📅❓ Das sympathische Scheusal

Bösewicht oder Held? Es gibt unzählige Bücher und Filme, die so inszeniert oder geschrieben sind, dass sich die Zuschauer:innen bzw. Leser:innen mit dem Bösewicht identifizieren können. Ich kann dabei keinen einzelnen Charakter hervorheben.

Da gibt es den Bösewicht, der ein Ziel verfolgt, dem ich eigentlich zustimmen würde. Er beendet Ungerechtigkeiten, schützt die eigene Familie oder stürzt ein korruptes System. Dafür wählt er radikale, zerstörerische Mittel.

Ein Schurke rebelliert gegen eine Gesellschaft, die ihn ungerecht behandelt hat, und rächt sich an ihr. In solchen Fällen empfinde ich sein Verhalten als befreiend und erleichternd.

Gerne verschwimmen dabei auch die Grenzen zwischen Gut und Böse. Ich erlebe einen Bösewicht als gebrochene Figur, wenn sich seine tragische, traumatische Hintergrundgeschichte langsam offenbart. „Homeland” und „Spuren des Bösen” sowie einige Geschichten von Ferdinand von Schirach sind dafür gute Beispiele.

Wenn sich der rücksichtslos mordende Bösewicht beispielsweise liebevoll um Tiere oder Kinder kümmert oder für Schwächere eintritt, erzeugt das bei mir eine sogenannte kognitive Dissonanz, einen inneren Konflikt. Diese Ambivalenz löse ich auf, indem ich den Schurken nachsichtiger und menschlicher betrachte.

Die Serie „Columbo” lebte davon, dass die Bösewichte hochintelligent waren und fast perfekte Morde planten und ausführten. Oft waren sie auch charismatisch, deren Charme ich mich kaum entziehen konnte. Lieutenant Columbo überführte sie alle, indem er ihre eigenen Stärken gegen sie verwendete.

Charmante und humorvolle Schurken voller beißendem Sarkasmus und ausstrahlender Gelassenheit stehlen den Helden oft mühelos die Show.

Wenn die „gute” Seite korrupt, selbstgerecht oder heuchlerisch agiert, wirkt die ehrliche, ungeschönte Dunkelheit des Schurken auf mich fast erfrischend.

Ist der Held zu perfekt oder moralisch zu starr, wirkt er schnell langweilig. Der Schurke bietet dann die Projektionsfläche für meine eigenen, unterdrückten, dunklen Gedanken.

Beim Schreiben ist mir dann doch noch ein Bösewicht eingefallen, der aus der Masse der anderen herausragt: die verfilmte Figur des Jacques Mesrine, überragend gespielt von Vincent Cassel in den beiden „Public Enemy No. 1”-Filmen „Mordinstinkt” und „Todestrieb”, die auf seiner Autobiografie „L’Instinct de mort” (dt. „Der Todestrieb”) basieren.

Mesrine war ein brutaler Verbrecher, ein Bankräuber, Entführer und Mörder. Dennoch spielt Vincent Cassel ihn mit einer solch explosiven Energie, Unverschämtheit und einem anarchischen Charisma, dass ich ihm komplett verfiel. Er inszeniert sich selbst als Rebell gegen das System und ich ertappte mich dabei, wie ich auf seine Seite gezogen wurde.

Tägliche Schreibanregung
Hast du schon mal einen Bösewicht mehr gemocht als den Helden? Wen und warum?

Have you ever liked a villain more than the hero? Who and why?  |  Hast du schon einmal einen Bösewicht mehr gemocht als den Helden? Wen und warum?

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🕮 darf’s ein bisschen mehr sein

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🕮 Gentleman

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🎙 Wie sich unser Blick auf Flucht und Migration verändert hat

In diesem Gespräch geht es um die Situation von Migranten in Ceuta, einer spanischen Enklave, sowie um die Reaktionen Europas auf die Flüchtlingskrise. Der Philosoph Daniel Loick äußert sich besorgt über die abnehmende Solidarität und den zunehmenden Rassismus in der Gesellschaft. Er stellt fest, dass die politische Reaktion auf die Flüchtlingskrise vor allem auf Abschottung und Rückführungen setzt, während Menschlichkeit und Mitgefühl oft in den Hintergrund gedrängt werden.

Ich glaube, wir sind zunächst einmal als Menschen, einfach als menschliche Lebewesen, empathische Lebewesen.

Also das ist zentral für unsere schon frühkindliche Sozialisation, dass es diese Fähigkeit gibt, Anteil zu nehmen am Schicksal von anderen.

Erst die Empathielosigkeit ist etwas, das wir uns antrainieren müssen. Also wir müssen uns die Empathie sozusagen abgewöhnen.

Und das passiert, glaube ich, durch bestimmte politische Strategien und Bilder, Sprachen, Kommunikationen, dass dann eben dieser ursprüngliche empathische Impuls abgetötet wird oder kanalisiert wird, gelenkt wird, sodass er dann eben selektiver wird.

~ Daniel Loick (* 1977), deutscher Philosoph und Sozialwissenschaftler. Er ist Associate Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam.

Loick vergleicht die aktuelle Situation mit der großen Flüchtlingskrise von 2015, als viele Menschen bereit waren, Flüchtlinge zu unterstützen. Heute sei die Empathie selektiver geworden und richte sich oft nur noch an bestimmte Gruppen von Migranten. Dies sei teilweise auf rassistische Einstellungen zurückzuführen.

Loick argumentiert, dass Empathie nicht nur ein Gefühl ist, sondern auch in politisches Handeln übersetzt werden muss. Wichtig sei es, Menschen als Träger von Rechten und nicht nur als Empfänger von Hilfe zu sehen. Loick fordert deshalb die Schaffung gesellschaftlicher Strukturen, die es ermöglichen, Empathie in politisches Handeln umzusetzen, um eine offene und solidarische Gesellschaft zu fördern.


Aus dem Interview „Migranten in Ceuta – Philosoph: Europa erlebt eine „Krise der Solidarität““ der Deutschlandfunk-Sendung „Information und Musik“ vom –16.08.2026-.


Interview in neuem Tab hören: https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2026/08/16/empathie_u_handlungsdruck_im_umgang_mit_migranten_daniel_dlf_20260816_0737_874c86bd.mp3

Webseite des Interviews in neuem Tab lesen: https://www.deutschlandfunk.de/empathie-u-handlungsdruck-im-umgang-mit-migranten-daniel-loick-philosoph-100.html

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📅❓ Ist er Retter der Menschheit oder tragischer Zerstörer?

Aktuell kann ich mich mit der fiktiven Figur Ender Wiggin aus der Science-Fiction-Romanreihe „Ender …” von Orson Scott Card identifizieren.

Kurz zusammengefasst: Ender Wiggin ist weit mehr als nur ein taktisches Wunderkind im intergalaktischen Krieg. Seine stärkste Waffe – und zugleich sein größter Fluch – ist eine radikale Empathie, die ihn im selben Moment, in dem er seine Feinde vernichtet, diese lieben lässt. Vom manipulierten, isolierten Außenseiter, der aus schierer Notwehr zur kompromisslosen Waffe wird, bis hin zum geläuterten „Sprecher für die Toten“, der nach Vergebung sucht: Ein Blick auf die zerrissene Seele einer der faszinierendsten und komplexesten Figuren der Science-Fiction-Literatur.

Ausführlich charakterisiert: Andrew „Ender“ Wiggin ist eine der komplexesten und faszinierendsten Figuren der Science-Fiction-Literatur. Orson Scott Card hat mit ihm einen Charakter erschaffen, der gleichzeitig Retter und Zerstörer, hochintelligente Waffe und tief verletzliches Kind ist.

Das wohl zentralste und tragischste Merkmal von Ender ist seine extrem ausgeprägte Empathie. Er hat die einzigartige Fähigkeit, sich vollkommen in die Gedankenwelt und Motivation seiner Gegner hineinzuversetzen. In dem Moment, in dem er seinen Feind so gut versteht, dass er ihn besiegen kann, liebt er ihn auch. Diese Empathie macht ihn zum perfekten Taktiker im Kampf gegen die außerirdischen „Krabbler“, da er ihre Schwärme antizipieren kann. Gleichzeitig zerstört ihn dieses tiefe Mitgefühl innerlich, da er gezwungen ist, jene Wesen zu vernichten, die er gerade erst verstanden hat.

Ender ist ein intellektuelles Wunderkind. Er denkt nicht in vorgegebenen Mustern, sondern bricht die Regeln des konventionellen Denkens auf. In der Kampfschule nutzt er die Schwerelosigkeit auf revolutionäre Weise – das Konzept, dass es im Raum kein festes „Oben“ oder „Unten“ gibt – und dreht die starren, traditionellen Taktiken der älteren Schüler gnadenlos gegen sie selbst.

Obwohl Ender Gewalt verabscheut und panische Angst davor hat, so grausam und berechnend zu werden wie sein sadistischer älterer Bruder Peter, handelt er in unausweichlichen Konflikten absolut kompromisslos. Wenn er gemobbt oder körperlich angegriffen wird, wehrt er sich, um nicht nur den aktuellen Kampf zu überstehen. Er wendet eine Überdosis an Gewalt an, um alle zukünftigen Kämpfe präventiv zu beenden und dem Gegner den Willen zur Rache für immer zu nehmen. Diese Kaltblütigkeit im Überlebensmodus macht ihn für das Militär so wertvoll, ist aber die Quelle seines größten psychologischen Traumas.

Seine Entwicklung wird nicht von ihm selbst, sondern durch die ständige Manipulation von Erwachsenen gesteuert – allen voran durch Colonel Graff. Er wird systematisch von potenziellen Freunden und Verbündeten isoliert. Das Militär will sicherstellen, dass er sich niemals auf die Hilfe anderer verlässt, sondern in absoluten Notlagen immer gezwungen ist, selbst eine Lösung zu finden. Zudem trägt er das gesellschaftliche Stigma, ein „Dritter“ zu sein (in einer überbevölkerten Welt, in der Familien eigentlich nur zwei Kinder haben dürfen). Das vermittelt ihm von Anfang an das Gefühl, ein Außenseiter und eine unerwünschte Last zu sein.

Enders Charakter entwickelt sich weit über das erste Buch hinaus und durchläuft massive Veränderungen.

Nachdem er die Spezies der Krabbler durch die Täuschung der Erwachsenen ausgelöscht hat, bricht er unter der gigantischen Schuld dieses Xenozids zusammen. In den Fortsetzungen – beginnend mit dem Buch „Sprecher für die Toten” – wandelt er sich von einer gefeierten (und gefürchteten) Militärlegende zu einer fast schon religiösen, pazifistischen Figur.

Als „Sprecher für die Toten“ reist er von Planet zu Planet, um die wahre Geschichte und die oft missverstandenen Motive Verstorbener völlig objektiv und schonungslos ehrlich zu erzählen. Schließlich wird es seine Lebensaufgabe, eine neue Heimat für die letzte überlebende Krabbler-Königin zu finden und so Wiedergutmachung für sein unwissentliches Verbrechen zu leisten.

Tägliche Schreibanregung
Mit welcher fiktiven Figur kannst du dich am meisten identifizieren?

Who is the fictional character you relate to the most?  |  Mit welcher fiktiven Figur kannst du dich am meisten identifizieren?

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