📅❓ Früher war mehr Lametta.

Es begab sich zu einer Zeit, als die Vorweihnachtszeit noch am ersten Advent begann und nicht bereits nach dem Sommerurlaub. Alle Geschäfte in der Innenstadt – City nannte man sie damals noch nicht – waren festlich geschmückt. Vor allem für die Kinder.

Ich drückte meine Nase an die Schaufensterscheiben und bestaunte mit großen Augen die Auslagen. Vor allem faszinierten mich die sich bewegenden Puppen und Bären, die regelrecht tanzten. Es gab Lego-Welten auf sechs Quadratmetern mit sich drehenden Karussells und blinkenden Lichtern; Eisenbahnen, die im Kreis fuhren, am Bahnhof anhielten und die Fahrtrichtung wechselten. Es gab 2-spurige Carrerabahnen, auf denen Formel-1-Boliden um die Wette fuhren.

Ich glaubte noch daran, dass das Christkind den Kindern Weihnachtsgeschenke brachte. Mein Wunschzettel war lange geschrieben, nachdem ich die Kataloge von Quelle und Neckermann stundenlang studiert und die Bilder meiner Wünsche ausgeschnitten hatte.

Es waren geheimnisvolle vier Wochen voller Erwartung und Vorfreude. Nicht auf die Geburt Jesu, sondern auf den Tag, an dem ich nicht ins Wohnzimmer durfte, bis abends das Glöckchen läutete und wir in den dunklen Raum traten.

Der Weihnachtsbaum leuchtete im Schein echter Kerzen, das Lametta und die Kugeln glänzten und funkelten.

Den diesjährigen Heiligen Abend feierten wir ausnahmsweise bei meiner Oma; ansonsten war alles wie immer. Das Glöckchen läutete, wir traten andächtig ins kleine Wohnzimmer und sangen zwei Weihnachtslieder. Danach folgte die Bescherung.

Doch was war das?

Für mich lagen keine Geschenke unterm Baum. Meine Gesichtszüge wechselten von freudiger Erwartung mit glänzenden Augen zu einem langen Gesicht mit traurigen Augen. Meine Schultern hingen mit gesenktem Kopf. Kurz bevor mir die Tränen in die Augen schossen, sagte mein Vater, ich solle doch mal die Tür zum Nebenraum öffnen.

Dieser ungeheizte Raum diente als Abstell- und Rumpelkammer. Ungläubig öffnete ich langsam die Tür zu diesem zirka sechs Quadratmeter großen Raum. Bis auf einen schmalen Streifen füllte eine Sperrholzplatte den Raum aus, die auf Unterstellböcken stand.

Auf der Sperrholzplatte war eine Landschaft mit einem See, einem Hügel mit einem Tunnel, Bahnübergängen, einem mehrgleisigen Bahnhof mit leuchtenden Straßenlaternen aufgebaut. Es gab Züge, die in alle Richtungen fuhren, anhielten und die Richtung wechselten. Sogar eine Dampflokomotive dampfte echt. Es gab auch Modellautos und Häuser. Kurzum, es war eine perfekte Märklin H0-Modelleisenbahn mit einer Revell-Landschaft.

Mein Vater musste sie in den letzten Wochen und Monaten in stundenlanger Freizeit aufgebaut haben. – Rückblickend betrachtet, denn ich glaubte ja, die Bahn wäre vom Christkind. – Ich war völlig baff, ein Traum erfüllte sich für mich, den ich niemals als Wunsch geäußert hätte.

In den nächsten Jahren verbrachte ich regelmäßig viele Stunden in der Rumpelkammer. Ich verwendete mein Taschengeld für den Zukauf weiterer Lokomotiven, Güter- und Personenzüge sowie Revell-Bausätze.

Es war wohl das einzige Mal, dass sich ein Traum meines Vaters mit meinem überschnitt.

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