🐚 selbstbewusst

Introvertierte haben ein geringeres Selbstbewusstsein. Das ist jedoch nur eine indirekte Eigenschaft, die durch die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion hervorgerufen wird.

~ 92 Eigenschaften von Introvertierten, introvertiert.org, https://www.introvertiert.org/92-eigenschaften-von-introvertierten

Nur zur Erinnerung: Selbstbewusstsein bedeutet wörtlich, dass man sich seiner selbst bewusst ist. Man kennt seine Stärken, Schwächen, Werte und Bedürfnisse. Man weiß beispielsweise sehr genau, in welchen Situationen man aufblüht, welche Werte einem wichtig sind und wann man sich lieber zurückzieht, um Energie zu tanken. Es ist eine klare, realistische und ungeschönte Sicht auf die eigene Persönlichkeit.

Introvertiert.org hat diese von Introvertierten selbst beschriebenen Eigenschaften 2013 veröffentlicht. Ich vermute, dass diese Eigenschaft umso weniger ausgeprägt ist, je jünger die oder der Introvertierte ist. Denn die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion wurde im Laufe der Jahrzehnte schwächer. Ich hatte das Pech, Eltern zu haben, für die Introversion fast schon eine behandlungsbedürftige Krankheit darstellte. Das haben sie mir von klein auf vermittelt, sodass ich mich bereits als Kind unbewusst anpasste und lernte, mich extravertiert zu verhalten. Die Folge war ein ambivalentes Lebensgefühl, das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein. Erst die Begegnung mit einer viel jüngeren, sehr selbstbewussten Introvertierten hat mir die Augen geöffnet, sodass ich heute meine starken introvertierten Anteile kenne und immer mehr auslebe.

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📅❓ 21 Millionen

Das Bild der „besseren Hälfte“ hat unter anderem einen poetischen Ursprung: Es geht auf den antiken Philosophen Platon und seinen „Mythos der Kugelmenschen“ zurück. Demnach waren Menschen ursprünglich kugelförmige Wesen mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern. Von den Göttern wurden sie zur Strafe in zwei Hälften geteilt. Seitdem sucht jeder Mensch ein Leben lang nach seiner „anderen Hälfte“, um wieder vollkommen zu sein.

Ich mag diese Redewendung überhaupt nicht und verwende ihn auch nicht. Zu oft habe ich ihn mit einem Unterton gehört, der das Gegenteil des Ausdrucks vermittelte.

Auch scheint mir die heutige Schreibanregung aus einem weiteren Grund aus der Zeit gefallen zu sein: In Deutschland leben aktuell über 21 Millionen Erwachsene nicht in einer festen Beziehung. 16,7 Millionen Menschen leben allein in einem Haushalt, das sind 34,4 % aller Privathaushalte in Deutschland. Damit ist der Einpersonenhaushalt hierzulande die häufigste Haushaltsform.

Meine ehemalige Partnerin und mich verband die Sorge vor den unkalkulierbaren Folgen der Atomspaltung, sowohl der friedlichen als auch der militärischen. Wir waren Teil eines lokalen Friedensgrüppchens. Im Anschluss an unsere wöchentlichen Treffen führten wir über mehrere Wochen hinweg lange Gespräche zu zweit. Bei unserer ersten gemeinsamen Teilnahme an einer großen, überörtlichen Demonstration kamen wir uns so nah, dass wir fortan gemeinsam durchs Leben gegangen waren.

Tägliche Schreibanregung
Wie hast du deine bessere Hälfte kennengelernt?

How did you meet your significant other?  |  Wie hast du deinen Partner kennengelernt?

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📅❓ Freundlich widerstehen

Meine Nachricht an mein früheres Ich: Lieber Bernd, du bist in Ordnung, so wie du bist. Du bist introvertiert!

Es ist in Ordnung,

  • wenn du die Smalltalks beim Friseur nicht leiden kannst
  • dass du gut beobachten kannst
  • gewissenhaft, genau und ordnungsbewusst zu sein
  • zuverlässig zu sein, pünktlich zu sein, Schuldgefühle zu haben, wenn du andere Menschen in unangenehme Situationen gebracht hast
  • viel zu lesen anstatt draußen zu spielen
  • kenntnisreich zu sein
  • über alles lange nachzudenken
  • alles zu hinterfragen
  • mit anderen mitzufühlen, schäme dich nicht deiner eigenen Gefühle, auch Indianer kennen Schmerz und können weinen
  • andere zu verstehen
  • bescheiden zu sein
  • wenig zu reden und vor allem langsam, weil es gut ist, alles zu bedenken
  • deine Kreativität auszuleben
  • vorausschauen zu können, das ist kein Pessimismus, das ist eine Gabe
  • vieles zu planen
  • gut vorbereitet zu sein
  • vom Guten im Menschen auszugehen, doch: sei wachsam
  • nichts im Äußeren zu tun und dich im Inneren zu beschäftigen
  • geduldig und ausdauernd zu sein
  • vorsichtig zu sein und Risiken abzuwägen
  • nicht von Anderen abhängig zu sein und Zeit allein zu verbringen
  • offen für Neues zu bleiben
  • sich lange konzentrieren zu können
  • dich nicht für Statussymbole zu interessieren
  • ruhig zu sein
  • nachdenklich zu sein
  • Tagträumen nachzugehen
  • nur wenige Freund:innen zu haben, die wenigen wirst du lange haben
  • das Leben nicht leicht zu nehmen und ernsthaft zu sein
  • von Gefühlen überwältigt zu werden und sensibel zu sein
  • dich nur mit wenigen Menschen zu umgeben und eine Zeit lang allein zu sein
  • in die Natur zu gehen und dich an der Schöpfung zu erfreuen
  • nicht stundenlang einkaufen zu wollen
  • noch keine Freundin zu haben, wenn alle anderen eine haben
  • nicht zu jedem Thema etwas beitragen zu müssen
  • dich mit einer Sache unterbrechungsfrei beschäftigen zu können
  • nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen
  • Kunst zu mögen
  • wenn andere dich aufgrund deiner Introversion auf den ersten Blick „mysteriös“ empfinden, der zweite Blick wird es korrigieren
  • dich zurückzuziehen, wenn du erschöpft bist
  • sehr direkt zu sein; übe, dich zu entschuldigen
  • nicht euphorisch zu sein; es darf in dir toben
  • gehemmt zu sein; sprich darüber
  • dich in großen Gruppen unwohl zu fühlen
  • überstimuliert zu sein und dich dann zurückzuziehen und dir Pausen zu gönnen
  • nicht vor anderen Menschen Reden zu halten
  • leise zu reden
  • Telefonieren zu meiden; schreibe, schreibe, schreibe
  • bei hitzigen Streits, mit den Extravertierten nicht mithalten zu können
  • kein Partylöwe zu sein und die Menschen mit Geschichten zu unterhalten
  • beim Sprechen Denkpausen einzulegen
  • dich auf Parties unwohl zu fühlen
  • Augenkontakt zu vermeiden
  • nicht spontan sein zu können, das lernst du im Laufe deines Lebens
  • nur wenig von dir preiszugeben, auch das lernst du
  • dich unwohl zu fühlen, wenn du neue Umgebungen betrittst oder fremde Menschen kennenlernst
  • dich unterlegen zu fühlen, wenn du auf Menschen mit viel mehr Erfahrung triffst, irgendwann wirst du der Erfahrene sein
  • Dinge nicht parallel sonder seriell zu erledigen
  • nervös zu werden, wenn du beobachtet wirst; sprich es an
  • dich schneller und heftiger zu verlieben, verliere dich nicht dabei
  • weniger zu lächeln als andere, Introvertierte lächeln nach innen
  • nicht aus sich herauszugehen, auch das wird sich mit der Zeit wandeln

Mama und Papa haben keine Worte für eine Introversion. Die Gesellschaft in deiner Kindheit und Jugend betrachtet Introversion als Makel. Sie ist aber eine Stärke. Höre nicht auf Mama und Papa, wenn sie dich verbiegen möchten. Passe dich nicht an. Sei freundlich widerständig.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest: Was würdest du schreiben?

If you had a time machine and could send just one message to your past self, what would it say?  |  Wenn du eine Zeitmaschine hättest und deinem früheren Ich nur eine einzige Nachricht schicken könntest, wie würde diese lauten?

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📅❓ the promise I made

Angesichts der Verheerungen in der Welt – den ideologischen, den atomaren, den klimatischen, den kriegerischen, den kriminellen, den von Machtgier verursachten – sagte ich mir als Jugendlicher, dass ich keine eigenen Kinder bekommen, sondern Kinder adoptieren möchte.

Ich wollte am Ende meines Lebens nicht mit der Frage konfrontiert werden: „Warum hast du uns in diese Welt gesetzt?” Ich spürte die Last ererbter gesellschaftlicher Verantwortung und die Unmöglichkeit, die Entwicklung auf dieser Welt positiv zu beeinflussen.

Kinder brauchen Eltern. Und es gibt zu viele Waisenkinder auf dieser Welt. Mindestens einem von ihnen wollte ich ein behütetes Zuhause und eine liebevolle Familie geben.

Am Ende sind es drei Kinder geworden. Nicht allein durch aktives Handeln, sondern auch durch Fügung. Selbst als das Konzept der „Familie unter einem Dach” scheiterte, mussten die Kinder nicht darunter leiden.

Diese drei Versprechen (keine leiblichen Kinder, Adoption/Pflege, eine sichere Familie), die ich mir selbst gegeben habe, konnte und durfte ich auch wirklich einhalten.

Tägliche Schreibanregung
Welches Versprechen an dich selbst hast du wirklich gehalten?

What’s a promise you made to yourself that you’ve actually kept?  |  Welches Versprechen hast du dir selbst gegeben, das du auch wirklich eingehalten hast?

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📅❓ Gier

Mir fallen viele geschichtliche Trends aus den Bereichen Gesellschaft und Politik ein, die ich aus der Geschichte auslöschen würde:

die Entmenschlichung durch Bürokratisierung,

die Notwendigkeit, Leistungen zu erbringen, um Erträge zu erzielen,

die Reduzierung des Menschen auf Humankapital,

der Verlust an Generalisten zugunsten betriebsblinder Spezialisten,

Einsamkeit durch gezielte Vereinzelung,

die Manipulation, Andersdenkende als Feinde zu betrachten,

die Verarmung der Massen und die Konzentration des Reichtums,

Massenüberwachung und

die Manipulation, autokratischen Führer:innen zu folgen.

All dem liegt die unbegrenzte Gier der Menschen und der Menschheit zugrunde. Die Gier beherrscht uns. Würden wir unsere Gier beherrschen, würden sich diese geschichtlichen Trends ins Positive wenden.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du einen Trend aus der Geschichte löschen könntest – welcher wäre das?

If you could erase one trend from history, what would it be?  |  Wenn du einen Trend aus der Geschichte auslöschen könntest, welcher wäre das?

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💬 »wer einen Posten übernimmt, übernimmt Verantwortung, und zwar für die ganze Gesellschaft«

»Ich glaube, dass sich die Deutschen sehr deutlich in zwei Richtungen entwickeln. Leider.

Ich hätte auch vor einiger Zeit noch gesagt, Deutschland ist ein privilegiertes Land, in dem es uns doch so gut geht. Und ich habe Hemmungen, das inzwischen zu sagen, weil ich gar nicht mehr von den Deutschen reden kann und wie es uns geht. Die soziale Schere wird immer größer und die Verbindung zwischen diesen beiden Gruppen verliert sich.

Und das halte ich für sehr gefährlich, vor allem weil der Reichtum unter anderem da ist, wo die politischen Entscheider sind.

Und was mich wirklich richtig wütend macht, ist, dass die politische Führung ihre Verantwortung nicht mehr wahrnimmt.

Also wer einen Posten übernimmt, übernimmt Verantwortung, und zwar für die ganze Gesellschaft. Und inzwischen kommt es mir vor wie so ein moderner Feudalismus, dass es da so eine Elite gibt, die ihre Macht nicht für die Gemeinschaft ausnutzt, sondern die Entscheidung so trifft, dass es ihnen besser geht.

Und ich glaube, das spüren die Leute im Land und dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, das ist, glaube ich, etwas, was sehr gefährlich ist.«

~ Stephanie Schneider, deutsche Schriftstellerin, Autorin für Kinderbücher, 03.05.2026, Deutschlandfunk, Information und Musik, Denk ich an Deutschland: die Kinderbuchautorin Stephanie Schneider

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