Je älter ich wurde, desto mehr trat das Tagträumen in den Hintergrund. Während ich in der Grundschule im Unterricht noch die Amsel im Baum vor dem Fenster unserer Klasse beobachtete, mit ihr sang, Futter suchte und ihre Jungen fütterte, wurde ich durch die laute Ermahnung meiner Lehrerin aus diesem Tagtraum gerissen. Diese Fähigkeit möchte ich mir wieder aneignen, da das Tagträumen eine schöne Möglichkeit ist, dem täglichen Albtraum der erlebten Außenwelt zu entfliehen und sich zu erholen.traum in der erlebten Außenwelt den Rücken zu kehren und mich zu erholen.
Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals unpünktlich gewesen zu sein. Vielleicht ist es mir so unangenehm, dass andere Menschen auf mich warten mussten, dass ich die wenigen Male meiner Unpünktlichkeit vollkommen verdrängt habe. Der Gedanke, dass jemand pünktlich zu einem verabredeten Ort und Termin erscheint und auf mich warten muss, ist für mich nur schwer erträglich. In meiner Planung baue ich mir ausreichend Puffer für die Dinge ein, die dazwischenkommen können. Meist bin ich viel zu früh, was mir die Gelegenheit gibt, mich am Treffpunkt zu akklimatisieren. Wenn ich Menschen in ihrer Wohnung besuche, bin ich auch nie zu früh. Wenn andere unpünktlich sind, mache ich kein Drama daraus. Das heißt nicht, dass ich gehe, sondern dass ich mich in der Zeit beschäftige oder mich im Nichtsdenken übe, bis meine Verabredung eintrifft.
Introvertierte neigen zu Schuldgefühlen. Wenn sie das Gefühl haben, einem anderen Menschen Umstände zu bereiten oder ihn falsch behandelt zu haben, leiden sie schnell unter einem schlechten Gewissen.
Schuldgefühle bzw. ein schlechtes Gewissen begleiten mich mein ganzes Leben lang: Obwohl ich weiß, dass es völlig normal ist, jemanden um Hilfe zu bitten oder ein Hilfsangebot anzunehmen, habe ich dabei immer ein schlechtes Gewissen. Deshalb bitte ich nur um Hilfe oder nehme sie an, wenn es gar nicht anders geht. In diesem Moment kann ich mein schlechtes Gewissen bzw. das Schuldgefühl beiseiteschieben. Stattdessen zeigt sich große Dankbarkeit.
Nachhaltig prägen sich mir auch alle Situationen ein, in denen ich jemanden falsch behandelt, eine Grenze überschritten oder rücksichtslos war. Dabei weiß ich, dass es im Eifer des täglichen Lebens völlig normal ist, Menschen falsch zu behandeln. Dafür gibt es die Möglichkeit, sich zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten, was in der Regel auch angenommen wird. Manchmal können die Schuldgefühle oder das schlechte Gewissen jedoch so groß sein, dass ich dieser Person zukünftig aus dem Weg gehe.
Introvertierte lesen viel. Sie verbringen viel Zeit mit Büchern, denn Lesen ist für sie eine gute Möglichkeit, um Energie zu tanken und persönlich zu wachsen.
Seit ich denken kann, lese ich. Ich sehe noch die geflochtene Tasche mit den Bilderbüchern im Schrank unter dem Waschbecken meiner Oma. Sie hatte eine Wohnküche, die gleichzeitig ihr „Badezimmer” war. Es gab eine Spüle fürs Geschirr und ein Waschbecken für die Körperpflege. Zum Baden ging sie in die sogenannte Badeanstalt.
Ich freute mich auf die Fahrten mit dem Zug, denn dann durfte ich mir am Bahnhofskiosk ein Comic-Heft oder -Buch aussuchen. Meistens waren es Mickey Mouse oder Donald Duck.
Gegen Ende meiner Grundschulzeit bekam ich regelmäßig Bücher von Karl May geschenkt, die ich alle gelesen habe.
Zu Beginn der Pubertät kaufte ich mir jede Woche ein Heftchen aus der Science-Fiction-Reihe Perry Rhodan. Ich meine mich zu erinnern, dass es immer dienstags war. Nach der Schule ging ich am Kiosk vorbei und las dann den ganzen Nachmittag das neue Heft zuhause. Trivial-Literatur wurde das geringschätzig genannt. Inhaltlich fand ich es jedoch große Kunst. Als ich in die Serie einstieg, war diese bereits ein philosophisches Epos, das sich mit Evolution, Superintelligenzen und dem Platz des Lebens im Kosmos beschäftigte. Die Serie warf einen grundsätzlich optimistischen und humanistischen Blick auf die Zukunft der Menschheit.
Im Laufe der Jahre las ich unzählige Bücher, Zeitschriftenartikel, Tages- und Wochenzeitungen und sah oder hörte informative Radio- oder Fernsehsendungen. Später kam das Internet mit seinen schier unerschöpflichen Quellen hinzu. Und neuerdings kamen Podcasts hinzu.
Ja, tatsächlich, durch Lesen und Nachdenken über das Gelesene konnte und kann ich persönlich wachsen. Wenn ich zur Ruhe kommen und meine Batterien aufladen möchte, ist neben dem Spaziergang das Lesen die wertvollste Möglichkeit dazu.