Es begab sich zu einer Zeit, als die Vorweihnachtszeit noch am ersten Advent begann und nicht bereits nach dem Sommerurlaub. Alle GeschĂ€fte in der Innenstadt â City nannte man sie damals noch nicht â waren festlich geschmĂŒckt. Vor allem fĂŒr die Kinder.
Ich drĂŒckte meine Nase an die Schaufensterscheiben und bestaunte mit groĂen Augen die Auslagen. Vor allem faszinierten mich die sich bewegenden Puppen und BĂ€ren, die regelrecht tanzten. Es gab Lego-Welten auf sechs Quadratmetern mit sich drehenden Karussells und blinkenden Lichtern; Eisenbahnen, die im Kreis fuhren, am Bahnhof anhielten und die Fahrtrichtung wechselten. Es gab 2-spurige Carrerabahnen, auf denen Formel-1-Boliden um die Wette fuhren.
Ich glaubte noch daran, dass das Christkind den Kindern Weihnachtsgeschenke brachte. Mein Wunschzettel war lange geschrieben, nachdem ich die Kataloge von Quelle und Neckermann stundenlang studiert und die Bilder meiner WĂŒnsche ausgeschnitten hatte.
Es waren geheimnisvolle vier Wochen voller Erwartung und Vorfreude. Nicht auf die Geburt Jesu, sondern auf den Tag, an dem ich nicht ins Wohnzimmer durfte, bis abends das Glöckchen lÀutete und wir in den dunklen Raum traten.
Der Weihnachtsbaum leuchtete im Schein echter Kerzen, das Lametta und die Kugeln glÀnzten und funkelten.
Den diesjÀhrigen Heiligen Abend feierten wir ausnahmsweise bei meiner Oma; ansonsten war alles wie immer. Das Glöckchen lÀutete, wir traten andÀchtig ins kleine Wohnzimmer und sangen zwei Weihnachtslieder. Danach folgte die Bescherung.
Doch was war das?
FĂŒr mich lagen keine Geschenke unterm Baum. Meine GesichtszĂŒge wechselten von freudiger Erwartung mit glĂ€nzenden Augen zu einem langen Gesicht mit traurigen Augen. Meine Schultern hingen mit gesenktem Kopf. Kurz bevor mir die TrĂ€nen in die Augen schossen, sagte mein Vater, ich solle doch mal die TĂŒr zum Nebenraum öffnen.
Dieser ungeheizte Raum diente als Abstell- und Rumpelkammer. UnglĂ€ubig öffnete ich langsam die TĂŒr zu diesem zirka sechs Quadratmeter groĂen Raum. Bis auf einen schmalen Streifen fĂŒllte eine Sperrholzplatte den Raum aus, die auf Unterstellböcken stand.
Auf der Sperrholzplatte war eine Landschaft mit einem See, einem HĂŒgel mit einem Tunnel, BahnĂŒbergĂ€ngen, einem mehrgleisigen Bahnhof mit leuchtenden StraĂenlaternen aufgebaut. Es gab ZĂŒge, die in alle Richtungen fuhren, anhielten und die Richtung wechselten. Sogar eine Dampflokomotive dampfte echt. Es gab auch Modellautos und HĂ€user. Kurzum, es war eine perfekte MĂ€rklin H0-Modelleisenbahn mit einer Revell-Landschaft.
Mein Vater musste sie in den letzten Wochen und Monaten in stundenlanger Freizeit aufgebaut haben. – RĂŒckblickend betrachtet, denn ich glaubte ja, die Bahn wĂ€re vom Christkind. – Ich war völlig baff, ein Traum erfĂŒllte sich fĂŒr mich, den ich niemals als Wunsch geĂ€uĂert hĂ€tte.
In den nĂ€chsten Jahren verbrachte ich regelmĂ€Ăig viele Stunden in der Rumpelkammer. Ich verwendete mein Taschengeld fĂŒr den Zukauf weiterer Lokomotiven, GĂŒter- und PersonenzĂŒge sowie Revell-BausĂ€tze.
Es war wohl das einzige Mal, dass sich ein Traum meines Vaters mit meinem ĂŒberschnitt.
Describe a positive thing a family member has done for you. | Beschreibe etwas Positives, das ein Familienmitglied fĂŒr dich getan hat.
„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/

Das hat fĂŒr ein rĂŒhrendes LĂ€cheln bei mir gesorgt. So schön. Und ich bin direkt gedanklich in die Weihnachtszeit meiner Kindheit abgetaucht.âš Danke fĂŒr diese kleine Reise.
Das freut mich! Danke fĂŒr den funkelnden Kommentar. Herzliche GrĂŒĂe