📅❓ Die Pointe im Schnee

Ich verfüge über die seltene Eigenschaft, die Pointen aus Filmen und Büchern zu vergessen. Dadurch muss ich keinen Film aus meinem Gedächtnis löschen, um ihn noch einmal zum ersten Mal sehen zu können.

Während ich den Film ein zweites Mal schaue, dämmert es mir allmählich und manchmal fallen mir die Pointen oder Filmenden wieder ein. Das schmälert meinen Genuss, meine Freude oder meine Spannung jedoch nicht.

Es gibt aber natürlich auch Filme, deren Details sich in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Einer davon ist der am 8. März 1996 erschienene Film der Brüder Joel und Ethan Coen mit William H. Macey, Steve Buscemi und der überragenden Frances McDormand als hochschwangere Polizistin in der Hauptrolle: „Fargo” (auch bekannt als „Blutiger Schnee”). Ein Film über einen einfachen Plan (Verbrechen), der irrwitzig scheitert. Mit einer unvergesslichen Auflösung gegen Ende, bei der man das Geräusch auf der Tonspur erst zuordnen kann und begreift, was geschieht, wenn die Kamera nach einer langen, langsamen Fahrt sozusagen um die Ecke biegt. Diese Szene würde ich gerne noch einmal zum allerersten Mal sehen.

Dieses Geräusch und ähnliche Geräusche im Hier und Jetzt triggern mich jedes Mal und zaubern mir gleichzeitig Gänsehaut und ein Lächeln ins Gesicht.

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen könntest, um ihn nochmal zum allerersten Mal zu sehen – welcher wäre das?

If you could erase one movie from your memory and watch it again for the first time, which one would it be?  |  Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen und ihn noch einmal ganz neu anschauen könntest, welcher wäre das?

„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/

unempfindlich, gleichgültig, emotionslos, abgestumpft

Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen,
die der New Yorker
von den Gräueln der Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig.
Der Hamburger ist noch umringt von den Ruinen,
und doch zögert er,
die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben.
Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen.
Der Regen von gestern macht uns nicht nass sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.

Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 12: Gedichte 2. © Bertolt-Brecht-Erben/Suhrkamp Verlag 1988

Bertolt Brecht trug es persönlich vor auf dem internationalen „Kongress der Völker für den Frieden“ von Künstlern und Intellektuellen im Dezember 1952 in Wien. Sieben Jahre nach Hiroshima.

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=137161