Angesichts der Verheerungen in der Welt – den ideologischen, den atomaren, den klimatischen, den kriegerischen, den kriminellen, den von Machtgier verursachten – sagte ich mir als Jugendlicher, dass ich keine eigenen Kinder bekommen, sondern Kinder adoptieren möchte.
Ich wollte am Ende meines Lebens nicht mit der Frage konfrontiert werden: „Warum hast du uns in diese Welt gesetzt?” Ich spürte die Last ererbter gesellschaftlicher Verantwortung und die Unmöglichkeit, die Entwicklung auf dieser Welt positiv zu beeinflussen.
Kinder brauchen Eltern. Und es gibt zu viele Waisenkinder auf dieser Welt. Mindestens einem von ihnen wollte ich ein behütetes Zuhause und eine liebevolle Familie geben.
Am Ende sind es drei Kinder geworden. Nicht allein durch aktives Handeln, sondern auch durch Fügung. Selbst als das Konzept der „Familie unter einem Dach” scheiterte, mussten die Kinder nicht darunter leiden.
Diese drei Versprechen (keine leiblichen Kinder, Adoption/Pflege, eine sichere Familie), die ich mir selbst gegeben habe, konnte und durfte ich auch wirklich einhalten.
Tägliche Schreibanregung
Welches Versprechen an dich selbst hast du wirklich gehalten?
What’s a promise you made to yourself that you’ve actually kept? | Welches Versprechen hast du dir selbst gegeben, das du auch wirklich eingehalten hast?
Bevor ich Kinder hatte, hätte ich die heutige Schreibanregung eindeutig beantwortet. Wer wir werden, wird überwiegend durch unsere Erziehung und Erfahrungen geprägt.
Doch wir bekamen keine leiblichen Kinder. Stattdessen kamen drei Adoptiv- und Pflegekinder zu uns. Ich wurde eines Besseren belehrt: It’s the genes, stupid.
Unsere Adoptivtochter, die als achttägige Neugeborene zu uns kam, band 16 Jahre lang fast unsere gesamte Energie (dann zog sie in ihre eigene Wohnung). Ihr Temperament stand genau im Gegensatz zu unserem. Mit Mitte 20 lernte sie – und wir – ihre leibliche Mutter kennen. Sie sind ein Kopf und ein Arsch, wie es im Umgangssprachlichen heißt. Sie könnten Geschwister sein, denn der Altersunterschied beträgt nur 15 Jahre. Sie rauchen gleich viel, sie trinken gleich viel, sie fahren beide einen heißen Reifen, sie sind beide hyperaktiv und sie ähneln sich sehr, um nur die offensichtlichsten Gemeinsamkeiten zu nennen. Es sind eindeutig die Gene und die Erfahrungen im Mutterleib.
Unser Adoptivsohn, der Mittlere, wuchs als farbiger Mensch in Südafrika auf. In seinen entscheidenden ersten drei Lebensjahren. Sein Temperament könnte nicht besser zu uns passen. Aber er ist eine Wundertüte, aus der seit 23 Jahren immer neue Überraschungen herausragen. Leider wissen wir nicht, was den Genen zugerechnet werden kann und was der Bindung zu seinen Bezugspersonen und seiner Erziehung – seine Mutter starb und der Vater ist unbekannt – geschuldet ist.
Unsere Pflegetochter, die Jüngste, kam als Sechsmonatige zu uns und aus der Notfallpflege wurde „lebenslänglich”. In den ersten drei Jahren gab es einen mäßigen, aber regelmäßigen Kontakt zur Mutter, sodass auch hier die Gene offensichtlich deutlich im Vordergrund stehen. Ihren Vater haben wir in ihren Teenagerjahren kennengelernt. Von ihm hat sie offensichtlich die uns überragende Körpergröße geerbt.
Offensichtlich prägen uns die Gene aus der Herkunftsfamilie und ggf. die Prägungen im Mutterleib oder in den ersten drei Lebensjahren etwas mehr als unsere Erziehung und Erfahrungen. Mit zunehmendem Alter und Erfahrungen treten die Gene allmählich etwas in den Hintergrund. Im letzten Lebensdrittel schieben sie sich wieder langsam nach vorne.
Bei so unterschiedlichen Kindern ist es für Eltern notwendig, sich in Erziehungsfragen einig zu sein. Letztlich sind wir u. a. auch daran gescheitert.
Und bei allem Einfluss der Gene ist es ein tolles Gefühl, zu sehen, wie die Kinder mit zunehmendem Alter und mehr Autonomie und Selbstständigkeit auch unsere Verhaltensweisen zeigen und unsere Werte leben. – Mal mehr, mal weniger.
Tägliche Schreibanregung
Glaubst du, wir werden mehr von unseren Erfahrungen geprägt oder von dem, wer wir sind?
Do you think we’re shaped more by our experiences or by who we are? | Glaubst du, dass wir eher durch unsere Erfahrungen geprägt werden oder dadurch, wer wir sind?