📅❓ Nach uns keine Zukunft?

Zunächst war da das Fernsehen. Als ich ein Junge war, lief sonntagabends während des Abendessens der „Weltspiegel”, der immer ausführlich über den Vietnamkrieg und die Kriegsgräuel berichtete. Dabei bin ich einmal fast an einem Stück Schinkenwurst erstickt. Dieses Gefühl, zu ersticken, ist seitdem latent vorhanden, wenn ich den Umgang der Menschheit mit dieser Welt betrachte: eine Menschheit, die ihre Lebensgrundlagen aktiv zerstört – wider besseres Wissen.

Ein paar Jahre später war es das Fernsehmagazin „Report Mainz“ mit dem Moderator Franz Alt, der über die Boatpeople und die deutsche Hilfsorganisation „Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V.“ berichtete. Bis heute lässt die staatliche Menschheit Flüchtlinge einfach ertrinken.

Zu dieser Zeit hatte ich die 1980 von Horst Stern gegründete Zeitschrift „Natur” abonniert, die mir die Augen weiter öffnete, da sie Lösungen aus dem allgemeinen Wahnsinn aufzeigte.

Über diese Zeitschrift wurde ich auf das 1979 erschienene Buch „Nach uns die Zukunft: Von der positiven Subversion” von Hans A. Pestalozzi aufmerksam. Dem Buch ist bis heute nichts hinzuzufügen, weder in seiner Analyse der Welt, der Umwelt und der Weltwirtschaft noch in den gestellten Fragen, deren Beantwortung uns eine bessere Welt gebracht hätte.

Ein Beispiel für eine solche einfache Frage ist: „Wollen wir eine verkehrsgerechte Stadt oder einen stadtgerechten Verkehr?”

Der große Erfolg und die Popularität des Buchs

(»ein Blockbuster der gesellschaftskritischen Literatur, der die politischen und ökologischen Diskurse der 1980er Jahre maßgeblich mitgeprägt hat«)

war der Startschuss für alle Vermögenden und Mächtigen, sich mit Vehemenz gegen die Beschneidung ihres Gewinnstrebens und ihrer Gier zu wehren. Heute steht die Erde evolutionär gesehen kurz vor dem Kollaps.

Das Buch „Nach uns die Zukunft: Von der positiven Subversion” wurde 1979 von dem Schweizer Manager Hans A. Pestalozzi geschrieben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung leitete er das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), eine der wichtigsten europäischen Denkfabriken. Das Werk ist eine scharfe, leidenschaftliche Gesellschafts- und Wirtschaftskritik, in der Pestalozzi das damalige (und heutige) auf ständiges Wachstum ausgerichtete System radikal infrage stellt.

Wirtschaft ist nicht das ganze Leben. Pestalozzi kritisiert den blinden Glauben an unendliches Wirtschaftswachstum. Er zeigt auf, dass wir durch die bloße Erhöhung der produzierten Gütermenge letztlich mehr zerstören – Umwelt und soziale Strukturen – als wir an tatsächlichem Wert für die Menschen schaffen.

Das Buch ist ein Aufruf zur „positiven Subversion”: Wir sollen die bestehenden Verhältnisse nicht passiv hinnehmen. „Positive Subversion” bedeutet für ihn, sich den Zwängen des Systems zu entziehen, anders zu leben und die vorgegebenen Strukturen aktiv und kreativ zu unterlaufen.

Eigenverantwortung statt blinder Pflicht: Ein zentrales Thema ist die Entmündigung des Einzelnen in der modernen Welt. Pestalozzi warnt davor, dass Manager und Experten die Macht übernehmen, während der normale Mensch im wirtschaftlichen Hamsterrad nur noch seine Pflicht erfüllt. Er fordert, dass wir wieder echte Eigenverantwortung für unser Handeln und unser Leben übernehmen.

Entlarvung falscher Leitbilder: Der Autor hinterfragt viele vermeintliche „Wahrheiten“, die uns von Politikern, Ökonomen oder bereits in der Schule als alternativlos präsentiert werden. Er regt dazu an, den Sinn von Arbeit, Freizeit, Demokratie und Konsum kritisch zu reflektieren.

Pestalozzis Ansichten waren für ein Vorstandsmitglied der Wirtschaft absolut unkonventionell. Das Buch forderte die Menschen direkt dazu auf, sich der Konsummaschinerie zu verweigern. Diese radikalen Thesen waren für seine Arbeitgeber – das GDI war eng mit dem Handelsunternehmen Migros verknüpft – so untragbar, dass Pestalozzi kurz nach der Veröffentlichung im Sommer 1979 fristlos entlassen wurde. In der Folge wandelte er sich vom hochrangigen Topmanager zum Systemkritiker, Aktivisten und späteren Aussteiger.

Insgesamt betrachtet ist „Nach uns die Zukunft” ein flammendes Plädoyer für kritisches Denken, mehr Menschlichkeit und den Mut, aus einer rein profitorientierten und fremdbestimmten Gesellschaft auszubrechen.

Täglicher Schreibanreiz
Welches Medium (Buch, Film, Song) hat verändert, wie du die Welt siehst?

What’s a piece of media (book, movie, song) that changed how you see the world?  |  Welches Medium (Buch, Film, Lied) hat deine Sicht auf die Welt verändert?

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📅❓ Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen.

25.06.2026 | Es gibt viele Bücher, deren Ende mir nicht gefällt und bei denen ich mir ein anderes Ende gewünscht hätte. Für mich sind Bücher Kunstwerke oder Handwerkskunst. Ich käme nie auf die Idee, etwas daran zu ändern. Ich würde mir nie anmaßen, ein Werk zu ändern. Als Rezipient muss ich es aushalten, dass mir etwas nicht gefällt oder zusagt.

Selbst die Bibel endet mit einer eindringlichen Warnung an die Leserschaft, den Worten dieser prophetischen Schrift nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzulassen (Offenbarung 22, Verse 18 und 19).

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du das Ende eines Buches ändern könntest – welches wäre es?

If you could change the ending of any book, which one would it be? | Wenn du das Ende eines beliebigen Buches ändern könntest, welches wäre das?

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📅❓ Die Pointe im Schnee

Erst am 18. Mai lautete die Schreibanregung „Wenn du einen Film aus deinem Gedächtnis löschen könntest, um ihn nochmal zum allerersten Mal zu sehen – welcher wäre das?“.

Es bleibt beim Film:

Täglicher Schreibanreiz
Welches Buch, welchen Film oder welche Serie würdest du gern noch einmal zum allerersten Mal erleben?

What’s a book, movie, or TV show that you wish you could experience again for the first time?  |  Welches Buch, welchen Film oder welche Fernsehserie würdest du gerne noch einmal zum ersten Mal erleben?

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📅❓ Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah

Mein lieber Onkel May, das war ein toller Mann.
Mein lieber Onkel May, an den kam keiner ran.

Wie der mich mit auf Reisen nahm in seine heile Welt,
so mitten aus den Schulaufgaben, komm wenn’s dir gefällt,
da tauschte ich mein Zimmer und bekam wein weites Sternenzelt.
Bei dem war alles klar, da gab’s nur Böse oder gut,
der eine war der Feuerhans der andre war der Shout,
und manchmal floss dabei ein wenig Blut.

Mein lieber Onkel May, war das ein toller Mann.
Mein lieber Onkel May, an den kam keiner ran.

Wie der doch immer alles ohne Zögern gleich verstand,
der konnte einen Vogel treffen, mit der linken Hand,
und ich sass schön im Feuerschein in einem wilden fremden Land.
Mit dem, da ging das Reiten machmal ganze Tage lang,
des nachts, da schliefen wir an einem düstern Felsenhang,
und manchmal wurde mir ein bisschen bang.

Mein lieber Onkel May, das war ein toller Mann.
Zu schade, Onkel May, dass ich nicht mehr mit dir reiten kann.

~ Stephan Sulke, Mein lieber Onkel May, Juli 1976, https://youtu.be/ouP8FmPeCaU

Es war an Heiligabend, als mir der Bruder meiner Oma mütterlicherseits und seine Lebensgefährtin Karl MaysDurchs wilde Kurdistan” schenkten.

Noch am selben Abend begann ich, im Bett liegend, dieses Buch zu lesen. Es eröffneten sich mir neue (Phantasie-)Welten.

Schon bald hatte ich es ausgelesen. Von nun an schenkten mir mein Onkel und meine Tante zu Ostern, zum Geburtstag und zu Weihnachten einen neuen Band.

Nach zehn Bänden war ich diesen Welten entwachsen und schenkte anderen Geschichten anderer Autor:innen meine Aufmerksamkeit.

Täglicher Schreibanreiz
Was war das erste Buch, das du zu Ende gelesen hast und an das du dich bis heute erinnerst?

What’s the first book you ever finished and still remember to this day? | Welches war das erste Buch, das du jemals zu Ende gelesen hast und an das du dich bis heute erinnerst?

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📅❓ Wenn keine Schafe mehr aufblicken. Wie eine Nachtwache beim Bund meinen Blick auf die Welt veränderte.

Als Pubertierender und junger Erwachsener habe ich viele Science-Fiction-Romane gelesen. Irgendwie ist mir in dieser Zeit John Brunners Roman „Schafe blicken auf” (Originaltitel: The Sheep Look Up, 1972) in die Hände gefallen. Ich leistete gerade meine Wehrpflicht ab (ich schäme mich, nicht verweigert zu haben). Dazu gehörte regelmäßig die 24-Stunden-Aufgabe des „Gefreiten vom Dienst“ (GvD). In dieser Funktion musste ich nachts wach bleiben und war sozusagen der Pförtner und Nachtwächter des Kompaniegebäudes. Dieses Buch verschlang ich in einer einzigen Nacht. Nicht nur einmal.

Die Welt, vor allem die USA, rückt der beschriebenen Dystopie Schritt für Schritt näher. John Brunner konnte das Ausmaß der Globalisierung Anfang der 1970er Jahre noch nicht erkennen. Wenn seine Dystopie Wirklichkeit geworden sein wird, werden keine Schafe mehr aufblicken.

„Schafe blicken auf” ist ein Buch, das man „erleidet”, um die Welt danach mit anderen, realistischeren Augen zu sehen. Allgemein wird es oft als das wichtigste Öko-Science-Fiction-Werk bezeichnet, das je geschrieben wurde.

Es besteht aus kurzen Kapiteln, Werbespots, Zeitungsberichten und Schlaglichtern auf Dutzende Charaktere. Es gibt keinen Protagonisten, mit dem man mitfiebern könnte. Genau dieser fragmentierte Stil fängt das Chaos einer zusammenbrechenden Gesellschaft perfekt ein.

Die Themen, die sich in diesem Buch noch wie Horrorfantasien lesen, sind heute Bestandteil der aktuellen Nachrichten: Menschen erkranken durch Umweltgifte wie Mikroplastik (dessen Gefährlichkeit derzeit relativiert wird) und andere Giftstoffe. Großkonzerne verhindern oder schwächen Umweltschutzgesetze durch Lobbyarbeit. Reiche, die sich abschotten, während der Rest der Welt in physischem, militärischem, sozialem, psychischem und seelischem „Dreck” versinkt.

Der Inhalt des Buches lässt sich wie folgt zusammenfassen: In einer dystopischen Vision der USA kollabiert die Biosphäre unter der Last extremer Verschmutzung und der Profitgier skrupelloser Konzerne. Die Bevölkerung leidet massenhaft an Vergiftungen und Seuchen, während sauberes Wasser und gesunde Nahrung für die meisten Menschen zu unerreichbaren Luxusgütern werden. In Form eines literarischen Mosaiks zeigt Brunner, wie die soziale Ordnung durch Ressourcenknappheit, Terrorismus und staatliche Inkompetenz unaufhaltsam zerbricht. Im Zentrum steht der Umweltaktivist Austin Train, dessen radikale Warnungen so lange ignoriert werden, bis jede Form der Rettung zu spät ist. Das Werk endet konsequent düster mit dem totalen ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenbruch einer Welt, die an ihrem eigenen Abfall erstickt.

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Welches Buch könntest du immer wieder lesen?

What book could you read over and over again?  |  Welches Buch könntest du immer wieder lesen?

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📅❓ Jenseits von Gut und Böse: Das namenlose Kind als Zeuge der Anarchie.

Am liebsten wäre ich Tobie Lolness, der Held aus dem gleichnamigen Roman und dessen Fortsetzung. Helden leben nicht lange. Sie werden von den Herrschenden „geframt”, d. h., ihre Erzählung wird manipuliert, um die Beherrschten ruhigzustellen.

Als ich den Film „Le temps du loup” (Wolfzeit) von Michael Haneke sah, war ich beeindruckt von dessen Weitsicht und präziser Schilderung typischer menschlicher Eigenschaften in Zeiten des Kontrollverlustes und der Anarchie. Der Film wurde am 20.05.2003 in Cannes uraufgeführt. Dieser Film ist einer der besten, die ich bislang gesehen habe.

Ich wäre das namenlose, obdachlose Kind, das das Schicksal derer verkörpert, die in dieser neuen Welt völlig auf sich allein gestellt sind und sich den Verhältnissen schnell angepasst haben. Ein sogenanntes „Wolfskind”. Es verkörpert den Zustand eines Menschen, der sich bereits vollständig an die Anarchie angepasst hat. Es ist emotional distanziert und agiert fast rein instinktiv. Es ist weder „gut” noch „böse” im klassischen Sinne, sondern ein Wesen jenseits von Moral. Sein Handeln wird allein vom Überlebenstrieb gesteuert. In seiner wortlosen Präsenz wirkt der Junge fast wie ein Zeuge des Leids, der die Grausamkeit der anderen stillschweigend erträgt. Er zeigt den Zuschauern, dass in einer Welt ohne Gesetz nicht nur die körperliche Unversehrtheit verloren geht, sondern auch die Konzepte von Identität und Kindheit, wie wir sie kennen.

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du? Warum?

If you could be a character from a book or film, who would you be? Why?  |  Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du dann? Warum?

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