📅❓ Wenn keine Schafe mehr aufblicken. Wie eine Nachtwache beim Bund meinen Blick auf die Welt veränderte.

Als Pubertierender und junger Erwachsener habe ich viele Science-Fiction-Romane gelesen. Irgendwie ist mir in dieser Zeit John Brunners Roman „Schafe blicken auf” (Originaltitel: The Sheep Look Up, 1972) in die Hände gefallen. Ich leistete gerade meine Wehrpflicht ab (ich schäme mich, nicht verweigert zu haben). Dazu gehörte regelmäßig die 24-Stunden-Aufgabe des „Gefreiten vom Dienst“ (GvD). In dieser Funktion musste ich nachts wach bleiben und war sozusagen der Pförtner und Nachtwächter des Kompaniegebäudes. Dieses Buch verschlang ich in einer einzigen Nacht. Nicht nur einmal.

Die Welt, vor allem die USA, rückt der beschriebenen Dystopie Schritt für Schritt näher. John Brunner konnte das Ausmaß der Globalisierung Anfang der 1970er Jahre noch nicht erkennen. Wenn seine Dystopie Wirklichkeit geworden sein wird, werden keine Schafe mehr aufblicken.

„Schafe blicken auf” ist ein Buch, das man „erleidet”, um die Welt danach mit anderen, realistischeren Augen zu sehen. Allgemein wird es oft als das wichtigste Öko-Science-Fiction-Werk bezeichnet, das je geschrieben wurde.

Es besteht aus kurzen Kapiteln, Werbespots, Zeitungsberichten und Schlaglichtern auf Dutzende Charaktere. Es gibt keinen Protagonisten, mit dem man mitfiebern könnte. Genau dieser fragmentierte Stil fängt das Chaos einer zusammenbrechenden Gesellschaft perfekt ein.

Die Themen, die sich in diesem Buch noch wie Horrorfantasien lesen, sind heute Bestandteil der aktuellen Nachrichten: Menschen erkranken durch Umweltgifte wie Mikroplastik (dessen Gefährlichkeit derzeit relativiert wird) und andere Giftstoffe. Großkonzerne verhindern oder schwächen Umweltschutzgesetze durch Lobbyarbeit. Reiche, die sich abschotten, während der Rest der Welt in physischem, militärischem, sozialem, psychischem und seelischem „Dreck” versinkt.

Der Inhalt des Buches lässt sich wie folgt zusammenfassen: In einer dystopischen Vision der USA kollabiert die Biosphäre unter der Last extremer Verschmutzung und der Profitgier skrupelloser Konzerne. Die Bevölkerung leidet massenhaft an Vergiftungen und Seuchen, während sauberes Wasser und gesunde Nahrung für die meisten Menschen zu unerreichbaren Luxusgütern werden. In Form eines literarischen Mosaiks zeigt Brunner, wie die soziale Ordnung durch Ressourcenknappheit, Terrorismus und staatliche Inkompetenz unaufhaltsam zerbricht. Im Zentrum steht der Umweltaktivist Austin Train, dessen radikale Warnungen so lange ignoriert werden, bis jede Form der Rettung zu spät ist. Das Werk endet konsequent düster mit dem totalen ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenbruch einer Welt, die an ihrem eigenen Abfall erstickt.

Täglicher Schreibanreiz
Welches Buch könntest du immer wieder lesen?

What book could you read over and over again?  |  Welches Buch könntest du immer wieder lesen?

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📅❓ Jenseits von Gut und Böse: Das namenlose Kind als Zeuge der Anarchie.

Am liebsten wäre ich Tobie Lolness, der Held aus dem gleichnamigen Roman und dessen Fortsetzung. Helden leben nicht lange. Sie werden von den Herrschenden „geframt”, d. h., ihre Erzählung wird manipuliert, um die Beherrschten ruhigzustellen.

Als ich den Film „Le temps du loup” (Wolfzeit) von Michael Haneke sah, war ich beeindruckt von dessen Weitsicht und präziser Schilderung typischer menschlicher Eigenschaften in Zeiten des Kontrollverlustes und der Anarchie. Der Film wurde am 20.05.2003 in Cannes uraufgeführt. Dieser Film ist einer der besten, die ich bislang gesehen habe.

Ich wäre das namenlose, obdachlose Kind, das das Schicksal derer verkörpert, die in dieser neuen Welt völlig auf sich allein gestellt sind und sich den Verhältnissen schnell angepasst haben. Ein sogenanntes „Wolfskind”. Es verkörpert den Zustand eines Menschen, der sich bereits vollständig an die Anarchie angepasst hat. Es ist emotional distanziert und agiert fast rein instinktiv. Es ist weder „gut” noch „böse” im klassischen Sinne, sondern ein Wesen jenseits von Moral. Sein Handeln wird allein vom Überlebenstrieb gesteuert. In seiner wortlosen Präsenz wirkt der Junge fast wie ein Zeuge des Leids, der die Grausamkeit der anderen stillschweigend erträgt. Er zeigt den Zuschauern, dass in einer Welt ohne Gesetz nicht nur die körperliche Unversehrtheit verloren geht, sondern auch die Konzepte von Identität und Kindheit, wie wir sie kennen.

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du? Warum?

If you could be a character from a book or film, who would you be? Why?  |  Wenn du eine Figur aus einem Buch oder Film sein könntest, wer wärst du dann? Warum?

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