đź“…âť“ Polyposis nasi et sinuum

Heute musste ich nicht in den Kindergarten.

Eine Schwester hat mich an die Hand genommen und mitgenommen. ZurĂĽck blieb meine Mutter. Die Krankenschwester fĂĽhrte mich durch das alte Treppenhaus vom Erdgeschoss in den Keller. Wir gingen durch endlos scheinende Gänge. Dunkle Gänge. Mit flackernden Neonröhren, die ein britzelndes Geräusch von sich gaben. Ich verlor die Orientierung. Wir gingen an vielen gläsernen TĂĽren vorbei, hinter denen Menschen in SchĂĽrzen und Hauben geschäftig arbeiteten. Es roch nach Gekochtem und SpĂĽlwasser. Gerade, als ich mich am verlorensten fĂĽhlte, öffnete die Schwester eine TĂĽr und wir kamen in einen fensterlosen Raum. Links von mir stand ein Mann, rechts daneben eine Frau. Beide waren mit Mundschutz und weiĂź gekleidet und schauten mich erwartungsvoll an. Plötzlich legte sich von hinten ein linker Arm um meine Brust und die rechte Hand drĂĽckte mir ein feuchtes Tuch ins Gesicht. –

Als ich aufwachte, lag ich in einem kleinen Bett mit hohen Gittern. Das Bett stand in einem groĂźen Raum vor einem Fenster. DrauĂźen fiel Schnee. Auf der gegenĂĽberliegenden Seite des Fensters, in der Mitte der Wand, war eine TĂĽr. Angelehnt. Rundherum standen weitere vergitterte Betten. In ihnen lagen andere Kinder. Das GefĂĽhl des Verlorenseins war immer noch da und wurde sogar stärker. –

In der Nacht wachte ich nach einem Albtraum auf. Der Raum lag im Dunkeln, doch die TĂĽr stand offen und lieĂź Licht hineinfallen. In der Ferne hörte ich Frauenstimmen, die sich unterhielten. Aus Verlorensein wurde Angst. Ich rief. Erst leise, dann immer lauter. Die Stimmen blieben. Niemand kam. Aus Angst wurde Panik. Ich schrie. Irgendwann kam eine Schwester. –

Seitdem vertraute ich meinen Eltern, Ärzten und Krankenhäusern nie wieder.


đź’ˇ Welcher Moment in deinem Leben fĂĽhlte sich an wie direkt aus einem Film?

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What’s a moment in your life that felt like it was straight out of a movie?  |  Welcher Moment in deinem Leben kam dir so vor, als wäre er direkt aus einem Film?

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Autor: Bernd

» ... Ist es möglich; daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? Ja, es ist möglich. ... « – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910 ====================

8 Gedanken zu „đź“…âť“ Polyposis nasi et sinuum“

  1. Diese bedrückende Atmosphäre hast du sehr gut wiedergegeben. Und wie allein du dich gefühlt haben musst. Damals fehlte so viel Feingefühl.

    1. Vielen Dank. Das sind Ereignisse, die das Grundvertrauen eines Kindes nachhaltig erschĂĽttern. – Das gelebte FeingefĂĽhl hängt mit den Rahmenbedingungen zusammen. Die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten allmählich verbessert. Heute stehen wir an einem Kipppunkt zu immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen.

  2. Im selben Alter dieselbe OP. An eine ähnliche Atmosphäre erinnere ich mich und auch an die weissen Gitterbettchen. Bei mir weinte allerdings im nebenstehenden Bettchen ein Menschlein. Ich habe mich bei dem Versuch zu trösten sehr alleine gefühlt. Es dauerte ewig in meinem Gefühl bis endlich Jemand dazu kam in der Nacht. Danke für diesen erinnernden Text.

    1. Damals schien es ein „Hobby“ der HNO-Ärzte zu sein, Polypen zu entfernen. Der Umgang mit vulnerablen Gruppen war zudem noch überschattet von dem menschenverachtenden Umgang 20 Jahre zuvor. Mit zunehmendem Alter tauchen solche belastenden Erinnerungen wieder auf. Es ist erleichternd, solche Erfahrungen geteilt zu wissen.

  3. Grauenvoll. Das erinnert mich an meine Einlieferung ins Spital im Jahr 1957 anlässlich der zweitgrößten Epidemie des 20. Jhdts. Das Spital war so ĂĽberfĂĽllt, dass ich in einem Notbett im Flur „zwischengelagert“ wurde und am RĂĽcken liegenden und im Fieberwahn auf die Heizungsrohre an der Decke starrte. Nach endlosen Stunden apathischen Wartens kam eine Schwester auf meine provisorische Liege zu mit einer Schere in der Hand und pfauchte mich an: „Gib mir deine Finger“. Sie wollte mir aber nur die Fingernägel schneiden … Später wurde dann doch ein Bett im Saal frei, da ein anderes Kind „Platz gemacht hat“.

    1. Ja, solche Ereignisse brennen sich in unsere Haut ein und lassen sich nicht mehr abstreifen. Bestenfalls lernen wir, mit diesen Erinnerungen zu leben, und werden widerstandsfähiger gegenüber ähnlichen Ereignissen.

  4. Es bricht mir das Herz, eure Erfahrungen hier zu lesen. Als gelernte Krankenschwester, die mit ihrer Empathie auch ĂĽberall aneckte, erschreckt es mich, dass besonders in diesem sensiblen Bereich mit so wenig FeingefĂĽhl agiert wurde – und wird.

    1. Aus aktuellem Einblick (Blitzlicht) in den Krankenhausbetrieb – sowohl in einem kleinen Krankenhaus vor Ort als auch in einem groĂźen in Köln – kann ich sagen: Die Beschäftigten sind alle freundlich. Emsig. Professionell. Gut organisiert. Sie sind jedoch auf Praktikant:innen angewiesen. Zeit fĂĽr Empathie und ein kleines Schwätzchen haben jedoch alle Beschäftigten nicht mehr, unabhängig von ihrer Position. Damit sich Patienten „wohl” fĂĽhlen, sollten sie stundenweise eine Begleitperson an ihrer Seite haben, die sich zusätzlich um sie kĂĽmmert und ihnen gut zureden kann. AuĂźerdem ist das Krankenhauspersonal fĂĽr jede Entlastung durch eine Begleitperson sichtlich dankbar. – Damals waren Ă„rzte noch die „Götter in Weiß”, sowohl fĂĽr die Patientinnen und Patienten als auch fĂĽr die Schwestern. Es waren Ă„rzte, die in der Nazizeit sozialisiert wurden. Ich hege deswegen keinen Groll.

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