Westeuropäische Bürgerkriege werden wahrscheinlicher.

In seinem Artikel argumentiert David Betz, Professor am King’s College London, dass Westeuropa in den kommenden Jahren einem erheblichen Risiko von Bürgerkriegen ausgesetzt ist, obwohl solche Konflikte in dieser Region allgemein als unwahrscheinlich gelten. Er identifiziert drei wesentliche strukturelle Bedingungen, die zu inneren Unruhen führen können.

»Der Professor am Londoner King’s College beschäftigt sich mit den Bedingungen für Bürgerkriege und bewaffnete Aufstände. Lassen sich die erschreckenden Szenarien noch verhindern? Ein Interview.«

Gesellschaftliche Spaltung: Betz stellt eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft fest, in der Identität und Gruppenzugehörigkeit den rationalen politischen Diskurs überschatten. Er hebt den Aufstieg identitätsorientierter politischer Bewegungen hervor, insbesondere im Vereinigten Königreich, wo sich eine muslimische politische Fraktion in erster Linie auf internationale muslimische Interessen konzentriert und innenpolitische Themen vernachlässigt.

Statusverlust der Mehrheitsbevölkerung: Betz diskutiert das Phänomen des „Downgrading”, bei dem die historisch dominante kulturelle und politische Mehrheit rasch ihren Status verliert. Dieser Wandel dürfte dazu führen, dass die einheimische Bevölkerung innerhalb einer Generation in ihren eigenen Ländern zur Minderheit wird, was zu Entfremdungsgefühlen und Ressentiments führen kann.

Erosion des Vertrauens in Institutionen: Betz verweist auf einen deutlichen Rückgang des Vertrauens der Öffentlichkeit in verschiedene Institutionen, darunter Politik, Medien und Strafverfolgungsbehörden. Diese Erosion behindert die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung und kann zum Zusammenbruch der Gesellschaft führen.

Betz betont, dass Masseneinwanderung oft eher auf Entscheidungen der Elite als auf den Willen der breiten Bevölkerung zurückzuführen ist, was zu diesen Spannungen beiträgt. Er hebt auch wirtschaftliche Faktoren wie Stagnation und steigende Verschuldung hervor, die die Situation insbesondere für jüngere Generationen mit schlechteren Zukunftsaussichten verschärfen.

Betz warnt vor potenziellen Konflikten entlang zweier Hauptachsen: Nationalisten gegen Postnationalisten sowie Einheimische gegen Neuankömmlinge. Diese könnten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen, die an historische „schmutzige Kriege“ erinnern.

Betz kommt zu dem Schluss, dass zwar langfristig die nationalen Identitäten die Oberhand gewinnen könnten, der Weg dorthin jedoch von Gewalt und Zerstörung geprägt sein könnte – ähnlich wie beim gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens. Er betont, dass diese Probleme dringend angegangen werden müssen, da die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs in Europa innerhalb der nächsten fünf Jahre bei bis zu 60 % liegen könnte, wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen.

23.08.2025 | https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/britischer-konfliktforscher-fast-alle-voraussetzungen-fuer-buergerkriege-in-westeuropa-sind-erfuellt-li.2349377

„Affenzustand“.

„Ich glaube, es ist eine traurige Wahrheit, dass wir unserem Affenzustand noch sehr nahe sind und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert.“

Fritz Bauer (1903–1968), deutscher Jurist und Generalstaatsanwalt, der sich maßgeblich für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen einsetzte

Er sagte diesen Satz in einer Tonaufnahme, die zu hören war: in der Frankfurter Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht“ von 2014. Bauer war fest davon überzeugt, dass die Zivilisation eine äußerst fragile Errungenschaft ist, die ohne ständige Wachsamkeit und eine funktionierende Rechtsordnung schnell zerfallen kann. In dem Zitat spiegelt sich seine Skepsis gegenüber der menschlichen Natur sowie seine unerschütterliche Entschlossenheit wider, das Recht durchzusetzen und eine Rückkehr zu barbarischen Zuständen zu verhindern.

I’ve been chasing shadows.

23.08.2004– | track: –Fast As You Can– | artist: –Minnie Driver– | album: -Everything I’ve Got In My Pocket-

Der Songtext beschreibt das Gefühl, ständig zu rennen – sowohl im übertragenen als auch im emotionalen Sinne –, ohne wirklich anzukommen. Die wiederkehrende Zeile „I’m running fast as you can“ symbolisiert den Kampf, mit dem eigenen Herzen (den Gefühlen, Ängsten und Erwartungen) Schritt zu halten, obwohl man dabei „still falling apart“ (innerlich zerbricht).

Die Protagonistin reflektiert, wie sie „Schatten jagt”, „Versprechen bricht” und „Zeit verschwendet” – ein Bild für Selbsttäuschung und das Gefühl, im Kreis zu laufen. Trotz aller Anstrengungen bleibt die Distanz zu den eigenen Bedürfnissen und der Wahrheit bestehen.

Der Text vermittelt eine Mischung aus Hektik, Reue und Sehnsucht nach Klarheit. Es geht um das universelle Thema, sich selbst und seine Gefühle einzuholen – ein Rennen, das man nie ganz gewinnt.

Neuanfang oder Niedergang?

Der Artikel „Zionismus im Endstadium – Ein Mythos zerbricht an der Realität” befasst sich mit der tiefgreifenden Krise, in der sich Israel im Sommer 2025 nach dem militärischen Konflikt in Gaza befindet. Dieser begann mit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023.

»Im Sommer 2025 steht Israel vor einer Zäsur, die weit über eine weitere militärische Eskalation hinausgeht. Der Krieg im Gazastreifen, ausgelöst durch den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, hat nicht nur zehntausende palästinensische Leben gekostet und weite Teile des Küstenstreifens verwüstet, sondern auch das politische Selbstverständnis Israels ins Wanken gebracht: Das Land ist innerlich tief gespalten, militärisch unter Druck, international zunehmend isoliert und wirtschaftlich belastet. Von Detlef Koch. …

… Fazit:

Israel ist innerlich tief gespalten, militärisch unter Druck, international zunehmend isoliert, wirtschaftlich belastet und ideologisch radikalisiert. Die Zeichen einer historischen Erschöpfung des zionistischen Projekts sind unübersehbar. Ob die Geschehnisse in einen Neuanfang münden oder in den Niedergang, hängt davon ab, ob das Land bereit ist, die bestehenden Strukturen radikal zu überdenken – und das Verhältnis zu den Palästinensern nicht länger als Sicherheitsproblem, sondern als Frage von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit zu behandeln. Nur so kann Israel zu einer konstruktiven Rolle in der internationalen Gemeinschaft zurückkehren, von der es sich so weit entfernt hat.«

Zu den wichtigsten Punkten gehören:

Humanitäre Krise: Der Konflikt hat über 61.000 palästinensische Todesopfer gefordert und zu weitreichenden Zerstörungen im Gazastreifen geführt. Dies hat internationale Kritik von verschiedenen Seiten ausgelöst.

Politische Spaltung: Israel ist tief gespalten, wobei die rechtsgerichtete, nationalistisch-religiöse Regierung unter Benjamin Netanjahu auf erheblichen Widerstand einer schrumpfenden, liberal-säkularen Fraktion stößt. Die geplanten Justizreformen haben Massenproteste ausgelöst und einen kritischen Punkt in der israelischen Zivilgesellschaft markiert.

Demografischer Wandel: Die steigenden Geburtenraten unter der ultraorthodoxen Bevölkerung und die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte tragen zu einer wachsenden gesellschaftlichen Spaltung bei und bedrohen das Grundkonzept eines vereinten jüdischen Staates.

Militärische und sicherheitspolitische Herausforderungen: Die militärische Reaktion auf den Angriff vom 7. Oktober hat die Hamas nicht vollständig neutralisiert. Dies führt zu anhaltenden Konflikten und der Gefahr von Kriegen an mehreren Fronten. Darüber hinaus hat eine beträchtliche Anzahl von Reservisten den Dienst verweigert, was die gesellschaftlichen Spannungen innerhalb der israelischen Streitkräfte (IDF) widerspiegelt.

Internationale Isolation: Die Beziehungen Israels zu den Vereinigten Staaten schwächen sich ab, insbesondere unter jüngeren jüdischen Amerikanern, die das Vorgehen Israels kritisieren. Auch die Unterstützung Europas hat nachgelassen und die Forderungen nach Einhaltung des humanitären Völkerrechts werden immer lauter.

Wirtschaftliche Auswirkungen: Der Krieg hat die israelische Wirtschaft schwer getroffen. Dies hat zu einem erheblichen Rückgang des BIP und zu erhöhten Verteidigungsausgaben geführt, was wiederum Kreditherabstufungen und eine Schwächung der Währung zur Folge hatte. Der Hightech-Sektor, einst ein Wachstumsmotor, leidet unter Investitionsrückzügen und der Abwanderung von Fachkräften.

Ideologischer Verfall: Die traditionelle zionistische Erzählung verliert an Attraktivität und es zeichnet sich eine Verschiebung hin zu einer national-religiösen Perspektive ab, die universelle Werte ausschließt. Dies hat zu wachsender Kritik sowohl innerhalb Israels als auch in der weltweiten jüdischen Diaspora geführt.

Zukunftsszenarien: Der Artikel stellt zwei mögliche Zukunftsszenarien für Israel vor: eines mit bedeutenden Reformen in Richtung Inklusion und Gleichberechtigung, das jedoch als unwahrscheinlich gilt, und ein anderes, das zu weiterer Isolation und Niedergang führt und an die Apartheid in Südafrika erinnert.

Palästinensische Perspektive: Viele Palästinenser betrachten die Zwei-Staaten-Lösung als überholt und befürworten die Vision eines demokratischen Staates, der allen Bürgern gleiche Rechte garantiert. Dies würde den derzeitigen zionistischen Rahmen jedoch grundlegend verändern.

Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass Israel an einem Scheideweg steht. Das Land ist mit inneren Konflikten, militärischem Druck, internationaler Isolation und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Zukunft Israels wird sich je nach Bereitschaft des Landes, seine grundlegenden Strukturen und seinen Ansatz in der Palästinafrage zu überdenken, entweder durch Wandel oder Niedergang auszeichnen.

13.08.2025, https://www.nachdenkseiten.de/?p=137344

Ausreichend, zweckmäßig, das Maß des Notwendigen nicht überschreitend.

Im Jahr 1979 veröffentlichte Hans A. Pestalozzi sein Buch „Nach uns die Zukunft”. Darin beschäftigte er sich mit einem zukünftigen Leben, das lebenswert ist. Darin stellte er unter anderem die Frage, ob wir eine verkehrsgerechte Stadt oder einen stadtgerechten Verkehr wollen.
In dieser Zeit veröffentlichte die von Horst Stern geleitete Monatszeitschrift „Natur” Beilagen, die sich ebenfalls mit einem lebenswerteren Leben beschäftigten.
Die Umverteilungsmaschine (von unten nach oben) wusste schon damals, wie sie die Verbreitung dieser Ideen unterdrücken oder umlenken konnte.

Die Frage ist nicht, wie ICH die Stadt der Zukunft gestalten würde, sondern wie sie aussehen muss, damit sie Teil des Überlebenskampfes der Menschheit wird.

Die Stadt der Zukunft muss autofrei sein. Den rollenden Verkehr teilen sich Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel mit emissionsfreien Lieferwagen.

Die immer häufiger auftretenden und heftiger werdenden Starkregen dürfen nicht zu Überflutungen führen und die Häuser müssen Orkanen und Wirbelstürmen standhalten können.

In den extrem heißen Trockenperioden muss die Stadt schattig und kühl sein.

Es dürfen keine neuen Häuser mehr gebaut werden, der Altbestand muss klimakatastrophenresilient gemacht werden. Große Wohnungen müssen zurückgebaut werden, jeder Mensch darf höchstens 30 Quadratmeter Wohnfläche beanspruchen.
Wenn ein Neubau unumgänglich ist, darf dieser nur klimaneutral errichtet werden.

Es müssen genügend grüne und feuchte Oasen der Ruhe vorhanden sein.

Und so weiter, und so fort … Die entsprechenden Vorstellungen sind seit Jahrzehnten verfügbar. Mindestens seit dem Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums. Zur Lage der Menschheit.“.
Nicht nur die Stadt der Zukunft, sondern unsere gesamte Lebensweise muss sich diesem kategorischen Imperativ unterordnen: Sie muss sich bescheiden, ausreichend und zweckmäßig sein und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.

Der kommende Krieg, dessen Vorbereitungen gerade getroffen werden, wird den Überlebenden helfen, aus dieser Utopie eine Vision zu machen und aus dieser Vision Realität werden zu lassen.
Es wäre einfacher, wenn man die 1.000.000.000.000 Euro statt in Kriegsvorbereitungen in Klimaresilienz investieren würde.

Täglicher Schreibanreiz
Wie würdest du die Stadt der Zukunft gestalten?

unempfindlich, gleichgültig, emotionslos, abgestumpft

Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen,
die der New Yorker
von den Gräueln der Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig.
Der Hamburger ist noch umringt von den Ruinen,
und doch zögert er,
die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben.
Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen.
Der Regen von gestern macht uns nicht nass sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.

Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 12: Gedichte 2. © Bertolt-Brecht-Erben/Suhrkamp Verlag 1988

Bertolt Brecht trug es persönlich vor auf dem internationalen „Kongress der Völker für den Frieden“ von Künstlern und Intellektuellen im Dezember 1952 in Wien. Sieben Jahre nach Hiroshima.

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=137161