Im Laufe der Zeit gab es Aktivitäten oder Hobbys, denen ich entwuchs oder an denen ich das Interesse verlor:

Mit 16 lernte ich im Schreibmaschinenkurs meine erste Freundin kennen. Sie schickte ihren Bruder und seinen Freund vor, um mich zu fragen, ob ich „mit ihr gehen” möchte. Ich mochte.

Ihr Hobby war der Karneval, sie war Funkenmariechen in einer Garde. So wurde die Karnevalsgarde auch mein Hobby und blieb es acht Jahre lang. Die Freundin blieb zwei Jahre lang meine Freundin, und nach zwei weiteren Jahren wechselte sie zu einem anderen Karnevalsverein.

Kurz nach meinem Eintritt gründeten wir eine karnevalistische Tanzsportgruppe mit Garde- und Showtänzen. Über die Jahre wurden wir immer besser und unser Höhepunkt war der Gewinn der Vize-Rheinlandmeisterschaft im Showtanz. An diesem Punkt verließ uns unsere Trainerin und unsere Motivation. Ich verließ den Verein nach acht Jahren.

Mein Fazit: Es gibt nichts Ernstes als den Karneval. Ich habe nie wieder getanzt oder eine Karnevalsveranstaltung besucht. Heute ist es mir peinlich.

Mit 15 Jahren haben mich meine Eltern überredet, in ihrem weltlichen Chor mitzusingen. Volkslieder! Der damalige uralte Chorleiter wurde durch einen neuen, jungen Chorleiter ersetzt. Der nahm mich mit in seinen kirchlichen Jugendchor. Sowohl das Umfeld als auch die Musik sagten mir mehr zu, sodass ich dem Chor meiner Eltern Lebewohl sagte.

Insgesamt sang ich elf Jahre in diesem Chor. Höhepunkte waren die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums und der Johannes-Passion von Bach. Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens, denn über die Proben und Auftritte hinaus unternahm eine kleine, verschworene Gemeinschaft viel gemeinsam.

Als ich meine spätere Ex-Frau kennenlernte und sie keinen Anschluss in diesem Chor fand, hörte ich mit dem Singen auf. Seitdem habe ich nie wieder gesungen.

Ich war ein Cineast und ging seit meiner Kindheit sehr oft ins Kino. Später kamen Streamingdienste hinzu.

Doch im letzten halben Jahr bereitete mir das Schauen von Filmen und das Streamen von Serien keine Freude mehr. Es langweilte mich. Ich habe in meinem Leben schon zu viel gesehen und das heutige Kino bietet mir zu wenig Neues oder Überraschendes. Ich habe meine Streamingdienste gekündigt und lese auch keine Filmkritiken mehr.

Dafür habe ich eine neue Liebe entdeckt: die Liebe zu Dokumentarfilmen und Podcasts.

Ich bin gespannt, ob ich in einem, zwei oder mehr Jahren schreiben kann: „Ich habe nie wieder einen Film gesehen oder eine Serie gestreamt.”

Täglicher Schreibanreiz
Gibt es Aktivitäten oder Hobbys, denen du im Laufe der Zeit entwachsen bist oder an denen du das Interesse verloren hast?

Are there any activities or hobbies you’ve outgrown or lost interest in over time? | Gibt es Aktivitäten oder Hobbys, denen Sie mit der Zeit entwachsen sind oder an denen Sie das Interesse verloren haben?

„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/

Wie wichtige Lebensereignisse oder der Lauf der Zeit meine Sicht auf das Leben beeinflussen:

Wir verstehen das Leben vorwärts, aber wir müssen es rückwärts verstehen.

– Sören Kierkegaard

Mit zunehmender Lebenserfahrung konzentriere ich mich mehr auf das, was ich im Leben für wesentlich halte. Die Anzahl meiner Freundschaften sinkt, dafür werden die bestehenden Freundschaften intensiver. Ich muss nichts mehr tun oder unterlassen, ich entscheide es selbst. Aus dem Müssen wird ein Wollen. Mit zunehmender Lebenserfahrung merke ich, dass sich alles um mich herum in Schleifen dreht und sich wiederholt. Ich werde gelassener und kann Dinge so sein lassen. Ich habe erfahren, dass ich darauf vertrauen kann, dass sich (fast) alles fügt. Ich springe nicht mehr über jedes Stöckchen, das mir jemand hinhält. Ich habe mein inneres Kind, mein Schattenkind, beruhigt und kann dadurch – bildlich gesprochen – wie ein Fels in der Brandung den Stürmen des Lebens widerstehen. Es gelingt mir immer besser, unwiederbringliche Momente ohne Ablenkung zu genießen. Mein Blick öffnet sich immer mehr für die Dinge und Menschen, für die ich dankbar bin. Was andere von mir denken, wird immer unwichtiger. Wichtig ist, was ich von mir selbst halte, ob ich meine Werte auch lebe und ob ich mich selbst als authentisch empfinde. Mit zunehmender Lebenserfahrung wächst die Erkenntnis, dass ich meine Zeit heute sinnvoll nutzen möchte. Fehler sind keine Katastrophe mehr, sondern Lehrgeld, das ich zahle, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur besser oder schlechter. Glücklich sein kann ich nur im Hier und Jetzt. Auf Glück kann man nicht sparen.

Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.

 – Marie von Ebner-Eschenbach

Wichtige Lebensereignisse waren für mich: meine Geburt (da draußen war es ganz anders als in Mamas Bauch), die erste Operation unter Narkose, die Einschulung, der Wechsel zur weiterführenden Schule, die erste Freundin, die Zeit der Ausbildung, die Ableistung des Grundwehrdienstes, der infame Sturz Helmut Schmidts, die Zeit der Fortbildung, die Katastrophe von Tschernobyl, die Heirat und die plötzliche Mitverantwortung für ein dreijähriges Kind, die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze und der Anschluss der DDR an die BRD, die Verweigerung einer Volksabstimmung darüber, der Hauskauf, die Altbausanierung, die Zerstörung aller politischen Illusionen durch die SPD – namentlich Gerhard Schröder – und die Grünen – namentlich Joschka Fischer –, die Inszenierung der Terroranschläge auf die Twin Towers und vieles mehr.

Die Vorlaufzeit einer Auslandsadoption, das außereheliche Verliebtsein und das Spüren, dass die eigene Ehe nahezu gescheitert ist, der Versuch, sie zu retten, und das Scheitern an dieser Rettung, der Entschluss, die Ehe zu verlassen und allein zu leben, die Umstellung auf pflanzliche und zwischendurch auch auf histaminfreie Ernährung, die sich abzeichnende Klimakatastrophe und die Hoffnung, die Fridays For Future brachte, die jedoch jäh durch eine Pandemie zunichte gemacht wurde, die schleichende weltweite Aushöhlung der Demokratie im Allgemeinen und unseres Grundgesetzes im Besonderen sowie all die Liebesgeschichten, die vom Finden des anderen handeln, vom Unglück der ersten Zeit, in der der unwahrscheinliche Fall einer gegenseitigen Liebe hergestellt werden soll, in der einer noch nicht so richtig will oder andere Umstände ein Zusammensein verhindern.

Die Flutung unserer Welt mit massenhaften Narrativen, gefälschten Bildern und Videos hat meine Wahrnehmung ebenfalls nachhaltig verändert.

All diese wichtigen Lebensereignisse haben meine Sicht auf das Leben mehr oder weniger stark beeinflusst. Diesen Einfluss im Einzelnen zu beschreiben, würde den Rahmen eines Daily Prompts sprengen.

Ich lebe im Augenblick, im Hier und Jetzt. Deshalb will ich mich nicht mehr mit den unsäglichen Manipulationsversuchen der Herrschenden beschäftigen. Ich habe alle Informationsquellen verschlossen und alle Abos beendet. Ich werde mich nicht mehr an der politischen Willensbildung beteiligen und nicht mehr wählen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Bitte informiert mich, wenn es irgendwo eine neue Demokratie ohne Parteien und Lobbyisten mit einer Gemeinwohlökonomie geben sollte. Dann denke ich darüber nach, meine innere Emigration zu beenden und mich wieder am öffentlichen Leben zu beteiligen. Bis dahin werde ich mich den schönen Dingen widmen, was meinem Blutdruck sicherlich zuträglich ist.

Lange beschäftigte mich u. a. die Frage, wie es zur nationalsozialistischen Zeit mit ihrem Massenmord an Juden, Russen, „unwertem” Leben, Andersdenkenden und einem massenhaften Mitläufertum, Mitmachtum oder Schweigen kommen konnte. Meine Hochachtung gilt beispielsweise den Geschwistern Scholl, den Mitgliedern der Roten Laterne und den Menschen, die Leben gerettet haben.

Täglicher Schreibanreiz
Wie beeinflussen wichtige Lebensereignisse oder der Lauf der Zeit deine Sicht auf das Leben?

How do significant life events or the passage of time influence your perspective on life? | Wie beeinflussen bedeutende Lebensereignisse oder der Lauf der Zeit Ihre Sichtweise auf das Leben?

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