Nicht nur eine einzelne Songzeile, sondern der gesamte Songtext ist mir für immer im Gedächtnis geblieben:
Manche sagen es wär einfach
Ich sage es ist schwer
Du bist Audrey Hepburn
Und ich Balu der BärImmer pläneschmiedend dastehen
So schön und stumm ich
Ich fang an zu tanzen
Werf′ erstmal alles umUnd Gesucht und gefunden
In der Einsicht verbunden
Du gibst was du brauchst
Ich glaub was ich seh‘
Endlich mal etwas das ich fast versteh′Frieden ist wenn alle gleich sind
Sag an was wir hier haben
Das Leben, das wir leben
Geschützt im Schützengraben
Gesucht und gefundenDu vergisst, was du weißt
In dem Gefühl wir wären einsUnd du vergisst, wie du heißt
Manche sagen es wär einfach
Ich sage es ist heikel
Du bist New York City
Und ich bin Wanne-EickelWie die Dinge sich wohl anfühlen
Wenn sie denn noch ganz wären
Ein Lebenslauf gebastelt
Mit den Händen eines TanzbärenUnd du Gesucht und gefunden
In der Einsicht verbunden
Du gibst was du brauchst
Ich glaub was ich seh‘
Endlich mal etwas das ich fast versteh‘Frieden ist wenn alle gleich sind
Sag an was wir hier haben
Das Leben, das wir leben
Geschützt im Schützengraben
Gesucht und gefundenUnd du vergisst, was du weißt
In dem Gefühl wir wären einsUnd du vergisst, wie du heißt
Und du vergisst was du weißt
Vergiss Romeo und Julia
Wann gibt′s Abendbrot?
Willst du wirklich tauschen
Am Ende waren sie totIch werd′ immer für dich da sein
Bist du dabei?
In dem Gefühl wir wären zwei
Dieser Songtext ist eine wunderbare, sehr geerdete Reflexion über die Liebe, ihre Herausforderungen und den Kontrast zwischen romantischen Idealen und der echten Realität. Es geht um zwei völlig gegensätzliche Menschen, die trotz (oder gerade wegen) ihrer Unterschiede zueinanderfinden.
Das Gegenüber wird mit Anmut, Eleganz und Perfektion assoziiert, während sich das lyrische Ich als tollpatschig, gemütlich, aber vielleicht auch etwas grob und ungeschickt sieht.
Später wird dieses Motiv räumlich verstärkt. Das Gegenüber ist die schillernde, große Weltmetropole, das lyrische Ich die bodenständige, etwas graue, aber ehrliche Provinz im Ruhrgebiet.
Das lyrische Ich fühlt sich oft unzulänglich. Alles wirkt ein wenig improvisiert, ungelenk und weniger fehlerfrei als bei der Partnerin oder dem Partner.
Im Refrain zeigt sich, wie diese beiden gegensätzlichen Welten harmonieren. Sie verstehen und akzeptieren, dass sie unterschiedlich sind. Genau diese Einsicht verbindet sie. Ihre Beziehung dient als Schutzraum gegen die Außenwelt. Es ist ein Ort des Rückzugs, an dem ihre Unterschiede weniger ins Gewicht fallen als die feindliche oder anstrengende Welt da draußen. Ihr Zustand ist vielleicht kein absoluter „Frieden” im Sinne von völliger Gleichheit, sondern etwas Eigenes, das trotzdem funktioniert.
Ein wiederkehrendes, leicht melancholisches Motiv ist der Identitätsverlust durch eine zu enge Bindung. Wenn man versucht, komplett mit dem Partner zu verschmelzen, gibt man zwangsläufig einen Teil der eigenen Identität und Realität auf. Der Text warnt davor, sich in der Illusion der perfekten Symbiose zu verlieren.
Das stärkste und vielleicht ehrlichste Statement des Songs findet sich am Ende. Hier wird das größte Liebesideal der Literaturgeschichte radikal entzaubert. Das lyrische Ich holt die Beziehung auf den Boden der Tatsachen zurück. Absolute, dramatische Liebe mag in Filmen und Büchern toll sein, in der Realität ist sie jedoch oft zerstörerisch. Das lyrische Ich entscheidet sich deshalb bewusst für den banalen, gemütlichen Alltag, für das Überleben und die Beständigkeit.
Die Kernbotschaft des Songs ist, dass eine gesunde, dauerhafte Liebe nicht bedeutet, mit einer einzigen Person zu verschmelzen und sich selbst aufzugeben. Es geht darum, dass zwei völlig unterschiedliche Individuen nebeneinander existieren, ihre Eigenheiten behalten und sich trotzdem füreinander entscheiden. Das ist nicht immer einfach, aber echt.
„Balu“ von kettcar, aus dem am 7. März 2005 erschienen Studioalbum „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“
YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=_gvFIKQpIMY
Spotify: https://open.spotify.com/intl-de/track/6LnlCpy6kRezNX1WtnVxrF?si=e73b48d7318d43fd
Quelle Songtext: https://www.songtexte.com/songtext/kettcar/balu-5bd05f00.html
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