Meine Eltern und ich hatten kein gutes Verhältnis. Ich bedauere es sehr, dass ich nicht in einem liebevollen, gütigen und wertschätzenden Ton über sie schreiben und erzählen kann. Aber auch wütend sein gelingt mir nicht. Denn ich kenne und verstehe ihre Biografien und weiß, warum sie so waren, wie sie waren, und warum sie sich keine Hilfe geholt haben.
In meinem Alter haben meine Eltern das gemacht, was sie bereits die zwanzig Jahre zuvor und die kommenden zwanzig Jahre gemacht hatten. Das Einzige, was sich änderte, war, dass sie nicht mehr berufstätig waren. Die fehlende Berufstätigkeit nutzten sie, um all das, was sie sonst in ihrer Freizeit gemacht hatten, entsprechend zeitlich auszudehnen.
Ihr Leben zu betrachten, war für mich, als würde ich eine alte Efeumauer betrachten. Aber darauf kommt es nicht an. Waren sie glücklich? Ich weiß es nicht, denn sie haben niemals über ihre Gefühle gesprochen. Nicht mit mir.
Ich bedauere auch sehr, dass ich erst heute bei mir angekommen bin. Denn heute hätte ich die richtigen Fragen, die es vielleicht geschafft hätten, bei Ihnen Impulse zu setzen und Ihre Verkrustungen aufzubrechen. Ihr Grab liegt auf einer meiner regelmäßigen Spazierrouten. Ich halte dort immer kurz inne.
Neben Ihnen liegt die Mutter meiner Mutter, meine Oma. Als sie in meinem Alter war, hat sie sich um ihre beiden Enkel gekümmert. Liebevoll. Wertschätzend. Gütig. Vor allem um mich. Ich konnte es ihr zurückgeben. Als sie ihre letzten beiden Jahre dement im Pflegeheim verbrachte. Zuletzt verwechselte sie mich mit ihrem jüngsten Bruder, der bei einer Bombardierung ums Leben gekommen war. Nie habe ich sie freudiger erlebt, als würde eine zentnerschwere Last von ihr abfallen. Er hatte Heimaturlaub. Kurz nach seinem 22. Geburtstag 1944. Heute vermute ich, dass jeder, der ihn kannte, ihn in mir sah. Es gab Andeutungen. Darüber wurde nicht gesprochen.
Ich versuche, es besser zu machen.
What were your parents doing at your age? | Was haben deine Eltern in deinem Alter gemacht?
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Die Sprachlosigkeit dieser grossteils traumatisierten Generation hat Beziehungen schwer gemacht, nicht in allen Familien, aber vielen. Dein Bild von der Efeumauer finde ich sehr treffend. Diese unausgesprochene „Das geht dich nichts an“-Botschaft nicht persönlich zu nehmen, war mir als junger Mensch unmöglich und das Erlernen, dieses verinnerlichte Muster wenigstens ab und zu aufzubrechen, bleibt immer ein bewusstes Stück Arbeit. Aber es gelingt immerhin mit der Zeit immer besser.
Danke. Bei uns lautete die unausgesprochene Botschaft: „Wir reden nicht über Gefühle und die Vergangenheit.“ Als Kind saß ich stundenlang still und unauffällig bei den Erwachsenen und lauschte ihren Gesprächen. Dabei wurde weder über Gefühle noch über Vergangenes geredet. Die Toten hingen mit ihren Porträts an der Wand. Über sie und von ihnen wurde nicht gesprochen. Heute ist es mir unbegreiflich, warum ich niemals nachgefragt habe. Offensichtlich habe ich das Schweigen über die Vergangenheit mit der Muttermilch aufgesogen. Daher habe ich keine Zurückweisung à la „Das geht dich nichts an!” empfunden. Die in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs erlittenen Traumatisierungen haben beide Familien, väterlicherseits wie mütterlicherseits, sprachlos gemacht.
Ich denke das Problem der Sprachlosigkeit trifft sehr viele Familien dieser Zeit. Das Leben bestand aus Arbeit, Alltag organisieren und ein bisschen Freizeit. Da war kein Platz für intime Gespräche. Zumindest hatte niemand gelernt diesen Platz zu schaffen.