„Es gibt keine Fatalität: Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.“ | dailyprompt

Ich behaupte, dass sich meine politischen Ansichten im Laufe der Zeit nicht verändert haben. Die der in den Landtagen und im Bundestag vertretenen Parteien hingegen schon.

Ich bin in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen. Mein Urgroßvater mütterlicherseits trat 1905 in die SPD ein. Er wurde am 22./23.08.1944 im Rahmen der „Aktion Gitter” von der Gestapo verhaftet. Er hat die Zeit überlebt und sich nach Kriegsende weiter engagiert und Verantwortung übernommen. In meiner Familie gab es mehrere Landtags- und einen Bundestagsabgeordneten.

Als ich meinen eigenen Verstand benutzen konnte, war auch ich ein überzeugter Sozialdemokrat. Bis Helmut Schmidt NATO-Nachrüstung wollte. Die Grünen um Petra Kelly und Jutta Ditfurth sprachen mir mehr aus dem Herzen.

Es war die Zeit, in der ich von meinem Demonstrationsrecht Gebrauch machte und vor den Toren Büchels gegen die Nachrüstung protestierte.
Ein Atomkraftwerk sollte unzulässigerweise auf einer Erdbebenspalte vor unserer Haustür gebaut werden. Ich machte von meinem Demonstrationsrecht Gebrauch. Ein Gericht entzog deshalb über zehn Jahre später die Betriebsgenehmigung.
Ich trat einem kirchennahen Friedensgrüppchen bei. Wir wollten Anfang der 1980er Jahre die Energiewende und gestalteten jährlich selbst einen Energiewendekalender. In dieser Zeit installierte ein Mitglied unseres Grüppchens eine Photovoltaik-Anlage mit Speicher auf seinem Dach.

Seit Mitte der 1970er Jahre verfolgte ich das Magazin „Report Baden-Baden” mit Franz Alt, der über die riesigen Flüchtlingswellen der Boatpeople und den Einsatz von „Ärzte ohne Grenzen” berichtete.
Kein Mensch sollte flüchten müssen. Politisch Verfolgten ist Asyl zu gewähren. Ohne Wenn und Aber. Alle anderen sind gerecht auf die wohlhabenden Länder zu verteilen.
Unser Wohlstand gründet auch auf der Ausbeutung derer, die bis heute flüchten müssen. Wir beuten sie noch heute aus (Freihandelsabkommen).
Wenn wir nicht lernen, bescheiden zu leben, werden wir nicht überleben. Wir leben über unsere Verhältnisse, auf Kosten der armen Weltbevölkerung, und verwandeln die Erde allmählich in einen toten Planeten.
Punkt. Luft holen. Langsam ausatmen.

Mit Helmut Kohl begann die politische Katastrophe, die sogenannte geistig-moralische Wende, die nun langsam ihr Ende erreicht. Seitdem scheinen alle etablierten Parteien so zu handeln, als seien sie fremdbestimmt, mit dem Auftrag, Vermögen von unten nach oben zu verteilen und immer autoritärer zu regieren.

Das Wahlvolk scheint nur noch dazu zu dienen, dieser Entwicklung einen demokratischen Anstrich zu verleihen. Das Wahlvolk macht brav mit.

Das letzte Mal, dass ich eine etablierte Partei gewählt habe, war 1998: Diese Regierung schockierte und traumatisierte mich – u. a. wegen des Umgangs mit Oskar Lafontaine, der Agenda …

Hand reicht Brot weiter
für alle ist Platz am Tisch
Wärme teilt das Licht

… 2020 und den Kriegsbeteiligungen. Seitdem wähle ich ausschließlich nicht etablierte Parteien, die meinen u. g. Werten entsprechen.

Mittlerweile scheinen die Christdemokraten nicht mehr dem Christentum, die Sozialdemokraten nicht mehr dem Sozialen, die Freien Demokraten nicht mehr dem Liberalismus, die Linken nicht mehr dem Volks(eigentum) und die Grünen nicht mehr der Bewahrung der Schöpfung und des Friedens verpflichtet zu sein. Eine Partei, die sich als Alternative bezeichnet, bietet keine Alternative, sondern schart lediglich diejenigen um sich, die vor 90 Jahren auch anstandslos die NSDAP gewählt hätten.

Ich war schon immer dafür, wirtschaftliche Aktivitäten auf ein demokratisch definiertes Gemeinwohl auszurichten, also für die sogenannte Gemeinwohlökonomie. Die sogenannte Soziale Marktwirtschaft war ein Anfang Ende der 1960er Jahre. Alle Ismen lehne ich ab (z. B. Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus).

Die etablierten Parteien reißen uns offensichtlich in den Abgrund. Vielleicht haben wir nur noch vier Jahre, um dies zu verhindern. Statt Wahlen brauchen wir regelmäßig zufällig zusammengesetzte Bürgerräte. Lobbyismus muss verboten werden, und Bürgerräte sind vor Lobbyisten und deren Tarnorganisationen zu schützen. Der Bürgerrat „Ernährung im Wandel” hat dank der Schwarmintelligenz der Menschen mit gesundem Menschenverstand erfolgreich gearbeitet. So erfolgreich, dass die etablierten Parteien dieses Experiment nach seinem Ende nicht weiterführen.

Nein, ich habe meine politischen Ansichten im Laufe der Zeit nicht verändert.

Ich fühle mich den Ideen verpflichtet, u. a. des Christentums (nicht seinen Auswüchsen und Missbräuchen), des Humanismus, der Gleichwertigkeit allen Lebens (Mensch und Tier) sowie der Bewahrung der Schöpfung.

Krieg ist niemals (!) ein Mittel der Politik.

„The world has enough for everyone’s need, but not for everyone’s greed.”
(Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.)
Die Ressourcen der Erde genügen, um die gesamte Menschheit zu versorgen. Armut und Umweltzerstörung sind keine Folgen eines Mangels an Ressourcen, sondern der maßlosen Gier und der ungleichen Verteilung.

Jean Ziegler, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, sagte sinngemäß

~ 2012: Auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind verhungert und eine Milliarde Menschen schwerstens unterernährt ist, ist es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, hunderte Millionen Tonnen Nahrungsmittel zu verbrennen.

~ 2024: Die FAO, die die Opferzahlen ermittelt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen – fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung – ernähren könnte, wenn das universelle Menschenrecht auf Nahrung völkerrechtlich verankert wäre und nicht von der Kaufkraft der Konsumenten abhängig wäre.

Es gibt keine Fatalität: Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Täglicher Schreibanreiz
Wie haben sich deine politischen Ansichten im Laufe der Zeit verändert?

How have your political views changed over time? | Wie haben sich Ihre politischen Ansichten im Laufe der Zeit verändert?

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Zusätzliche Zeit würde uns geraubt werden.

Mein erster Gedanke war: „Für was habe ich zu wenig Zeit?” Falscher Gedanke. Es gibt keine Zeit. Die Einteilung in Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden ist willkürlich. Sie dient der Synchronisation unserer Gesellschaften und Beziehungen.

Zu einer ähnlichen Frage schrieb ich im Übrigen, dass ich der Meinung bin, dass es die Zeit gar nicht gibt. Sie ist ein menschengemachter Maßstab. Ich kenne das Phänomen, dass meine Erinnerungen an Ereignisse gleich präsent sind. Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, sind mir so präsent, als wären sie „gestern” geschehen.

Zeit ist meiner Meinung nach abhängig von der eigenen Perspektive. Was würde Zeit beispielsweise für eine Schnecke, eine Eintagsfliege, einen Grönlandhai oder eine Zwerggrundel bedeuten? Gäbe es außerirdisches Leben und dauerte ein Tageslauf für die Außerirdischen 100 Jahre unseres Zeitmaßstabes, wie würden sie unser Leben betrachten? Wären wir …

Kapitalismus
Raubtierkapitalismus
ihm gehört die Zeit

… für sie wie Ameisen?

Wir haben uns irgendwann bewusst dafür entschieden, im Kapitalismus, in der Marktwirtschaft zu leben. Wir lehnen beispielsweise die Gemeinwohlökonomie bewusst ab und empfinden ein Grundeinkommen als unangenehm. Deshalb brauchen wir uns über die heutige Frage keine Gedanken zu machen.

Unser vom politischen und gewerkschaftlichen Einfluss nahezu befreites Wirtschaftsleben wird dafür sorgen, dass wir statt acht Stunden täglich 14 Stunden arbeiten müssen. In Schichten, zeitversetzt. Alles wäre immer in Betrieb.

Ein Leben ohne Schlaf im Kapitalismus wäre ein Katalysator für psychische Erkrankungen und die endgültige Ausbeutung der Erde. Die wachsende Aggressivität würde entweder in einem großen, alles vernichtenden Krieg oder in Kleinkriegen „Jeder gegen jeden” enden.

Allein der Gedanke an diese beschriebene Dystopie raubt mir den Schlaf.

Ich brauche nicht keinen Schlaf, sondern mehr Schlaf.

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du keinen Schlaf bräuchtest, was würdest du mit all der zusätzlichen Zeit machen?

Der Mensch ist ein Teil des Ganzen.

Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen – ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Wir erfahren uns, unsere Gedanken und Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes – eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

~ Albert Einstein an Robert S. Marus, 12.02.1950

Es handelt sich um eine Aussage aus einem Brief, den Einstein an Robert S. Marcus, den Direktor der „Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem”, schrieb.

In dem Brief vom 12. Februar 1950 verwendete Einstein diese Worte, um seine philosophische Weltsicht auszudrücken. Er beschrieb das Gefühl der Trennung des Individuums als eine „optische Täuschung” des Bewusstseins und betonte, dass der Mensch aus dieser Illusion ausbrechen müsse, indem er sein Mitgefühl auf alle Lebewesen und die gesamte Natur ausweite.

„Der Verrat des Lichts.“ oder „Drohnen suchen nach Lichtquellen.“

Früher wachte ich mit dem Sonnenlicht auf, das durch das Fenster schien. Jetzt weckt mich eine Rakete, die zwei Wohnblöcke entfernt einschlägt. Es gibt keinen Morgen mehr – keine Arbeit, keine Schule, keine Mahlzeiten. Es gibt nur noch den nächsten Augenblick und die Angst, dass wir ihn nicht überleben werden.

Sogar der Himmel über Gaza hat sich verändert. Die Sonne geht auf, aber sie wärmt nicht mehr. Die Nacht senkt sich über uns, aber sie bietet keine Ruhe.

Was wir Schlaf nennen, ist kein Schlaf mehr. Es ist Müdigkeit mit einem geöffneten Auge. Wir packen unsere Taschen. Wir lassen unsere Kinder vollständig angezogen. Jedes Summen über uns lässt uns den Atem anhalten. Wenn es länger als zehn Minuten still ist, entspannen wir uns ein wenig.

In der vierten Nacht des Oktobers 2023[1] leuchtete der Himmel auf. Ein Feuergürtel peitschte über unsere Straße. Ich lag neben meinem Bruder auf dem Boden. Wir hörten Kreischen. Dann nichts mehr. Dann Staub und Schreien. Ich sah, wie die Brust meines Cousins aufgerissen wurde. Sein Körper fiel zu Boden und machte ein Geräusch wie kein anderes. Mein Bruder und ich krochen unter Glasscherben hervor. Die Hälfte des Gebäudes auf der anderen Straßenseite war verschwunden. Wir hatten keine Zeit, meinen Cousin ordentlich zu begraben. Keine Tücher. Kein Licht. Zum ersten Mal stellte ich die Gerechtigkeit meines Überlebens in Frage. Etwas in mir erstarrte und zersplitterte dann. Ich weinte nicht. Ich blieb gebrochen. Schließlich hörte der Krieg nicht auf. Reparatur würde nur darauf vorbereiten, erneut zerbrochen zu werden.

In einem Schutzraum weinte ein Kind um seinen Vater, der am Morgen zuvor gestorben war. Seine Mutter hielt ihn mit steinernen Armen fest, stumm und mit starrem Blick. „Mama, warum weinst du nicht?“, fragte das Kind. Die Mutter brach zusammen. Ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen, wie ihr Gesicht in sich zusammenfiel.

Früher habe ich unter einer Lampe gelernt. Ich habe Bücher gelesen. Ich habe vom Leben geträumt. Jetzt lässt mich das Leuchten meines Handys zusammenzucken. Eine Kerze ist ein Ziel. Ein Streichholz ein Verrat. Die Drohnen suchen nach Lichtquellen. Ich erinnere mich an die Nacht, in der die Taschenlampe eines Nachbarn ihn sein Zuhause gekostet hat. Das Flugzeug kreiste. Dann kam das Licht. Dann das Ende.

Wir verdecken unsere Fenster. Wir sprechen flüsternd. Ich lerne jeden Winkel unserer zerstörten Wohnung auswendig. Die Anzahl der Schritte zwischen dem Flur und dem Waschbecken. Das Muster der Risse auf dem Boden. Den Geruch von Verbranntem in der Ferne.

Kinder spielen Stille-Spiele. Ich greife nach der Hand meiner Mutter, um mich zu vergewissern, dass sie da ist. Wir stellen keine Fragen mehr. Die Antworten sind erbarmungslos: Nirgendwo ist es sicher, niemand ist unversehrt.

Im Dezember 2023 suchten wir Schutz in einem Industriegebiet. Panzer umzingelten uns. Kein Ausweg. Keine Zukunft. Mein Vater sagte: „Rennt jetzt.“ Ich sah den Staub unter den Ketten der Panzer. Ich roch ihren Stahl. Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben – aber das ist alles, was mir geblieben ist: die schlichte Tatsache, dass wir überlebt haben, und das Gefühl der Schuld, dass es bei anderen nicht so war.

Ich habe Angst vor Licht. Ich habe Angst vor Dunkelheit. Ich habe Angst vor Stille. Ich fürchte mich vor Lärm. Wenn die Explosionen aufhören, wird meine Angst stärker. Die Stille ist nur ein Vorspiel. Jede Sekunde fühlt sich wie Warten an. Worauf warten wir? Wir wissen es nicht.

Am Abgrund jedes Augenblicks sprechen zwei Stimmen zu mir. Die eine sagt: „Du hast überlebt.“ Die andere: „Es fängt bald wieder an.“

Ein Teil von mir möchte an den Morgen glauben. Ein Teil von mir bereitet sich auf eine weitere Nacht vor.

Früher kannte ich Zeit als Kalender, als Plan, als Ziel. Jetzt ist Zeit nur noch etwas, das wir ertragen.

Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir einen Sonnenaufgang vor, der Kaffee mit sich bringt, nicht Angst. Ich träume davon, gedankenlos ein Fenster zu öffnen, um die Brise zu spüren; davon, ein Buch zu lesen ohne das Geräusch von Drohnen über mir. Ich träume von Nächten in Gaza, wie sie einmal waren: Verliebte, die durch vom Mond erhellte Straßen spazieren, spielende Kinder. Aber ich glaube diesen Träumen nicht.

Ich frage mich, wer ich sein werde, wenn das hier endet; ob ich jemals wieder ohne Angst neben einer Lampe sitzen werde; ob die Kinder meiner Kinder jemals wieder dem Licht vertrauen werden. In Gaza gibt es keine Metaphern. Es gibt nur das, was verschwunden ist, und das, was bleibt – dieses Leben zwischen Schatten und die Erinnerung an ein anderes Licht.

12.08.2025; von Abdullah Hany Daher, palästinensischer Schriftsteller und Journalist aus Gaza

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch in der Zeitschrift Jewish Currents. Übersetzung: Maike Gosch, NachDenkSeiten