Eine Schwester hat mich an die Hand genommen und mitgenommen. Zurück blieb meine Mutter. Die Krankenschwester führte mich durch das alte Treppenhaus vom Erdgeschoss in den Keller. Wir gingen durch endlos scheinende Gänge. Dunkle Gänge. Mit flackernden Neonröhren, die ein britzelndes Geräusch von sich gaben. Ich verlor die Orientierung. Wir gingen an vielen gläsernen Türen vorbei, hinter denen Menschen in Schürzen und Hauben geschäftig arbeiteten. Es roch nach Gekochtem und Spülwasser. Gerade, als ich mich am verlorensten fühlte, öffnete die Schwester eine Tür und wir kamen in einen fensterlosen Raum. Links von mir stand ein Mann, rechts daneben eine Frau. Beide waren mit Mundschutz und weiß gekleidet und schauten mich erwartungsvoll an. Plötzlich legte sich von hinten ein linker Arm um meine Brust und die rechte Hand drückte mir ein feuchtes Tuch ins Gesicht. –
Als ich aufwachte, lag ich in einem kleinen Bett mit hohen Gittern. Das Bett stand in einem großen Raum vor einem Fenster. Draußen fiel Schnee. Auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters, in der Mitte der Wand, war eine Tür. Angelehnt. Rundherum standen weitere vergitterte Betten. In ihnen lagen andere Kinder. Das Gefühl des Verlorenseins war immer noch da und wurde sogar stärker. –
In der Nacht wachte ich nach einem Albtraum auf. Der Raum lag im Dunkeln, doch die Tür stand offen und ließ Licht hineinfallen. In der Ferne hörte ich Frauenstimmen, die sich unterhielten. Aus Verlorensein wurde Angst. Ich rief. Erst leise, dann immer lauter. Die Stimmen blieben. Niemand kam. Aus Angst wurde Panik. Ich schrie. Irgendwann kam eine Schwester. –
Seitdem vertraute ich meinen Eltern, Ärzten und Krankenhäusern nie wieder.
💡 Welcher Moment in deinem Leben fühlte sich an wie direkt aus einem Film?
What’s a moment in your life that felt like it was straight out of a movie? | Welcher Moment in deinem Leben kam dir so vor, als wäre er direkt aus einem Film?
Zunächst war da das Fernsehen. Als ich ein Junge war, lief sonntagabends während des Abendessens der „Weltspiegel”, der immer ausführlich über den Vietnamkrieg und die Kriegsgräuel berichtete. Dabei bin ich einmal fast an einem Stück Schinkenwurst erstickt. Dieses Gefühl, zu ersticken, ist seitdem latent vorhanden, wenn ich den Umgang der Menschheit mit dieser Welt betrachte: eine Menschheit, die ihre Lebensgrundlagen aktiv zerstört – wider besseres Wissen.
Ein paar Jahre später war es das Fernsehmagazin „Report Mainz“ mit dem Moderator Franz Alt, der über die Boatpeople und die deutsche Hilfsorganisation „Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V.“ berichtete. Bis heute lässt die staatliche Menschheit Flüchtlinge einfach ertrinken.
Zu dieser Zeit hatte ich die 1980 von Horst Stern gegründete Zeitschrift „Natur” abonniert, die mir die Augen weiter öffnete, da sie Lösungen aus dem allgemeinen Wahnsinn aufzeigte.
Über diese Zeitschrift wurde ich auf das 1979 erschienene Buch „Nach uns die Zukunft: Von der positiven Subversion” von Hans A. Pestalozzi aufmerksam. Dem Buch ist bis heute nichts hinzuzufügen, weder in seiner Analyse der Welt, der Umwelt und der Weltwirtschaft noch in den gestellten Fragen, deren Beantwortung uns eine bessere Welt gebracht hätte.
Ein Beispiel für eine solche einfache Frage ist: „Wollen wir eine verkehrsgerechte Stadt oder einen stadtgerechten Verkehr?”
Der große Erfolg und die Popularität des Buchs
(»ein Blockbuster der gesellschaftskritischen Literatur, der die politischen und ökologischen Diskurse der 1980er Jahre maßgeblich mitgeprägt hat«)
war der Startschuss für alle Vermögenden und Mächtigen, sich mit Vehemenz gegen die Beschneidung ihres Gewinnstrebens und ihrer Gier zu wehren. Heute steht die Erde evolutionär gesehen kurz vor dem Kollaps.
Das Buch „Nach uns die Zukunft: Von der positiven Subversion” wurde 1979 von dem Schweizer Manager Hans A. Pestalozzi geschrieben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung leitete er das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), eine der wichtigsten europäischen Denkfabriken. Das Werk ist eine scharfe, leidenschaftliche Gesellschafts- und Wirtschaftskritik, in der Pestalozzi das damalige (und heutige) auf ständiges Wachstum ausgerichtete System radikal infrage stellt.
Wirtschaft ist nicht das ganze Leben. Pestalozzi kritisiert den blinden Glauben an unendliches Wirtschaftswachstum. Er zeigt auf, dass wir durch die bloße Erhöhung der produzierten Gütermenge letztlich mehr zerstören – Umwelt und soziale Strukturen – als wir an tatsächlichem Wert für die Menschen schaffen.
Das Buch ist ein Aufruf zur „positiven Subversion”: Wir sollen die bestehenden Verhältnisse nicht passiv hinnehmen. „Positive Subversion” bedeutet für ihn, sich den Zwängen des Systems zu entziehen, anders zu leben und die vorgegebenen Strukturen aktiv und kreativ zu unterlaufen.
Eigenverantwortung statt blinder Pflicht: Ein zentrales Thema ist die Entmündigung des Einzelnen in der modernen Welt. Pestalozzi warnt davor, dass Manager und Experten die Macht übernehmen, während der normale Mensch im wirtschaftlichen Hamsterrad nur noch seine Pflicht erfüllt. Er fordert, dass wir wieder echte Eigenverantwortung für unser Handeln und unser Leben übernehmen.
Entlarvung falscher Leitbilder: Der Autor hinterfragt viele vermeintliche „Wahrheiten“, die uns von Politikern, Ökonomen oder bereits in der Schule als alternativlos präsentiert werden. Er regt dazu an, den Sinn von Arbeit, Freizeit, Demokratie und Konsum kritisch zu reflektieren.
Pestalozzis Ansichten waren für ein Vorstandsmitglied der Wirtschaft absolut unkonventionell. Das Buch forderte die Menschen direkt dazu auf, sich der Konsummaschinerie zu verweigern. Diese radikalen Thesen waren für seine Arbeitgeber – das GDI war eng mit dem Handelsunternehmen Migros verknüpft – so untragbar, dass Pestalozzi kurz nach der Veröffentlichung im Sommer 1979 fristlos entlassen wurde. In der Folge wandelte er sich vom hochrangigen Topmanager zum Systemkritiker, Aktivisten und späteren Aussteiger.
Insgesamt betrachtet ist „Nach uns die Zukunft” ein flammendes Plädoyer für kritisches Denken, mehr Menschlichkeit und den Mut, aus einer rein profitorientierten und fremdbestimmten Gesellschaft auszubrechen.
Täglicher Schreibanreiz
Welches Medium (Buch, Film, Song) hat verändert, wie du die Welt siehst?
What’s a piece of media (book, movie, song) that changed how you see the world? | Welches Medium (Buch, Film, Lied) hat deine Sicht auf die Welt verändert?
Erst am 18. Mai lautete die Schreibanregung „Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen könntest, um ihn nochmal zum allerersten Mal zu sehen – welcher wäre das?“.
What’s a book, movie, or TV show that you wish you could experience again for the first time? | Welches Buch, welchen Film oder welche Fernsehserie würdest du gerne noch einmal zum ersten Mal erleben?
Ich suche mir Filme sehr bewusst aus. Ich lese Filmkritiken und schaue mir an, welche Bewertung das Publikum dem Film bei IMDb gegeben hat. Ich vermeide also Filme, bei denen ich denke, dass ich sie nicht mögen werde.
Es müsste also ein Film sein, den ich zufällig angeschaut habe, obwohl ich glaubte, ihn möglicherweise zu hassen. Beispielsweise, wenn ich im Kino im falschen Saal bin und mich meinem Schicksal ergeben habe. Nein, das ist mir noch nicht passiert.
Es müsste also ein Film sein, den ich einer oder mehreren Personen zuliebe mitgeschaut habe. Dabei handelt es sich eher um Komödien, denn um Komödien mache ich grundsätzlich einen weiten Bogen.
So kam es, dass ich jemanden ins Kino begleiten sollte, und zwar in eine Komödie. Und das auch noch in einer französischen. Ich befürchtete das Schlimmste.
Heiter, beschwingt und beseelt verließ ich das Kino. Am 8. Februar 2012 gab ich dem Film bei IMdB 10 von 10 möglichen Sternen.
Dieser Film und ich, wir wurden ziemlich beste Freunde.
Täglicher Schreibanreiz
Bei welchem Film dachtest du erst, dass du ihn hassen würdest – und hast ihn am Ende doch geliebt?
Ich verfüge über die seltene Eigenschaft, die Pointen aus Filmen und Büchern zu vergessen. Dadurch muss ich keinen Film aus meinem Gedächtnis löschen, um ihn noch einmal zum ersten Mal sehen zu können.
Während ich den Film ein zweites Mal schaue, dämmert es mir allmählich und manchmal fallen mir die Pointen oder Filmenden wieder ein. Das schmälert meinen Genuss, meine Freude oder meine Spannung jedoch nicht.
Es gibt aber natürlich auch Filme, deren Details sich in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Einer davon ist der am 8. März 1996 erschienene Film der Brüder Joel und Ethan Coen mit William H. Macey, Steve Buscemi und der überragenden Frances McDormand als hochschwangere Polizistin in der Hauptrolle: „Fargo” (auch bekannt als „Blutiger Schnee”). Ein Film über einen einfachen Plan (Verbrechen), der irrwitzig scheitert. Mit einer unvergesslichen Auflösung gegen Ende, bei der man das Geräusch auf der Tonspur erst zuordnen kann und begreift, was geschieht, wenn die Kamera nach einer langen, langsamen Fahrt sozusagen um die Ecke biegt. Diese Szene würde ich gerne noch einmal zum allerersten Mal sehen.
Dieses Geräusch und ähnliche Geräusche im Hier und Jetzt triggern mich jedes Mal und zaubern mir gleichzeitig Gänsehaut und ein Lächeln ins Gesicht.
Täglicher Schreibanreiz
Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen könntest, um ihn nochmal zum allerersten Mal zu sehen – welcher wäre das?
If you could erase one movie from your memory and watch it again for the first time, which one would it be? | Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen und ihn noch einmal ganz neu anschauen könntest, welcher wäre das?
Am liebsten wäre ich Tobie Lolness, der Held aus dem gleichnamigen Roman und dessen Fortsetzung. Helden leben nicht lange. Sie werden von den Herrschenden „geframt”, d. h., ihre Erzählung wird manipuliert, um die Beherrschten ruhigzustellen.
Als ich den Film „Le temps du loup” (Wolfzeit) von Michael Haneke sah, war ich beeindruckt von dessen Weitsicht und präziser Schilderung typischer menschlicher Eigenschaften in Zeiten des Kontrollverlustes und der Anarchie. Der Film wurde am 20.05.2003 in Cannes uraufgeführt. Dieser Film ist einer der besten, die ich bislang gesehen habe.
Ich wäre das namenlose, obdachlose Kind, das das Schicksal derer verkörpert, die in dieser neuen Welt völlig auf sich allein gestellt sind und sich den Verhältnissen schnell angepasst haben. Ein sogenanntes „Wolfskind”. Es verkörpert den Zustand eines Menschen, der sich bereits vollständig an die Anarchie angepasst hat. Es ist emotional distanziert und agiert fast rein instinktiv. Es ist weder „gut” noch „böse” im klassischen Sinne, sondern ein Wesen jenseits von Moral. Sein Handeln wird allein vom Überlebenstrieb gesteuert. In seiner wortlosen Präsenz wirkt der Junge fast wie ein Zeuge des Leids, der die Grausamkeit der anderen stillschweigend erträgt. Er zeigt den Zuschauern, dass in einer Welt ohne Gesetz nicht nur die körperliche Unversehrtheit verloren geht, sondern auch die Konzepte von Identität und Kindheit, wie wir sie kennen.
Täglicher Schreibanreiz
Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du? Warum?
If you could be a character from a book or film, who would you be? Why? | Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du dann? Warum?
Clint Eastwood ist ein berühmter amerikanischer Schauspieler, Regisseur und Produzent. Er wurde am 31. Mai 1930 in San Francisco geboren. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, da seine Eltern als Wanderarbeiter durch Kalifornien zogen. Ein Freund riet ihm, es in Hollywood zu versuchen, was ihm schließlich auch gelang.
Aus der Podcastfolge „Filmikone Clint Eastwood: Western, Waffen, Widersprüche“ vom 31.05.2025 des WDR-Podcasts „WDR Zeitzeichen„.
Seine Karriere begann mit der Serie „Rawhide” (Tausend Meilen Staub), in der er sechs Jahre lang einen Cowboy spielte. Später wurde er durch seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergio Leone und seine Rollen in Italo-Western bekannt, sowie durch seine berühmte Rolle als „Dirty Harry”, einem radikalen Polizisten.
Eastwood drehte im Laufe seiner Karriere viele verschiedene Filme, darunter auch emotionale Geschichten wie „Die Brücken am Fluss” und „Million Dollar Baby”, die ihm mehrere Oscars einbrachten. Er ist für seinen ruhigen Stil am Set und seine Fähigkeit bekannt, seinen Schauspielern Raum zu geben, um ihre Kunst zu zeigen.
Obwohl er oft als Macho angesehen wird, zeigt Eastwood in seinen Filmen auch komplexe, verletzliche Charaktere. Politisch betrachtet vertritt er sowohl konservative als auch progressive Ansichten und hat sich zu verschiedenen Themen geäußert, darunter Abtreibung und Waffengesetze.
Mit 94 Jahren brachte er kürzlich seinen neuesten Film „Juror #2” heraus, der sein letzter sein könnte, obwohl Eastwood selbst sagt, dass er weiterhin lerne und Spaß am Filmemachen habe.
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