Bösewicht oder Held? Es gibt unzählige Bücher und Filme, die so inszeniert oder geschrieben sind, dass sich die Zuschauer:innen bzw. Leser:innen mit dem Bösewicht identifizieren können. Ich kann dabei keinen einzelnen Charakter hervorheben.
Da gibt es den Bösewicht, der ein Ziel verfolgt, dem ich eigentlich zustimmen würde. Er beendet Ungerechtigkeiten, schützt die eigene Familie oder stürzt ein korruptes System. Dafür wählt er radikale, zerstörerische Mittel.
Ein Schurke rebelliert gegen eine Gesellschaft, die ihn ungerecht behandelt hat, und rächt sich an ihr. In solchen Fällen empfinde ich sein Verhalten als befreiend und erleichternd.
Gerne verschwimmen dabei auch die Grenzen zwischen Gut und Böse. Ich erlebe einen Bösewicht als gebrochene Figur, wenn sich seine tragische, traumatische Hintergrundgeschichte langsam offenbart. „Homeland” und „Spuren des Bösen” sowie einige Geschichten von Ferdinand von Schirach sind dafür gute Beispiele.
Wenn sich der rücksichtslos mordende Bösewicht beispielsweise liebevoll um Tiere oder Kinder kümmert oder für Schwächere eintritt, erzeugt das bei mir eine sogenannte kognitive Dissonanz, einen inneren Konflikt. Diese Ambivalenz löse ich auf, indem ich den Schurken nachsichtiger und menschlicher betrachte.
Die Serie „Columbo” lebte davon, dass die Bösewichte hochintelligent waren und fast perfekte Morde planten und ausführten. Oft waren sie auch charismatisch, deren Charme ich mich kaum entziehen konnte. Lieutenant Columbo überführte sie alle, indem er ihre eigenen Stärken gegen sie verwendete.
Charmante und humorvolle Schurken voller beiĂźendem Sarkasmus und ausstrahlender Gelassenheit stehlen den Helden oft mĂĽhelos die Show.
Wenn die „gute” Seite korrupt, selbstgerecht oder heuchlerisch agiert, wirkt die ehrliche, ungeschönte Dunkelheit des Schurken auf mich fast erfrischend.
Ist der Held zu perfekt oder moralisch zu starr, wirkt er schnell langweilig. Der Schurke bietet dann die Projektionsfläche für meine eigenen, unterdrückten, dunklen Gedanken.
Beim Schreiben ist mir dann doch noch ein Bösewicht eingefallen, der aus der Masse der anderen herausragt: die verfilmte Figur des Jacques Mesrine, ĂĽberragend gespielt von Vincent Cassel in den beiden „Public Enemy No. 1”-Filmen „Mordinstinkt” und „Todestrieb”, die auf seiner Autobiografie „L’Instinct de mort” (dt. „Der Todestrieb”) basieren.
Mesrine war ein brutaler Verbrecher, ein Bankräuber, Entführer und Mörder. Dennoch spielt Vincent Cassel ihn mit einer solch explosiven Energie, Unverschämtheit und einem anarchischen Charisma, dass ich ihm komplett verfiel. Er inszeniert sich selbst als Rebell gegen das System und ich ertappte mich dabei, wie ich auf seine Seite gezogen wurde.
Have you ever liked a villain more than the hero? Who and why? | Hast du schon einmal einen Bösewicht mehr gemocht als den Helden? Wen und warum?
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