Der Deutschlandfunk-Kultur-Beitrag âWie wir als Gesellschaft das Sterben lernen mĂŒssenâ enthĂ€lt ein Interview mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio. Er beschĂ€ftigt sich mit dem Thema Sterben und der Begleitung Sterbender. Im Folgenden sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst:
Borasio kritisiert den aktuellen Trend zur Longevity, der seiner Meinung nach eine VerdrĂ€ngung oder Tabuisierung des Todes darstellt. Er sieht Parallelen zu vergangenen Jahrzehnten, in denen die medizinische Hybris dazu fĂŒhrte, dass schwerkranke und sterbende Patienten vernachlĂ€ssigt wurden.
Obwohl die Gesellschaft im Durchschnitt Ă€lter wird, betont Borasio, dass es wichtig ist, dies mit einer hohen LebensqualitĂ€t zu verbinden. Die Herausforderungen im Pflegebereich sind jedoch groĂ, da es einen Anstieg an pflegebedĂŒrftigen Ă€lteren Menschen geben wird, wĂ€hrend die notwendigen Pflegeeinrichtungen und -krĂ€fte fehlen.
Borasio schlĂ€gt vor, dass sich die Gesellschaft stĂ€rker um die Pflege und UnterstĂŒtzung BedĂŒrftiger kĂŒmmern sollte, indem sie âsorgende Gemeinschaftenâ bildet. Dies wĂŒrde eine bessere gegenseitige UnterstĂŒtzung ermöglichen.
Das [wir immer lÀnger leben] ist im Prinzip was Gutes, vor allem wenn wir mit einer guten LebensqualitÀt Àlter werden und wenn wir die Zeit, die uns geschenkt wird, mit einer guten LebensqualitÀt auch leben können.
Und das hĂ€ngt natĂŒrlich von den Ă€uĂeren UmstĂ€nden ab. Das hĂ€ngt davon ab, wie die Gesellschaft es uns ermöglicht, unsere letzten Lebensjahre zu leben. Und da gibt es natĂŒrlich eine groĂe Gefahr, denn diejenigen Einrichtungen, die notwendig wĂ€ren, die alten Pflegeheime und die PflegekrĂ€fte, die man brĂ€uchte, die wird es in Zukunft nicht mehr geben, weil es ein Tsunami von hochaltrigen, gebrechlichen PflegebedĂŒrftigen und groĂteils auch dementen Patienten auf uns, auf unsere Gesellschaft zukommt.
Und da ist die einzige Lösung, die ich sehe, tatsĂ€chlich die Vergesellschaftung der Care-Arbeit durch das, was man sorgende Gemeinschaften nennt, also Caring Communities, wo sich alle um alle kĂŒmmern, nicht nur um Alte und Sterbende, sondern auch um MĂŒtter mit alleinerziehenden Kindern, um behinderte Menschen.
Da mĂŒssen wir wieder dazu kommen, dass sich die Menschen umeinander kĂŒmmern, damit auch spĂ€ter sie eine Chance haben, dass man sich um sie kĂŒmmert, wenn sie denn eben soweit sind.
Denn wenn wir erwarten, dass der Staat das fĂŒr uns löst, dann werden wir Schiffbruch erleiden.
Borasio hebt hervor, dass es in Deutschland Fortschritte in der Palliativmedizin gegeben hat, wie die flĂ€chendeckende VerfĂŒgbarkeit von ambulanten Palliativteams. Dennoch gibt es Bedenken hinsichtlich der Ăkonomisierung des Gesundheitssystems, die zu einer Zweiklassengesellschaft fĂŒhren könnte, in der einige Patienten ĂŒber-, andere unterversorgt werden.
Oft unterscheiden sich die PrioritĂ€ten der Patienten am Lebensende von den Annahmen der Ărzte. Borasio betont die Notwendigkeit, die WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse der Patienten zu hören und zu respektieren, statt sie als Kostenfaktoren zu betrachten.
Borasio ist optimistisch, dass es viele in der Medizin gibt, die sich um die Patienten kĂŒmmern und ihnen zuhören. Er fordert jedoch politische VerĂ€nderungen, um finanzielle Fehlanreize im Gesundheitssystem zu beseitigen.
Insgesamt plĂ€diert der Palliativmediziner fĂŒr einen bewussteren und empathischeren Umgang mit dem Sterben in der Gesellschaft, bei dem die BedĂŒrfnisse der Patienten im Mittelpunkt stehen.
Aus dem Interview „Wie wir als Gesellschaft das Sterben lernen mĂŒssen“ der Deutschlandfunk-Kultur-Sendung „Studio 9“ vom –08.07.2026-.
Interview in neuem Tab hören: https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2026/07/08/wie_wir_als_gesellschaft_das_sterben_lernen_muessen_drk_20260708_0740_095288f2.mp3
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