Mir fĂ€llt kein selbst erlebter Zufall ein, der mir bis heute in Erinnerung geblieben wĂ€re. Es gab viele alltĂ€gliche ZufĂ€lle, bei denen ich kurz innehielt, schmunzelte oder den Kopf schĂŒttelte. Sie ergeben jedoch keine Geschichte.
Eine gelesene Geschichte ist mir jedoch bis heute gegenwÀrtig.
Anfang der 1970er Jahre schrieb Ursula Lebert fĂŒr die Frauenzeitschrift âBrigitteâ eine Artikelserie, fĂŒr die sie jung verheiratete Paare in der ganzen Bundesrepublik besuchte und interviewte.
Etwa 30 Jahre spÀter besuchte ihr Sohn, der Journalist Stephan Lebert, diese Paare erneut, um sie zu interviewen. Er wollte wissen, was aus ihnen geworden war.
Zusammen mit seiner Mutter veröffentlichte er 2002 das Buch âDu bist mein Augenstern. Was die Zeit aus Ehen machtâ.
Die Leser:innen erfahren darin, welche Paare auch nach ĂŒber 30 Jahren noch zusammen waren, welche geschieden sind und wer diese Zeit nicht ĂŒberlebt hat.
Ein lesenswertes Buch. Leider besitze ich es nicht mehr und kann die folgende Lebensgeschichte nur ungefÀhr aus meiner Erinnerung heraus kurz nacherzÀhlen:
Ich meine, eines der besuchten Paare hÀtte von einem Erlebnis eines ihrer VÀter berichtet:
In den Nachkriegswirren hatte der Vater seine groĂe Liebe verloren. Er hatte erfolglos nach ihr gesucht und dann in Westdeutschland eine Familie mit einer anderen Frau gegrĂŒndet: Sie hatten sich verliebt, verlobt, geheiratet, Kinder bekommen und ein Haus gebaut.
Eines Tages in den 1990er Jahren fuhr der ĂŒber 70-JĂ€hrige wie immer mit der StraĂenbahn und erkannte seine groĂe Liebe von damals als Mitfahrerin. Er sprach sie an, sie erkannten sich und erzĂ€hlten sich gegenseitig ihr Leben. Sie war in der ehemaligen DDR bis 1989 âeingemauertâ gewesen und war danach in den Westen ĂŒbergesiedelt. Zuhause angekommen, packte er seine Koffer, lieĂ sein Leben der letzten 50 Jahre hinter sich und zog mit ihr zusammen.
Falls eine Leserin oder ein Leser dieses Buch besitzt, wĂŒrde ich mich freuen, wenn sie oder er mir die entsprechenden Seiten als Fotos zuschicken könnte. Dann könnte ich die Geschichte genauer nacherzĂ€hlen.
Whatâs the weirdest coincidence youâve ever experienced? | Was war der seltsamste Zufall, den du je erlebt hast?
„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/
Solche Geschichten sind immer etwas traurig und man sieht dadurch auch immer, was ein Krieg eigentlich bei den Menschen anrichtet. Nicht nur wĂ€hrenddessen, sondern auch noch lange danach. Daher verstehe ich nicht, warum immer und immer wieder Kriege angezettelt werden. So eine Geschichte habe ich auch, aber mit traurigerem Ausgang: Meine Oma war wĂ€hrend des zweiten Weltkrieges auch verlobt und sogar schwanger. Ihr damaliger Partner wurde eingezogen und kam nicht mehr zurĂŒck. Das Kind starb auch wĂ€hrend des Krieges. Nach dem Krieg heiratete sie einen anderen Mann, bekam Kinder mit ihm und fĂŒgte sich quasi in das neue Leben ein. Plötzlich kehrte ihr totgeglaubter Verlobter zurĂŒck, soe kamen aber nicht mehr zusammen und all das hat etwas mit ihr gemacht, sodass sie dem Alkohol verfiel. Aber ich glaube, ihr PflichtgefĂŒhl gegenĂŒber ihrer Familie war höher als ihre GefĂŒhle. Nur leider hat man diese Zerrissenheit immer und immer wieder gespĂŒrt.
Wozu sind Kriege da? In der Marktwirtschaft in all ihren AusprĂ€gungen geht es immer nur um einen stetigen Fluss der Umverteilung von unten nach oben. Ein Krieg ist ein Katalysator dafĂŒr, vor allem die Zeit des Wiederaufbaus danach.
Was machen Kriege? Sie zerstören physisch, psychisch und seelisch. Sie verheeren die unmittelbar Betroffenen, die ihre Traumata wiederum unbewusst und unwillentlich an die nÀchsten Generationen weitergeben.
Wir sollten auch bedenken, dass unsere Familien, die GroĂeltern und UrgroĂeltern nicht nur den Zweiten, sondern auch den Ersten Weltkrieg und die DemĂŒtigungen danach erlebt haben.
Auch das erklÀrt, wer und wie wir heute sind.
Das stimmt, ein Krieg macht etwas mit uns, auch noch lange lange danach. Ein Krieg hat keinen positiven Effekt, aber trotz allem lernt die Politik daraus nicht. Und die Wunden des Krieges tragen meist nur diejenigen, die ihn weder gewollt noch angezettelt haben.
Ich sehe auch das Trauma, dass sich dadurch durch meine Familie gezogen hat. Ich bin die Familie, die meine GroĂmutter nicht wollte, weil sie eigentlich eine andere Familie hatte. Und so erzogen sie meine Tante und meine Mutter. Beide sind zerrissen und gaben dieses Trauma weiter. Die Kindheit mit meiner Mutter war die Hölle, weil sie diese Wunden an mich weitergab. Ein Krieg ist nicht nur eine physische Zerstörung von Dingen, die wieder aufgebaut werden können. Er zerstört Seelen, die meist nicht mehr geheilt werden können.
Wenn du so etwas hören möchtest oder kannst: NĂ€chsten Freitag teile ich eine Podcastfolge aus âDas wahre Lebenâ, in der eine Tochter ĂŒber ihre Beziehung zu ihrer Mutter spricht (âManipuliert von meiner toxischen Mutter â Liaâ).
Sehr gerne, da bin ich immer daran interessiert, wie andere Frauen mit solch einer Beziehung zu ihrer Mutter leben und damit umgehenđ.