🎙 »Aktueller könnte auch heute eine Dichterin nicht sprechen.«

»Sie hat das wahrgenommen, wie zerstörerisch Gesellschaft sein kann und hat sich nie befrieden lassen im Sinne einem Nachkriegsfrieden getraut.

Meine Güte, kann ich dazu nur sagen, hätten wir sie mal ein bisschen, hätten wir ihr ein bisschen genauer zugehört in den letzten Jahren, dann wäre es vielleicht auch um unsere Situation in Europa, in unserer Gesellschaft besser bestellt.

Denn sie wusste, dass ohne diesen Respekt für das andere ohne genaues Zuhören, was der andere wirklich meint, was die andere wirklich sagen will, Gesellschaft nicht gut, das heißt nicht friedvoll funktionieren kann.

Gleichzeitig war sie auch durch ihre Kriegserfahrungen desillusioniert. Sie glaubte nicht so ohne weiteres, dass die Menschen nur das Gute hervorbringen, aber sie war voller Hoffnung.

Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben. Und ihre Hoffnung begründet sich aus den Möglichkeiten der Sprache. Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht. Aktueller könnte auch heute eine Dichterin nicht sprechen.«

Das Gespräch dreht sich um Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten österreichischen Dichterinnen und Schriftstellerinnen, die bald ihren 100. Geburtstag feiern würde. Anlässlich dieses Jubiläums wird ein neuer Film über ihr Leben veröffentlicht, in dem Sandra Hüller die Hauptrolle spielt. Die Biografin Andrea Stoll hat ein Buch mit dem Titel „Zwei Menschen sind in mir” über Bachmann geschrieben und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ihrem Werk.

Bachmann wuchs in Kärnten auf und erlebte in ihrer Kindheit den starken Einfluss ihres nationalsozialistischen Vaters. In ihren Gedichten reflektiert sie oft die Spannungen zwischen persönlichen Gefühlen und gesellschaftlichen Themen. Ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben war die Begegnung mit dem Dichter Paul Celan, mit dem sie gemeinsame Erfahrungen mit Trauer und Verlust verbanden.

Stoll beschreibt Bachmann als komplexe Persönlichkeit, die sowohl eine öffentliche Figur als auch eine verletzliche Frau war. Ihre Gedichte und Kunst waren ein Weg, um mit ihren Ängsten und der schwierigen Realität ihrer Zeit umzugehen. Trotz ihrer Erfolge fühlte sie sich oft fremd und suchte nach einem Ort, an dem sie wirklich zu Hause sein konnte.

Insgesamt wird Bachmann als hellsichtige Poetin dargestellt, die die Probleme ihrer Zeit erkannte und die Wichtigkeit von Sprache und Kommunikation betonte. Ihr Werk ist bis heute relevant und könnte der Gesellschaft wichtige Einsichten bieten.


Aus dem Interview „„Sie blieb unbehaust“ – Biografin Andrea Stoll zu Ingeborg Bachmanns 100. Geb.“ der Deutschlandfunk-Sendung „Information und Musik“ vom –21.06.2026-.


Interview in neuem Tab hören: https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2026/06/21/sie_blieb_unbehaust_biografin_andrea_stoll_zu_ingeborg_dlf_20260621_0716_e40cbd03.mp3

Webseite des Interviews in neuem Tab lesen: https://www.deutschlandfunk.de/sie-blieb-unbehaust-biografin-andrea-stoll-zu-ingeborg-bachmanns-100-geb-100.html

„CC BY-NC-SA“-Lizenz öffnet sich in einem neuen Tab: https://rueckzuginsprivate.de/cc-lizenzierung-cc-by-nc-sa/

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Autor: Bernd

» ... Ist es möglich; daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? Ja, es ist möglich. ... « – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910 ====================

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