Sie sorgten sich. Der fünfjährige Junge ist zu blass. Er ist zu dünn. Sie schleppten ihn zum Kinderarzt. Auch wegen seiner Infektanfälligkeit. Er hörte Kinderlandverschickung. Und Allgäu.
Ein Koffer wurde gepackt. Früh morgens ging es zum Bahnhof. Es war kalt. Es war feucht. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Seine Mutter drückte seinen Koffer und seine Hand in die Hände einer fremden Frau. Gab es einen Abschiedskuss? Sie mussten schnell einsteigen. Das Abteil war bereits voller Kinder. Er fühlte sich wie noch nie in seinem kurzen Leben: absolut verloren und verlassen. Die lange Zugfahrt verschwindet im Nebel. Im Allgäu angekommen, wartete ein Bus auf sie. Es lag Unmengen an Schnee. Das sollte sich während seines ganzen Aufenthalts nicht ändern.
Die zweite Erinnerung ist die große Mensa im Kinderheim. Es war laut und überfüllt. Es roch nach Haferschleim. Er hasste alles, was nach Schleim roch, aussah oder schmeckte, oder eine Haut obendrauf hatte.
Die dritte Erinnerung ist ein Kinderzimmer mit vier Hochbetten für acht Kinder. Er lag unten im Bett am Fenster. Er hatte keine Worte für das Gefühl, das ihn vom ersten bis zum letzten Tag beherrschte. Es war HEIMWEH. Vom ersten bis zum letzten Tag.
In der schlimmsten Nacht – es ist die vierte und nachhaltigste Erinnerung – nässte und kotete er ein. Er schämte sich so sehr, dass er regungslos in seinem nassen Bettchen liegen blieb und den Gestank ertrug. Morgens entdeckten sie das Malheur. Er kann sich nicht daran erinnern, dafür bestraft worden zu sein. Er wurde geduscht.
Heute denkt er, dass er großes Glück im Unglück hatte, denn er musste nicht das erleben, was andere Kinder in anderen Heimen erleben mussten: Zwangsernährung, Isolationsstrafen, körperliche oder seelische Gewalt. Eine Kontaktsperre zu den Eltern war jedoch üblich.
Fünfte Erinnerung: Jeden Tag in der Mensa wurden Päckchen verteilt, die von den Eltern geschickt worden waren. Jeden Tag wartete er mit offenen Ohren darauf, seinen Namen zu hören, und mit großen Augen darauf, ein für ihn bestimmtes Päckchen zu erhalten. Er kann sich nicht daran erinnern, eines erhalten zu haben.
Die sechste, schöne Erinnerung betrifft Karneval. Dort wurde Fasching gefeiert. Es war ein fröhliches Fest mit Verkleidungen, Luftschlangen, Knallerbsen, lauter Popmusik und Tanzen.
Die siebte und letzte Erinnerung ist ein Ausflug in den hohen Schnee bei eisiger Kälte, strahlend blauem Himmel und Sonnenschein.
Hier enden die Erinnerungsfragmente.
Er kann sich nicht daran erinnern, in diesen Wochen auch nur einmal gelächelt zu haben. Noch heute, Jahrzehnte später, muss er beim Niederschreiben dieses schlimmsten Reiseerlebnisses weinen. Es ist tief in seiner Körpererinnerung und Seele eingebrannt.
Rückblickend betrachtet war das wohl ein irreparabler Bruch, ein tiefer Vertrauensverlust gegenüber seinen Eltern. Es war nicht der erste und sollte auch nicht der letzte sein.
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