Eine Story im Sinne einer die Handlung ausmachende (zumeist knapp umrissene) Geschichte einer literarischen, filmischen, theatralischen oder ähnlichen Erzählung? Oh, nein.
Eine Story im Sinne einer ungewöhnlichen, zuweilen abenteuerlichen beziehungsweise wenig glaubhaften Geschichte, die sich ereignet haben soll? Oh, nein.
Eine Story im Sinne einer sachliche Wiedergabe wichtiger (gegenwartsnaher) Ereignisse, Entwicklungen oder dergleichen? Oh, ja.
Meine Morgenroutine und meine Aktivitäten in der ersten Stunde des Tages ändern sich mit der Zeit. Ich mag Rituale, vor allem neue. Wenn sie sich jedoch irgendwann starr und unbeweglich anfühlen, „erfinde” ich neue.
Geweckt werde ich nach wie vor durch das Programm des Deutschlandfunks. Ich lausche noch ein paar Minuten dem aktuellen Bericht, den darauffolgenden Nachrichten und der Presseschau. Wenn die Nachrichtenredaktionen mich mal wieder mit irgendwelchen Narrativen und/oder einseitigen Betrachtungen indoktrinieren wollen, bin ich hellwach. Das hilft mir ungemein, meine Träume hinter mir zu lassen, im Hier und Jetzt anzukommen und mich darin zu bestätigen, diesen Inszenierungen den Rücken gekehrt zu haben.
Wenn ich dann mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehe – also heil die Leiter meines großen Hochbettes heruntergestiegen bin –, entscheide ich spontan, ob ich mich zuerst frisch mache (z. B. Rasieren, Duschen, Zähneputzen) oder frühstücke. Ich frühstücke mein abends zuvor vorbereitetes Müsli und koche mir einen Becher Kaffee. Während des Frühstücks höre ich einen meiner abonnierten Podcasts. Wenn ich ihn für teilenswert halte, teile ich ihn später im Blog.
Ich liebe es, wenn der Sonnenaufgang in meine Morgenroutine fällt. Ich ziehe dann die Rollläden und die Innenjalousien nach oben. Während ich frühstücke, fällt mein Blick himmelwärts und ich erhasche vielleicht die ersten von rechts kommenden Sonnenstrahlen. Ich blicke ins beruhigende Grün der Baumkronen.
Für Frühstück, Podcast und den Badbesuch lasse ich mir Zeit, sodass am Ende schon eineinhalb Stunden des neuen Tages vergangen sind.
Ich habe dich zum König gemacht und du hast vergessen, dass ich es war, die die Krone hielt. Während die Jahre wie Perlen von einer Schnur fielen – eine nach der anderen –, wartete ich, doch du warfst sie den Säuen hin.
Du nanntest dich Spielveränderer, Tor-Rüttler, Herr über Blitz und Licht. Doch der Blitz war mein. Mein war das Leuchten, das deinen Schatten so hoch und mächtig werden ließ. Meine Hungersnot deckte dein Festmahl, mein Schweigen füllte deinen Saal. Und ich bat um Krümel von einem Tisch, der ohne mich längst zusammengebrochen wäre.
Dann sah ich dich an. Da war kein König. Da war Leere, ein Thron aus geliehenem Glanz. Und ich begriff: Ich muss nicht länger betteln. Ich muss nicht warten, bis du mir gibst, was ich selbst erschaffen habe. Ich nehme den Blitz zurück. Ich nehme die Perlen zurück. Ich nehme den Thron zurück, den ich dir gebaut habe.
Denn ich war schon immer ein König. Nach allem. Und endlich weiß ich es.
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Viel später, immer wenn wir zusammen geflogen sind, hielt sie meine Hand beim Start und der Landung. Sie sagte nichts dazu, sie legte nur ihre Hand in meine Hand und schloss die Augen. Daran denke ich jetzt auf dem Flug zurück nach Europa.
»Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.« Das ist der einzige Satz in Thomas Manns Zauberberg, der kursiv gedruckt ist. Der Satz wird nicht begründet, weil es für ihn keine Begründung gibt, so wie es für das Leben und das Weiterleben keine Begründung gibt. Ich sagte mir diesen Satz so viele Jahre vor, bis er nur noch ein Rhythmus war, ein Klang und ein Glaubenssatz. Und jetzt, nach sehr langer Zeit, gibt es manchmal Nachmittage, an denen ich nicht mehr in eine andere Richtung sehe, wenn ich an einem Café vorbeikomme, in dem wir zusammen waren.
~ Ferdinand von Schirach, Nachmittage, Eins
Zur Schreibanregung für den 27. August 2026 schrieb ich, dass ich vor ungefähr zehn Jahren damit begann, Thomas Manns Roman „Der Zauberberg” zu lesen. Das geschah einzig und allein aufgrund einer Challenge. Ich unterhielt mich damals mit meiner besten Freundin über Bücher und Lesen. Sie erzählte mir von „Der Zauberberg” und wie langweilig dieser Roman sei. Sinngemäß sagte sie, ich solle ihr glauben, wenn ich dieses Buch anfange zu lesen, würde ich es niemals zu Ende lesen. Das forderte mich heraus. Ich kaufte das Buch und fing an, es zu lesen.
Seit nunmehr zehn Jahren lese ich darin. Immer mal wieder, mit meist größeren Pausen dazwischen. Und ich habe den festen Willen, es auch irgendwann zu Ende zu lesen. Ich empfinde es nicht als langweilig, sondern als langwierig.
Ebenso gehen uns jüngere Erzählungen [durch den Kopf] wie […] Thomas Manns Roman um Hans Castorp, der aus dem »Flachland« zu einem Erholungsurlaub aufbricht und sich auf dem Zauberberg zu verlieren droht […], wenn wir an wahrlich lebensbestimmende Abschiedsmomente denken.
~ Ina Schmidt, Über die Vergänglichkeit, Wovon nehmen wir Abschied – und wie genau?
Der Roman ist langsam erzählt. Es kommt mir fast so vor, als würde ich die Geschichte in Echtzeit erleben. Und ich halte meinen Leserhythmus gerade für dieses Buch für angemessen. Ich nehme mir die Zeit. Dieses Buch begleitet mich nun bereits so lange.
Der Roman verlangt den Leser:innen radikale Geduld ab, weil er sie in seinen eigenen, extrem verlangsamten Rhythmus zwingt. Das zentrale Thema des Buchs ist Zeit, die hier physisch spürbar wird. Leser, die Action bevorzugen, sollten ihr Bedürfnis nach Kontemplation entdecken.
Denn die endlos scheinenden geistigen Duelle über Biologie, Humanismus, Politik und Religion sind der Motor des Romans. Reich belohnt wird, wer ohnehin gerne philosophiert.
Der See ist vollkommen glatt. Hier habe ich in einem Sommer vor 40 Jahren zum ersten Mal Thomas Manns »Zauberberg« gelesen, ich hatte damals kein Wort verstanden, weil ich noch nicht wusste, was Zeit ist.
~ Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, Sechsundzwanzig
Auch Leser:innen mit einem Sinn für feine Ironie kommen ganz auf ihre Kosten. Thomas Mann betrachtet das morbide Treiben im Sanatorium und die Eigenarten seiner Figuren stets mit einem Augenzwinkern: amüsiert und spöttisch.
„Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann.
~ Thomas Mann, Der Zauberberg, Mynheer Peeperkorn
Über hunderte von Seiten passiert in diesem Roman … Sanatoriumsalltag. Es gibt fünf üppige, reichliche Mahlzeiten täglich, bei denen der Leser allein beim Lesen zunimmt, lange Liegezeiten auf dem Balkon mit Fiebermessen sowie Untersuchungen und Beobachtungen zu Tische. Straffer Spannungsbogen: – Fehlanzeige.
Mancher Leserin kann das Buch vor dem Schlafengehen zur Nachtruhe verhelfen, wenn er gerade die hochkomplexen, beinah wissenschaftlichen Abhandlungen über die menschliche Anatomie oder die kristalline Beschaffenheit von Schneeflocken liest.
Thomas Manns berühmte Schachtelsätze und die Verwendung einiger Wörter oder Phrasen, die heute überhaupt nicht mehr gebräuchlich sind, erfordern hohe Konzentration. Außerdem gibt es ein zentrales Kapitel, das auf Französisch verfasst wurde.
Lautet die Aussage «Der Sultan von Brunei ist nicht unvermögend», so erwartet der Schreiber, dass der Leser ihn richtig – nämlich umgedreht – versteht; in diesem Fall wohl zu Recht. Aber das Risiko, dass viele das Zwinkern im Auge des Schreibers nicht sehen, läuft immer mit. Das Wort «Weltuntergang» auszusprechen wäre aus den meisten Mündern bloßes «scharfes Geschwätz», schreibt Thomas Mann im «Zauberberg». Doch im Munde des Mynheer Peeperkorn «gewann das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe». Thomas-Mann-Leser erkennen das als Ironie – doch die anderen? Wo sollen sie das Signal entdecken, dass sie die Passage nicht beim Wort nehmen dürfen?
~ Wolf Schneider, Deutsch!, Den Wortwitz pflegen
In der Serie „Twin Peaks“ sagt der Riese einmal sinngemäß, dass ein Weg entsteht, indem man einen Stein nach dem anderen legt. Der Zauberberg ist ein sehr langer Weg.
Ich habe das Glück, introvertiert zu sein, und kann mich stundenlang ohne Unterbrechung hochkonzentriert mit einer Sache beschäftigen und in einen Flow kommen. Außerdem mag ich Herausforderungen. Der Zauberberg ist eine solche.
Im Frühsommer des Jahres 1914 lag in Europa die Gewitterschwüle eines großen Krieges in der Luft. In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren auf diesem Kontinent gewaltige Mengen an politischem und militärischem Zündstoff angehäuft worden, aber fast schwerer noch wog das Faktum, daß es die gesellschaftlichen, ja die historischen Kräfte selbst waren, die zur gewaltsamen Lösung der Spannungen in den europäischen Gesellschaften und zwischen den europäischen Mächten drängten. Revolution oder Krieg hieß die schlichte Alternative, denn der Druck in den Tiefenschichten der europäischen Gesellschaften, ausgelöst durch dramatische Veränderungen technisch-industrieller und in der Folge davon auch gesellschaftlicher Art, verstärkte sich fast mit jedem Tag mehr. Alle Berichte aus der damaligen Zeit schildern einerseits eine hochdynamische Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, andererseits aber und parallel dazu jene bleierne »Zauberberg«-Stimmung des Fin de siècle. Aus diesem Widerspruch des Zeitgeistes zwischen Dynamik und Stillstand, zwischen der versteinerten Herrschaft der Mächte der Vergangenheit und einer rasenden Modernisierung entsprang eine tiefe Sehnsucht nach Reinigung, nach Veränderung, nach Aufbruch, nach Krieg.
~ Joschka Fischer, Risiko Deutschland. Krise und Zukunft der deutschen Politik, Les Incertitudes Allemandes III – Die Sehnsucht nach der »Utopie des Unglücks«
Immer wieder kehren meine Gedanken zu diesem Roman zurück, der die Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs beschreibt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Es sind die Jahre vor der Explosion der Gewalt, die langsam beginnen, dann an Fahrt gewinnen und Abermillionen Menschen überrollen werden.
Die Parallelen zu heute sind unübersehbar.
Ich muss mich beeilen, um den Roman zu Ende lesen zu können …
Gero von Boehm: Und Sie durften das Arbeitszimmer nicht betreten als Kinder? Golo Mann: Ganz selten, wenn er [Thomas Mann] abends vorlas, was vorkam. Das waren sehr feierliche Stunden. Er konnte ja wunderbar vorlesen. Er las uns Geschichten von Tolstoi oder Dostojewski vor, hauptsächlich russische Sachen. Später dann aus einem werdenden Werk. Das Erste, was ich selber hören durfte, waren die letzten »Zauberberg«-Kapitel. Der »Zauberberg« erschien ja 1924, da war ich also fünfzehn Jahre alt. Da durfte ich zum ersten Mal mit dabei sein, wenn er aus dem noch werdenden Werk vorlas, und seitdem immer, wenn ich zu Hause war.
~ Gero von Boehm, Begegnungen | Menschenbilder aus drei Jahrzehnten, Golo Mann
Früher war alles anders: In den Anfängen, als man das Gefühl hatte, das Leben zu erobern, war das gemeinsame Lachen noch echt, rein und unbeschwert. Doch diese unschuldigen Zeiten sind vergangen. Zurück bleibt ein ewig andauerndes, unerbittliches Gefühl der Ernüchterung.
Die Kluft, die sich in unserem Leben auftut, scheint unaufhaltsam zu wachsen. Es ist eine Form der Entfremdung, die den Generationen vor uns völlig fremd war. Wir versuchen krampfhaft, diese trüben Gedanken zu unterdrücken und die Dinge, die wir eigentlich verabscheuen, auszublenden. Auch wenn einem oft vorgeworfen wird, man sei alt und zynisch geworden, bedeutet das nicht, dass völlige Gleichgültigkeit eingekehrt ist. Vielmehr ist der blinde Glaube an die alten Ideale verschwunden, denn manches, was einst wichtig schien, wirkt heute wie ein verzweifeltes Aufbäumen für eine längst verlorene Sache.
Wenn man sich umsieht, scheint die Welt voller innerlich Heimatloser und Getriebener zu sein – Menschen, die im Grunde alle auf der Suche nach einem festen Platz im Leben sind. Eigentlich hätte die Menschheit die Macht und die Wahl, diese innere und äußere Leere mit vereinten Kräften zu überwinden. Deshalb darf man die Augen vor der Realität nicht verschließen, denn am Ende teilen alle das gleiche Schicksal. Worte und Versprechen aus einem anderen, längst vergangenen Leben holen einen in der Gegenwart wieder ein. Sie verdunkeln die Tage und rauben nachts den Schlaf. So bleibt letztlich nur die schmerzhafte Erinnerung an die aufrichtige Unschuld der Jugend, die an der harten, endlosen Realität zerbricht.
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