Dem System innewohnend.

» […] Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen. […] «

Jean Jaurès

~ Hintergrund 9-10-2025, Seite 75, „»Es muss die Systemfrage gestellt werden!«“, hintergrund.de

Dieses Zitat stammt von dem französischen Sozialisten und Pazifisten Jean Jaurès (1859–1914).

Er äußerte diesen Gedanken in einer Rede im Jahr 1895. Das Zitat zählt heute zu den bekanntesten Argumenten der antimilitaristischen Linken und wird häufig im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zitiert.

Hier sind einige Hintergründe zur Einordnung:

  • Der genaue Wortlaut: Im französischen Original lautet der Satz meist:

« Le capitalisme porte en lui la guerre comme la nuée porte l’orage. »

Wörtlich übersetzt bedeutet orage eigentlich „Gewitter“ oder „Sturm“. Im Deutschen hat sich jedoch die poetischere Übersetzung mit dem „Regen“ eingebürgert und festgesetzt.

  • Der historische Kontext: Jaurès warnte unermüdlich vor der durch die imperialistische Konkurrenz der europäischen Mächte entstandenen Kriegsgefahr. Tragischerweise wurde er am 31. Juli 1914, nur wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, von einem französischen Nationalisten in einem Pariser Café ermordet, da er sich bis zuletzt für eine diplomatische Verständigung mit Deutschland eingesetzt hatte.

1. Wer war Jean Jaurès?

Jean Jaurès war nicht nur ein Politiker, sondern die Symbolfigur des französischen Sozialismus. Er war ein brillanter Rhetoriker, Philosoph und Historiker.

  • Seine Mission: Er versuchte, die französische Arbeiterbewegung zu einen und gleichzeitig eine Brücke zum deutschen Proletariat zu schlagen. Er war davon überzeugt, dass ein Generalstreik der Arbeiter in Deutschland und Frankreich einen Krieg verhindern könnte.
  • Sein Vermächtnis: Er gründete im Jahr 1904 die bis heute existierende Zeitung L’Humanité.

2. Der Kontext des Zitats: Imperialismus und Konkurrenz

Warum verglich Jaurès den Kapitalismus mit einer Regenwolke?

Um die Jahrhundertwende befanden sich die europäischen Großmächte in einem aggressiven Wettlauf um Kolonien in Afrika und Asien. Jaurès argumentierte, dass dieses Wirtschaftssystem zwangsläufig zu Konflikten führen müsse.:

  1. Absatzmärkte: Die Industrienationen brauchten ständig neue Märkte.
  2. Ressourcen: Der Hunger nach Rohstoffen löste Konflikte in der Peripherie aus.
  3. Ablenkung: Nationale Konflikte wurden oft genutzt, um von sozialen Problemen im Inneren abzulenken.

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Das Zitat war also eine Warnung: Solange die wirtschaftliche Konkurrenz unreguliert bleibt, ist ein militärischer Konflikt unvermeidbar – wie ein Naturgesetz (die Wolke und der Regen/Sturm).


3. Das tragische Ende: Der Mord im Café du Croissant

Der Tod von Jean Jaurès wird in der Historiografie oft als der erste „Schuss“ des Ersten Weltkriegs bezeichnet oder zumindest als das endgültige Erlöschen der Hoffnung auf Frieden.

  • Das Datum: 31. Juli 1914. Die Welt stand bereits am Abgrund – das Attentat von Sarajevo lag einen Monat zurück –, doch die Kriegserklärungen der Großmächte waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgesprochen.
  • Die Tat: Jaurès saß im Café du Croissant in Paris beim Abendessen. Er wollte am nächsten Tag einen letzten flammenden Artikel gegen den Krieg schreiben. Doch ein junger Nationalist namens Raoul Villain schoss durch das offene Fenster und tötete ihn sofort.
  • Die Folge: Mit Jaurès’ Tod erlosch der Widerstand der französischen Linken gegen den Krieg. Es folgte die Union sacrée (der Burgfrieden), bei der sogar die Sozialisten dem Krieg zustimmten.

4. Weitere hellsichtige Zitate aus dieser Epoche

Jaurès war jedoch nicht der Einzige, der das Unheil kommen sah oder die Situation treffend analysierte. Hier sind drei weitere Perspektiven aus der Zeit des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs:

Sir Edward Grey (Britischer Außenminister)

Am Vorabend des britischen Kriegseintritts im August 1914 äußerte er einen der berühmtesten Sätze der Geschichte.:

„In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“ (The lamps are going out all over Europe: we shall not see them lit again in our lifetime.)

Rosa Luxemburg (Deutsche Sozialistin)

Sie teilte Jaurès’ antimilitaristische Haltung. Ihr berühmtes Diktum (eigentlich ein Rückgriff auf Engels) während des Krieges lautete::

„Entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ Dies drückte die totale Zerstörungskraft des modernen Krieges aus.

Helmuth von Moltke (Chef des deutschen Generalstabs)

Selbst das Militär ahnte, dass dies kein kurzer Krieg werden würde. So warnte Moltke den Kaiser im Jahr 1914 (wenn auch vergeblich), dass dieser Krieg nicht wie frühere Kabinettskriege sein werde.:

„Es wird ein Volkskrieg werden, der nicht eher beendet sein wird, als bis die eine oder andere Seite am Boden liegt.“


Jaurès’ Analyse, dass wirtschaftliche Konkurrenz ohne politische Kontrolle zu Konflikten führt, wird auch heute noch häufig in geopolitischen Debatten herangezogen.

Diese Kirche, diese Haltung ist nicht mehr meine Kirche, ist der Gegensatz meiner Haltung. |

„Liebet eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.” So steht es im Lukas-Evangelium. Ein Satz, der leicht gesagt, aber offensichtlich schwer zu praktizieren ist und den trotzdem viele Pazifisten unterschreiben würden. Die andere Wange hinhalten gilt für leitende evangelische Christen jetzt nur noch eingeschränkt.

Wehrdienst, Verteidigungsausgaben, Atomwaffen, Wege zum Frieden. Zu all diesen Themen hat die Evangelische Kirche in Deutschland diese Woche Stellung bezogen. Mit der ersten großen Friedensdenkschrift seit fast 20 Jahren. Aus dieser Denkschrift spricht ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus und eine Abkehr von früheren pazifistischen Haltungen. Die Evangelische Kirche ist theologisch in der Realität angekommen.

Aus der Friedensdenkschrift spricht ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus. Dieser ist zwar bereits aus Äußerungen der Bischöfinnen und Bischöfe der letzten Jahre bekannt, doch nun gibt es dafür auch ein theologisches Gerüst. Die Theologinnen und Theologen, die die Denkschrift verfasst haben, erkennen an, dass die Bundesregierung in Verteidigung investieren muss und dass Waffenlieferungen mit christlicher Ethik begründbar sind, sofern sie dem Schutz der Bevölkerung dienen und eine weitere Eskalation des Kriegs verhindern.

Dieser neue Pragmatismus ist bemerkenswert, denn er steht für eine größere Entwicklung. Nach und nach wendet sich die evangelische Kirche damit von pazifistischen Positionen ab, die lange zu ihrer DNA gehört haben: von „Schwerter zu Pflugscharen”, von Friedenschaffen ohne Waffen, von einer Friedensbewegung, in der die Kirche eine zentrale Rolle gespielt hat – sei es bei Protesten gegen Aufrüstung oder für Wehrdienstverweigerung.

Die Denkschrift würdigt die pazifistische Tradition des absoluten Gewaltverzichts zwar als spirituelle Praxis und als Stachel im Fleisch, macht aber auch klar, dass sich der Pazifismus als universale politische Ethik nicht legitimieren lässt. Auch die pazifistischen Rufe von Pfarrerinnen und Pfarrern in der evangelischen Kirche selbst, zum Beispiel nach Verhandlungen als einziger Lösung oder danach, zivilen Widerstand gegen Regime zu stärken, gehen so nicht auf. An die Stelle des evangelischen Pazifismus tritt nun also ein neuer evangelischer Pragmatismus. Dieser deckt sich übrigens an vielen Stellen mit den Positionen der aktuellen und der letzten Bundesregierungen. Das Motto dieses evangelischen Pragmatismus lautet jedenfalls: Wenn es gar nicht anders geht, dann ist aus evangelischer Sicht sogar Gewalt denkbar – aber nur mit großem Zähneknirschen und nach gründlicher Gewissensprüfung.

Auch beim Thema Wehrdienst stimmt die evangelische Kirche mit der Bundesregierung überein. Die Regierung hat diese Woche beschlossen, erstmal flächendeckend junge Männer zu mustern, die sich dann freiwillig entscheiden können. Freiwilligkeit findet auch die evangelische Kirche gut. Obwohl sie eine Wehrpflicht ethisch für vertretbar hält und auch gern noch darüber diskutiert hätte, ob nicht auch Frauen herangezogen werden müssten. Die Kirche unterstreicht jedenfalls, dass Militärdienst ein christlicher Einsatz für den Frieden sein kann.

Laut Denkschrift kann der Mensch den wahren, echten Frieden allerdings gar nicht selbst schaffen, sondern gibt es allein im Reich Gottes. Bei allem Pragmatismus hat sich die evangelische Kirche also doch nicht ganz von frommen Hoffnungen verabschiedet.

»Die EKD ist mit ihrer „Friedensdenkschrift“ in der Realität angekommen – Die evangelische Kirche in Deutschland hat mit der ersten großen Friedensdenkschrift seit fast 20 Jahren zu aktuellen Themen Stellung bezogen. Darin findet sich ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus und die Abkehr vom starren Pazifismus.«, 15.11.2025, https://www.deutschlandfunk.de/kommentar-zur-evangelischen-friedensdenkschrift-in-der-realitaet-angekommen-100.html

hören:

Historische Weitsicht: Warum Schröders Absage zum Irak-Krieg von 2003 bis heute nachhallt

» […] Die politische Klasse nimmt ihm [Anm.: dem Ex-SPD-Vorsitzenden Schröder] übel, dass er 2003 die Teilnahme der BRD am Krieg der NATO gegen den Irak verweigerte. Als Regierungschef hatte er damals erklärt: Dieser Krieg berge das Risiko, »die Reform- und Dialogbereitschaft in den islamischen Ländern zu blockieren und die Gefahr weiterer terroristisch motivierter Anschläge« zu erhöhen. Womit er recht behielt. […] «

~ Egon Krenz, Hintergrund 9-10-2025, Seite 76

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Ein Politikwissenschaftler prognostiziert die mögliche Zerstörung Europas. |

In einem Interview warnt der russische Politikwissenschaftler Sergej Karaganow vor der hohen Gefahr eines Atomkriegs, kritisiert die europäische Elite und propagiert eine drastische Abkehr Russlands vom Westen sowie eine Fokussierung auf Sibirien. Dabei prognostiziert er die mögliche Zerstörung Europas im Falle eines großen Krieges.

»„Sollte es zu einem großen Krieg kommen, wird Europa einfach aufhören zu existieren“ – Der russische Politikwissenschaftler und Historiker Sergej Karaganow ist seit Jahrzehnten als Berater der politischen Elite Russlands tätig und sitzt in einflussreichen außen- und wirtschaftspolitischen Gremien. Multipolar sprach mit ihm über die Gefahr eines Atomkriegs, seine Meinung über europäische Staatsführer sowie über seine Vorschläge für eine Abkehr Russlands vom Westen und eine stärkere Fokussierung auf Sibirien. Karaganows Aussagen sind durchaus kriegerisch und radikal, werden ihm zufolge jedoch von 95 Prozent der militärischen und politischen Führungsschicht Russlands geteilt. Multipolar publiziert das Interview, um Öffentlichkeit über das Denken dieser relevanten öffentlichen Person und der entsprechenden Fraktion der russischen Elite herzustellen, die die Haltung Wladimir Putins gegenüber dem Westen für zu gemäßigt hält. Karaganows Aussagen verdeutlichen zudem, unter welchem innenpolitischen Druck Putin steht und welche Art Entscheider ihm dereinst in Moskau nachfolgen könnte. Das Gespräch führte Éva Péli am 30. Oktober in Moskau.«, 14.11.2025, https://multipolar-magazin.de/artikel/interview-karaganow

„Wer keinen Verstand besitzt, wer über keine Scham verfügt und wer sich den Geist marodierender Heere angeeignet hat, zolle diesem erneuten Geniestreich offenen Beifall.“ |

In dem Artikel wird die Verletzung der Prinzipien des Westfälischen Friedens durch NATO-Mitglieder, insbesondere die USA, kritisiert. Zudem wird vor den negativen Folgen militärischer Interventionen und dem Verlust diplomatischer Normen in der internationalen Politik gewarnt.

In seinem Artikel thematisiert Gerhard Mersmann den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) und dessen verheerende Auswirkungen auf Europa, das nach dem Krieg nahezu ausgeblutet und verwüstet war. Er hebt hervor, dass der Westfälische Frieden eine internationale Ordnung schuf, die auf den Prinzipien der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder und der Vorrangstellung der Diplomatie vor dem Krieg basierte. Mersmann kritisiert, dass diese Prinzipien heute von NATO-Staaten, insbesondere den USA, missachtet werden. Er sieht darin einen gefährlichen Rückschritt in der internationalen Politik, der die Werte des Westfälischen Friedens untergräbt.

»Im Geiste marodierender Heere – Schweden, Sachsen, Böhmen, Franzosen und Ungarn, Friesen und Italiener, Tiroler und Sorben, Tschechen, Wallonen und Flandern, sie alle fielen übereinander her.«, 08.11.2025, https://form-7.com/2025/11/08/im-geiste-marodierender-heere/

hören:

Scheindebatten und Symbolpolitik.

Nicht, dass wir nichts Dringendes hätten, worum wir uns alle kümmern müssten. Da toben Kriege vor unserer Haustür, da machen reihenweise Unternehmen dicht, da avanciert der Reichtum wie die Armut zur gleichen Zeit, da kümmern sich Parlamentarier nicht mehr um die Sorgen der Bevölkerung, da implodieren Institutionen wie die öffentliche Verwaltung und die Justiz, da herrscht überall eine Atmosphäre des Hasses und der Einschüchterung und das alles wird allen möglichen Verursachern zugeschrieben, die weit weg sind, die man nicht zur Verantwortung ziehen kann und die bei näherem Hinsehen gar nicht für die Malaise in dieser Dimension verantwortlich sind.

Die sitzen nämlich im eigenen Land, die haben durch ihre Hörigkeit und Passivität den Krieg in der Ukraine mit vorbereitet, die haben das Desaster mit den Energiepreisen hingenommen, die haben aus den Ärmsten immer mehr herausgepresst und die Couponschneider verschont, die haben die Interessen der Bevölkerung öffentlich als naives Gehabe diskreditiert, die haben die öffentliche Verwaltung zu einem Versorgungsfond für ermattete Politkarrieristen degenerieren lassen, die haben die Justiz mit eigenen Gefolgsleuten infiltriert und die haben seit der Corona-Krise gegen alles gehetzt, was sich gegen den Abbau unveräußerlicher Rechte gestellt hat. Und, das sei nicht vergessen, die haben einen Großteil der Organisationen der Zivilgesellschaft an den eigenen Finanztropf gehängt und zu eigenen Propagandatrupps umgewandelt.

Dr. Gerhard Mersmann, 26.10.2025, https://form-7.com/2025/10/26/scheindebatten/

In seinem Artikel kritisiert Gerhard Mersmann die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zustände, die von Scheindebatten und Symbolpolitik geprägt sind, während dringende Probleme wie Kriege, wirtschaftliche Krisen und soziale Ungleichheit ignoriert werden. Mersmann argumentiert, dass die Verantwortlichen im eigenen Land sitzen und durch Passivität sowie Hörigkeit zur Verschärfung der Situation beigetragen haben, anstatt konstruktive Lösungen zu suchen. Er fordert einen Aufstand gegen diese Missstände sowie einen Fokus auf echte Reformen in Bereichen wie Frieden, Steuersystem, Gesundheit, Bildung und Kunst.