, die ich meine, sind mit Not, Tod und Elend verbunden. Mit menschlicher Hybris. Der Firnis der menschlichen Zivilisation ist hauchdünn und blätterte bei jedem historischen Ereignis ab.

Dem Menschen wohnt die Ursünde des Essens von der verbotenen Frucht inne. Er ist über dieses Stadium nie hinausgewachsen. Das Einzige, was wächst, sind sein Größenwahn und die Leidenschaften, die Leiden schaffen.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein historisches Ereignis live miterleben könntest – welches würdest du wählen?

If you could go back and witness any historical event, which one would you pick?  |  Wenn du in die Vergangenheit reisen und ein beliebiges historisches Ereignis miterleben könntest, welches würdest du wählen?

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📅❓ Auf Messers Schneide.

Es ist der 3. Juni 2002, die Nacht in Pretoria war kalt. Das Gästehaus ist nicht beheizt. Tagsüber werden bei strahlendem Sonnenschein 25 Grad erreicht. Der Wecker klingelt, ich stehe auf und mir fröstelt es. Auch wegen der Aufregung. Heute werde ich den kleinen, dreijährigen, farbigen Waisenjungen kennenlernen, zu dem wir als Familie, als Eltern passen sollen. Außer uns wohnen noch vier andere Paare aus den Niederlanden, Belgien und Schweden im Gästehaus, die ebenfalls ihre Adoptivbabys oder Kleinkinder kennenlernen werden. Das nun vierte Frühstück in Südafrika ist das erste stille. Eine angespannte Stille. Alle sind aufgeregt.

Nach dem Frühstück werden wir von den Sozialpädagogen des christlichen Adoptivvermittlungsvereins in fünf Pkws abgeholt. Ein Paar fährt ins Krankenhaus, wo ein Baby auf sie wartet. Die anderen fahren eine Stunde von Pretoria entfernt in ein Kinderheim.

Unsere Sozialpädagogin Paula erzählt uns noch einmal den Ablauf und versucht, unser Lampenfieber zu beruhigen. Wir schweigen. Häuser, Hütten und Steppe ziehen an uns vorüber. Ich nehme das alles nur aus dem Augenwinkel wahr.

Nach ungefähr einer Stunde erreichen wir eine Wohngegend. Sie ist durch einen Zaun mit elektrischem Tor geschützt. Die Kriminalität lauert überall. Die Schere zwischen arm und reich ist zu groß. Wir dürfen einfahren. Wir halten vor einem großen Bungalow im Grünen.

Ich steige mit wackeligen Knien aus. Wir gehen eine Einfahrt hinunter. Wir klingeln. Wir werden erwartet. Das überrascht mich nicht. Die Begrüßung durch die Heimleitung ist sehr herzlich. Wir werden durch die Räume des Heims geführt. Speisesaal, Waschräume, Spielzimmer, Schlafzimmer und Küche. So stelle ich mir ein ideales Kinderheim vor.

Die Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter spielen im großen, schattigen, grünen und umzäunten Garten, der an einem kleinen, plätschernden Bach liegt. Wir treten auf die Terrasse.

Sofort kommen vier kleine Kinder auf uns vier Paare zugerannt. Es gibt Verwechslungen. Unser Sohn erkennt uns sofort, zögert einen Augenblick, vergewissert sich kurz bei seiner Erzieherin und läuft dann los, um mir in die Arme zu springen.

Die Kinder sind genauso gut auf uns vorbereitet wie wir auf sie. „Mummy! Daddy!“ Sein Blick wandert von meinem Arm in den blauen Himmel, in dem gerade ein Flugzeug einen Kondensstreifen hinter sich herzieht. Sein Arm schnellt nach oben, der Zeigefinger zeigt Richtung Flugzeug. „An airplane to germany!“

Er krault meinen Bart. Minutenlang.

Vor drei Monaten sprach er nur seine südafrikanische Muttersprache. In dieser Zeit hat er Englisch sprechen gelernt, kindgerecht. Genauso schnell wird er Deutsch lernen. Ab August wird er in den Kindergarten gehen.

Wenn ich ihn anschaue, springen sein Strahlen, seine Unbefangenheit, seine Fröhlichkeit und seine Lebendigkeit auf mich über. Gänsehaut. Ich habe feuchte Augen.

Auf der Rückfahrt ins Gästehaus schläft er erschöpft auf dem Schoß seiner Adoptivmutter ein.

Der Adoptivvermittlungsverein hat ganze Arbeit geleistet. Die Familien und Kinder passen ausgesprochen gut zusammen. Alle haben sich bis heute gut entwickelt.

Damals konnte ich noch nicht ahnen, was diesem kleinen Menschen widerfahren ist und wie sehr ihn das bis heute belastet. Es hätte ihn fast aus der Bahn geworfen.

Er muss in seinen ersten drei Lebensjahren eine innige Bindung zu seiner Mutter gehabt haben. Das machte ihn so widerstandsfähig, dass er auf Messers Schneide tanzen konnte.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest: Welcher wäre das – und warum?

If you could relive one day from your past, which day would it be and why?  |  Wenn du einen Tag aus deiner Vergangenheit noch einmal erleben könntest, welcher Tag wäre das und warum?

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📅❓ Die Pointe im Schnee

Erst am 18. Mai lautete die Schreibanregung „Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen könntest, um ihn nochmal zum allerersten Mal zu sehen – welcher wäre das?“.

Es bleibt beim Film:

Täglicher Schreibanreiz
Welches Buch, welchen Film oder welche Serie würdest du gern noch einmal zum allerersten Mal erleben?

What’s a book, movie, or TV show that you wish you could experience again for the first time?  |  Welches Buch, welchen Film oder welche Fernsehserie würdest du gerne noch einmal zum ersten Mal erleben?

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📅❓ Liebe & Frieden.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die Menschen, dass die Menschheit diese Lücke zwischen Reiz und Reaktion erkennt und innehält, bevor sie dem Impuls nachgeben: der Gier, dem maßlosen Verlangen, der Lust, der Begierde. Vermutlich würde dies bereits genügen, um die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit Leben zu erfüllen. Kein Kain müsste einen Abel mehr erschlagen. Friede und Liebe wären deutlich sichtbar und auffallend präsent.

Ich weiß, dass ich das wahrscheinlich nicht mehr erleben werde.

Den fortschreitenden Impulskontrollverlust allerdings schon.

Täglicher Schreibanreiz
Was würdest du in der Zukunft total gern sehen, obwohl du weißt, dass du es wahrscheinlich nicht mehr erleben wirst?

What’s something you’d love to see in the future, but know you probably won’t live to witness?  |  Was würdest du dir für die Zukunft wünschen, von dem du aber weißt, dass du es wahrscheinlich nicht mehr erleben wirst?

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