Da war dieser Fremde im Café. Es war samstags am frühen Nachmittag. Ich ging mit meinem Tablett, auf dem ein Kaffee und ein Teller mit Gebäck lagen, die zwei großen Treppen mit ihren hohen Stufen ins Obergeschoss hinauf und steuerte meinen Lieblingsplatz an. Aus den Augenwinkeln hatte ich bereits wahrgenommen, dass er frei war. Rechts davon gibt es eine breite, gemütliche Bank, davor stehen zwei runde Tische mit zusätzlichen Stühlen.
An der Seite meines Platzes saß ein Mann auf dieser Bank. Er hatte schwarze Haare und einen kurz geschnittenen Vollbart. Er schaute konzentriert auf sein Smartphone, das er in beiden Händen hielt. Mir fiel sofort auf, dass er seine Sportschuhe ausgezogen hatte und auf Strümpfen an seinem Tisch saß. Als ich ihn ansah, blickte er auf und unsere Blicke begegneten sich.
Ich grüßte ihn mit einem freundlichen „Hallo” und er grüßte freundlich zurück. Ich hörte seinen Akzent, der verriet, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist und er die Sprache noch nicht lange spricht. Ich blieb eine Stunde im Café, las in einer meiner Zeitschriften und als ich ging – er saß noch immer auf der Bank – wünschten wir uns gegenseitig einen schönen Tag.
Zufällig ergab es sich, dass ich am darauffolgenden Sonntag zur ungefähr gleichen Zeit wieder dieses Café aufsuchte, mit Kaffee und Gebäck meinen Lieblingsplatz ansteuerte und stutzte. Sofort kam mir der Kinofilm „Und täglich grüßt das Murmeltier” in den Sinn. Auf den ersten Blick saß dieser Mann vom Vortag wieder an derselben Stelle, die Sportschuhe ausgezogen und ins Smartphone schauend. Wieder trafen sich unsere Blicke, wieder grüßten wir freundlich.
Ich konnte mir aber die Frage nicht verkneifen, ob er seit gestern dort sitzen geblieben sei, angesichts der identischen Situation. Er antwortete lachend, dass er zwischenzeitlich zu Hause gewesen sei.
Von nun an begegneten wir uns an den kommenden Samstagen immer zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle. Zwischenzeitlich fiel mir auf, dass der Mann immer Sport-Oberbekleidung trug.
Dann wurde das Café renoviert und die obere Etage war gesperrt. Ich suchte einen Platz im Erdgeschoss. In der Mitte, am Rande des Treppenaufgangs, war noch einer frei. Und wer saß dort auf der anderen Seite am Fenster zur Fußgängerzone? Der mir mittlerweile vertraute Mann. Wieder begrüßten wir uns freundlich. Doch dieses Mal war es anders.
Er fragte mich, ob er mich etwas fragen dürfe, und ich antwortete: „Ja, klar.” Er erzählte mir, dass er 20 Kilometer mit dem Fahrrad hier ins Café fahre. Er arbeite auf der anderen Rheinseite in einem Steinbruch und suche hier eine Wohnung. Er fragte mich, ob ich wüsste, wo es eine gäbe. Ich musste mich sehr konzentrieren, um seine Worte zu verstehen, und fragte zurück, für wie viele Personen er suche oder ob er alleine lebe. Er lebe alleine, antwortete er, und suche eine 2-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung.
Mir war keine freie 2-Zimmer-Wohnung bekannt, aber ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die ortsansässige Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft (GSG) gerade einen Wohnblock in einer Straße von Grund auf saniert und renoviert und dort 48 Single-Wohnungen herrichtet, die sicherlich bald vermietet werden würden. Ich riet ihm, bei der GSG anzurufen. Er freute sich sichtlich über diese Antwort, bedankte sich und sagte, dass er am Montag dort anrufen würde.
Es war bislang das letzte Mal, dass wir uns begegneten, da ich das Café an anderen Tagen und zu anderen Uhrzeiten aufsuchte.
Describe a random encounter with a stranger that stuck out positively to you. | Beschreibe eine zufällige Begegnung mit einem Fremden, die dir positiv in Erinnerung geblieben ist.
„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/

