📅❓ Fluss – 강 – 江

Als ich am 10. Oktober 2024 die Meldung hörte, dass der Literaturnobelpreis 2024 am 10. Dezember an die südkoreanische Autorin Han Kang verliehen wird, klickte ich spontan auf ihren Wikipedia-Eintrag. Ich kann nicht beschreiben, warum ich sofort von dieser Autorin, von diesem Menschen, fasziniert war. Sie wurde am gleichen Tag geboren wie meine Oma mütterlicherseits, allerdings Jahrzehnte später.

Schnell kaufte ich mir das am häufigsten genannte Buch von ihr: „Die Vegetarierin”, das 2007 in Südkorea und 2016 in Deutschland erschien. Danach las ich die anderen ins Deutsche übersetzten Bücher chronologisch nach dem Original-Erscheinungsjahr: „Deine kalten Hände”, „Griechischstunden”, „Menschenwerk”, „Weiß” und „Unmöglicher Abschied”. Jeder dieser Romane hat eine eigene Atmosphäre. Und diese unterschiedlichen Atmosphären sprechen mich an, ziehen mich in die Geschichten, die weit von meiner Realität entfernt sind. Ich vermute, dass die Romane sehr sorgfältig und feinfühlig von Ki-Hyang Lee ins Deutsche übersetzt wurden. Ki-Hyang Lee hat außer einem Roman alle anderen übersetzt.

Ich habe sehr viel von dem, was über Han Kang aus den unterschiedlichsten Quellen geschrieben wurde, gelesen.

Han Kang beschreibt extreme emotionale und körperliche Zustände oft in einer sehr kargen, fast sachlichen Sprache. Gerade durch das Weglassen von Pathos entfaltet diese eine unheimliche Wucht und Atmosphäre. Um gesellschaftliche Zwänge und inneren Schmerz greifbar zu machen, nutzt sie surreale Bilder. So hat die Protagonistin in ihrem bekanntesten Roman „Die Vegetarierin” zunehmend das Gefühl, sich in eine Pflanze zu verwandeln.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Auseinandersetzung mit der Verletzlichkeit des Menschen. Besonders das Massaker in ihrer Geburtsstadt Gwangju im Jahr 1980 hat sie tief geprägt. In Werken wie „Menschenwerk” versucht sie, dem kollektiven Trauma und den Opfern eine Stimme zu geben. Ihre Figuren sind oft Außenseiter, die nicht in die normativ geprägte, oft harte und patriarchale Gesellschaft Südkoreas passen. Wenn sie rebellieren, dann selten laut, sondern durch extreme körperliche oder psychische Verweigerung, beispielsweise durch den radikalen Verzicht auf das Essen von Tieren.

Han Kang treibt unentwegt die Frage um, wie man als Teil einer Menschheit leben kann, der so viel Grausamkeit und Gewalttätigkeit innewohnt.

Der Versuch, sich dieser allgegenwärtigen Gewaltspirale zu entziehen, ist ihr ein zentrales Anliegen. Dieser zutiefst pazifistische Gedanke, der Respekt vor allem Lebendigen, spiegelt sich in ihren Werken wider. Ihre Figuren ziehen sich oft aus einer als brutal empfundenen menschlichen Welt zurück, um niemandem mehr Leid zuzufügen.

Es ist ihr ein tiefes Bedürfnis, das Schweigen über historische Verbrechen zu brechen und den Opfern von Gewalt Solidarität und Erinnerung zu schenken.

Ich erkenne in ihrem Empfinden Ähnlichkeiten mit meinem eigenen. Gerne würde ich mit ihr in einer südkoreanischen Stadt in einem Restaurant ihrer Wahl zu Abend essen. Ich würde mit Small Talk beginnen und wäre gespannt, ob und in welche Tiefe uns das Gespräch führen würde. Keinesfalls würde ich vergessen, sie zu fragen, was ihr heute im Leben wichtig ist – die Frage, die Michael Steinbrecher jedem Gast in seinem Podcast „Das wahre Leben“ am Ende stellt.

Wenn ich 83 Jahre zurückreisen könnte, würde ich unbedingt mit Etty Hillesum (https://de.wikipedia.org/wiki/Etty_Hillesum) im Lager Westerbork aus einem Blechnapf essen.

Tägliche Schreibanregung
Mit welcher Autorin oder welchem Autor würdest du gern mal zu Abend essen?

Which author would you love to have dinner with?  |  Mit welchem Autor würdest du gerne zu Abend essen?

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📅❓ Der Blitz mit dem gelben Haar.

Elsa Dutton ist die zentrale Figur und Erzählerin des Yellowstone-Prequels 1883. Sie bildet das emotionale Zentrum der Geschichte und durchläuft die tiefgreifendste Transformation aller Charaktere.

Zu Beginn ihrer beschwerlichen Reise von Texas nach Norden ist die 18-jährige Elsa ein behütet aufgewachsenes, romantisch veranlagtes Mädchen aus Tennessee. Sie blickt mit fast kindlicher Faszination und einer gewissen Naivität auf die raue Welt um sich herum. Doch die brutale Realität des Oregon Trails zwingt sie, extrem schnell erwachsen zu werden. Sie lernt, Rinder zu treiben, wie ein Cowboy zu reiten und im Angesicht der Gefahr Waffen einzusetzen. Am Ende der Reise ist sie eine gezeichnete, harte und unglaublich widerstandsfähige junge Frau, die den Wilden Westen vollständig verinnerlicht hat.

Elsa wehrt sich vehement gegen die engen gesellschaftlichen Rollenbilder des späten 19. Jahrhunderts – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Sie legt ihre einengenden, traditionellen Kleider und Korsetts ab und tauscht sie gegen die Kleidung der Cowboys: Hosen, Hemden und Chaps.

Sie weigert sich, die traditionelle Rolle der passiven Frau im Planwagen einzunehmen. Stattdessen fordert sie ihren Platz auf dem Pferderücken ein und arbeitet gleichwertig neben den Männern.

Elsa liebt und trauert mit einer fast grenzenlosen, ungeschützten Intensität. Ihre oft sehr poetischen und philosophischen Voiceover-Monologe gewähren einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben.

Ihre erste große Liebe zu dem Cowboy Ennis weckt eine wilde Leidenschaft in ihr. Sein plötzlicher, gewaltsamer Tod bricht ihr das Herz, härtet sie aber auch ab. Später verliebt sie sich in den Comanche-Krieger Sam. Diese Liebe überschreitet alle damaligen kulturellen Grenzen und zeigt Elsas fundamentale Offenheit für Menschen, die mit der Natur und nicht gegen sie leben.

Während viele europäische Einwanderer und Siedler den Westen als feindliche Umgebung betrachten, die es zu erobern gilt, sieht Elsa seine raue Schönheit. Sie passt sich der Natur an, anstatt sie bekämpfen zu wollen. Durch ihre Ehe mit Sam und ihre furchtlose Art wird sie von den Comanche respektiert und als „Lightning with the Yellow Hair“ (Blitz mit dem gelben Haar) in ihre Kultur aufgenommen.

Elsas Schicksal bildet den eigentlichen Gründungsmythos der gesamten Dutton-Dynastie. Als sie durch einen vergifteten Pfeil der Lakota tödlich verletzt wird, entscheidet ihr Vater James, dass die Familie ihre Reise beendet und genau dort siedeln wird, wo Elsa ihre letzte Ruhe findet. Ihr Tod im Paradise Valley in Montana ist der direkte Auslöser dafür, dass die Familie das Land in Besitz nimmt, das später zur gigantischen „Yellowstone“-Ranch wird.

Sie ist das personifizierte Symbol für den amerikanischen Westen der Serie: wunderschön, ungezähmt, wild und letztlich zutiefst tragisch ✨.

Tägliche Schreibanregung
Wenn du mit einer fiktiven Figur zu Abend essen könntest – wer wäre das?

If you could have dinner with any fictional character, who would it be?  |  Wenn du mit einer beliebigen fiktiven Figur zu Abend essen könntest, wer wäre das?

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📅❓ Gespräche über den Tellerrand hinaus.

Für ein gemeinsames Abendessen bietet sich der zeitgenössische Philosoph Harald Lemke geradezu an.

Er hat die Philosophie des Essens, die Gastrosophie, im deutschsprachigen Raum mit Werken wie „Ethik des Essens” oder „Die Kunst des Essens” wiederbelebt.

Aus Lemkes Sicht sind gerade das gemütliche Abendessen im privaten Kreis, aber auch unsere anderen alltäglichen Essgewohnheiten hochgradig politisch und ethisch geladen. Er plädiert für ein „gastrosophisches Umdenken”, denn jeder Griff zum Teller am Abend ist eine Entscheidung darüber, wie wir uns zu globaler Gerechtigkeit, Ökologie und dem Umgang mit unseren Mitgeschöpfen verhalten.

Ich würde mit ihm in ein Restaurant gehen, das für alle Essgewohnheiten etwas anbietet, und das Gespräch darüber eröffnen, warum er sich für dieses Gericht und kein anderes entschieden hat.

Ich würde mir vorher seine Veröffentlichungen durchlesen oder querlesen, mir seine Interviews und Statements im Deutschlandfunk noch einmal anhören und mir einen Zettel mit Stichworten schreiben, die ich im Gespräch mit ihm ansprechen könnte.

Ich wäre gespannt, was mir danach bekömmlicher war: das Essen oder die Unterhaltung.

Harald Lemke in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Lemke_(Philosoph)

Harald Lemkes Beiträge im Deutschlandfunk in einem neuen Tab öffnen:
-Achtung: Es werden auch Beiträge anderer Haralds gefunden-
https://www.deutschlandfunk.de/suche?drsearch%3AsearchText=%22Harald+Lemke%22&drsearch%3Afrom-date=&drsearch%3Ato-date=&drsearch%3Aseries=&drsearch%3Astations=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch%3Astations=64df3047-eea5-411a-877c-c415f344a8e7&drsearch%3Astations=56f11dfd-a3a8-429b-acaf-06bf595f2dd8&drsearch%3Astations-all=64df3047-eea5-411a-877c-c415f344a8e7&drsearch%3Astations-all=4f8db02a-35ae-4b78-9cd0-86b177726ec0&drsearch%3Astations-all=56f11dfd-a3a8-429b-acaf-06bf595f2dd8

Täglicher Schreibanreiz
Wenn du mit einer Philosophin oder einem Philosophen zu Abend essen könntest – wer wäre es?

If you could have dinner with any philosopher, who would it be?  |  Wenn du mit einem beliebigen Philosophen zu Abend essen könntest, wer wäre das?

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