Es sind drei Lehrer:innen, die mich geprägt haben. Indirekt sind es sogar vier.
Nach der Grundschule erhielt ich keine Empfehlung für das Gymnasium, da meine Klassenlehrerin, Frau D., der Meinung war, dass Kinder, deren Eltern keine Fremdsprachen sprechen, auf dem Gymnasium nichts zu suchen haben. Auch nicht auf der Realschule.
Ich ging also in die fünfte Klasse der Hauptschule. Meine Klassenlehrerin, Frau K., war wohl Berufseinsteigerin, noch voller Illusionen und Enthusiasmus. Sie war mitfühlend, zugewandt und hatte alle ihre Schülerinnen und Schüler im Blick. Ihr war sehr daran gelegen, dass aus der Klasse eine Gemeinschaft wurde. Und das wurden wir. Wir trafen uns oft nachmittags nach der Schule zum Spielen. Wir Jungs vor allem, um Fußball zu spielen. Und Frau K. war sehr oft dabei. Das schweißte uns zusammen und machte aus vielen von uns eine eingeschworene Gemeinschaft. Unter ihrer Führung wurde ich einer der besten Schüler:innen der Klasse. Frau K. nutzte die Klassenbesten, um die Schwächeren zu unterstützen. Mit Erfolg. Viele von uns konnten am Ende des Schuljahres die Hauptschule in Richtung Realschule oder Gymnasium verlassen. Dazu musste man eine Aufnahmeprüfung bestehen. Frau K. ist mir bis heute lebendig in Erinnerung.
Ich wechselte aufs Gymnasium und erlebte sozusagen das Gegenteil. Überfüllte Klassen und Schulhöfe, überforderte Lehrer:innen. Ich schleppte mich die ersten drei Jahre durch, ging dann völlig unter und blieb glücklicherweise nach dem siebten Schuljahr sitzen.
Ich kam in eine Klassengemeinschaft, die sich in den drei Jahren zuvor gut entwickelt hatte und sich ähnlich anfühlte wie unsere in der Hauptschule. Unser Klassenlehrer war Herr D., ein noch junger, drahtiger, sportlicher und lebenslustiger Mensch. Ihm habe ich meine Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache zu verdanken, die ich aktuell wieder auffrische. Auch er war ein Lehrer, der seinen Schüler:innen auf Augenhöhe begegnete, und es wurde immer respektiert, dass er der Erste unter Gleichen war. Er blieb unser Klassenlehrer bis zum Abschluss des 10. Schuljahres. Irgendwann stellten Herr D. und ich fest, dass er meine Klassenlehrerin aus der Hauptschule, Frau K., geheiratet hatte. Diese Erinnerung erzeugt noch heute Gänsehaut bei mir. Was für eine schöne Fügung!
Als Deutschlehrer hatten wir den Konrektor des Gymnasiums, Herrn H., einen sogenannten alten Knochen, geprägt durch die Erfahrungen der Nazi-, Kriegs- und Nachkriegszeit. Er war ein Lehrer, der die Klasse verstummen ließ, wenn er den Raum betrat. Ich habe schon immer Probleme mit Autoritäten. Ich machte mich klein und hoffte, unsichtbar zu sein. Ich war einer der schlechtesten Deutschschüler:innen. Bis zu dem Morgen nach der großen Pause, als ich meinen kleineren Klassenkameraden P. spaßeshalber unter den Arm nahm. In der darauffolgenden Deutschstunde wurde P. übel und H. fragte ihn, ob er sich seine Übelkeit erklären könne. P. berichtete von meinem Armgriff.
Danach wackelten die Wände. H. schrie mich an, machte mir die größten Vorwürfe und trug mir auf, bis zum nächsten Tag zwölf DIN-A4-Seiten zu beschriften. Zuhause angekommen, war ich außer mir. Ich bebte vor empfundener Ungerechtigkeit. Ich hatte lediglich in der Pause mit P. geflachst und ihn möglicherweise unglücklich gegriffen. Meine Eltern suchten das Gespräch mit H., woraufhin das Überraschende geschah.
In den folgenden Wochen und Monaten gehörte ich immer zu denjenigen, die ihre Deutschhausaufgaben vor der Klasse stehend vortragen mussten. Nicht, weil H. mich vorführen wollte, sondern, wie ich gleich beim ersten Mal merkte, weil er mich von nun an förderte. Ohne H. wäre ich heute vermutlich ein anderer Mensch.
Unsere gegenseitige Sympathie ging sogar so weit, dass ich mit meinem befreundeten Klassenkameraden R. eine Radtour auf die andere Rheinseite unternahm, um H. zu Hause zu besuchen. Wir wurden freundlich empfangen. Ich lernte, was der Spruch „Harte Schale, weicher Kern” bedeutete.
Von K., D. und H. lernte ich, wie wichtig es ist, Kinder zu fordern und zu fördern.
Fordern und Fördern, das eine nicht ohne das andere, ist zu einer meiner Lebensmaximen und zu meinem Erfolgsrezept geworden.
Täglicher Schreibanreiz
Welcher Lehrer hat dich am meisten beeinflusst? Warum?
Who was your most influential teacher? Why? | Wer war dein prägendster Lehrer? Warum?
„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/
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