„Warum schaust du so ernst?“ Diese Frage wird mir oft gestellt. Lange wusste ich es selbst nicht. Heute antworte ich: „Ich bin introvertiert.” Ich bin oft in Gedanken. In mir. Dabei erschlaffen die Gesichtsmuskeln und die Physiognomie entspannt sich. Wenn ich mich in solchen Momenten ertappe und mich in der Öffentlichkeit oder in Gesellschaft befinde, ermahne ich mich, zu lächeln. Ich kann euphorisch sein, aber ich kann es nicht zeigen. Es tobt innerlich.
Introvertierte haben ein geringeres Selbstbewusstsein. Das ist jedoch nur eine indirekte Eigenschaft, die durch die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion hervorgerufen wird.
Nur zur Erinnerung: Selbstbewusstsein bedeutet wörtlich, dass man sich seiner selbst bewusst ist. Man kennt seine Stärken, Schwächen, Werte und Bedürfnisse. Man weiß beispielsweise sehr genau, in welchen Situationen man aufblüht, welche Werte einem wichtig sind und wann man sich lieber zurückzieht, um Energie zu tanken. Es ist eine klare, realistische und ungeschönte Sicht auf die eigene Persönlichkeit.
Introvertiert.org hat diese von Introvertierten selbst beschriebenen Eigenschaften 2013 veröffentlicht. Ich vermute, dass diese Eigenschaft umso weniger ausgeprägt ist, je jünger die oder der Introvertierte ist. Denn die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion wurde im Laufe der Jahrzehnte schwächer. Ich hatte das Pech, Eltern zu haben, für die Introversion fast schon eine behandlungsbedürftige Krankheit darstellte. Das haben sie mir von klein auf vermittelt, sodass ich mich bereits als Kind unbewusst anpasste und lernte, mich extravertiert zu verhalten. Die Folge war ein ambivalentes Lebensgefühl, das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein. Erst die Begegnung mit einer viel jüngeren, sehr selbstbewussten Introvertierten hat mir die Augen geöffnet, sodass ich heute meine starken introvertierten Anteile kenne und immer mehr auslebe.
Introvertierte wollen wachsen. Sie haben einen besonders starken Drang nach persönlichem Wachstum. Dieses erreichen sie vor allem durch Lesen und Reflexion – aber auch durch neue Erlebnisse in einem für sie erträglichen Umfang.
Auch in dieser Eigenschaft erkannte ich mich plötzlich wieder. Ich möchte mich weiterentwickeln und nicht stehenbleiben. Ich will mich verändern, langsam und stetig. Und tatsächlich gelingt mir das, wenn ich über das Gelesene und über mich selbst nachdenke. Da mich Bilder stark ansprechen, sind es auch Filme, die mich wachsen lassen. Es sind weniger neue Erlebnisse, da diese viel Energie kosten und mich erschöpfen. Deshalb stimmt auch die Aussage mit dem „erträglichen Umfang”.
Introvertierte arbeiten gern ohne Unterbrechung. Da sie mit ihren Gedanken arbeiten, werden sie ungern unterbrochen. Im modernen Büroalltag ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit und kann negativ wahrgenommen werden.
Unterbrechungen der Arbeit werden im modernen Büroalltag negativ wahrgenommen. Vor allem von Introvertierten. (-: Ich konnte üben, mich nicht über Unterbrechungen zu ärgern. Für Arbeiten, die hohe Konzentration erforderten, gab es Rückzugsräume.
Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, genau zu sein. Ich versuche es. Ich hasse es, nur halbe Sachen zu machen. Ich möchte immer das bestmögliche Ergebnis abliefern. Das ist das, was mir möglich ist. Wenn es anderen nicht genügt, habe ich damit kein Problem. Mehr geht halt manchmal nicht. Ja, ich neige zum Perfektionismus. Das kann andere in den „Wahnsinn” treiben. Ich habe jedoch gelernt, auch einmal Fünfe gerade sein zu lassen.
In hektischen, stressigen oder unübersichtlichen Momenten behalte ich oft meine äußere Ruhe. Ich beobachte, analysiere und denke nach, bevor ich handle. Dafür erfahre ich Wertschätzung.
In entspannteren, geselligen oder leistungsorientierten Momenten wird genau diese Ruhe jedoch plötzlich negativ ausgelegt. Sie wird oft fälschlicherweise als Desinteresse, Schüchternheit, Arroganz oder mangelnde Initiative ausgelegt. Dafür erfahre ich Geringschätzung.
Introvertierte sind weniger materialistisch. Sie wenden sich eher ihrem Innenleben zu als externen Dingen. Daher sind ihnen Statussymbole weniger wichtig.
So ist es. Statussymbole interessieren mich überhaupt nicht. Externe Dinge müssen funktionieren und technisch oder materialmäßig gut sein. Wenn ein von der Allgemeinheit als Statussymbol betrachtetes Ding hervorragend funktioniert und sich in meinem Besitz befindet, ist es mir sogar unangenehm.
Introvertierte sind die besseren Zuhörer. Sie mögen tief gehende Gespräche und diskutieren gerne die Probleme von anderen Menschen. Sie sind weniger darauf aus, selbst zu Wort zu kommen, sondern hören einfach zu.
Es stimmt schon, dass ich gerne zuhöre, tiefgehende Gespräche mag und lieber die Probleme anderer Menschen diskutiere als meine eigenen. Andererseits bin ich auch sehr redselig.