đź“…âť“ RĂĽckzug ins Private. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Ich fĂĽhle mich wie im falschen Leben, umgeben von Menschen, die mir fremd sind. Deshalb engagiere ich mich nicht mehr in der Gemeinde, Gesellschaft, Kommune, Allgemeinheit oder im Gemeinwesen.

Die Community, das sind die Zuschauer eines Theaterstücks, das auf der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bühne aufgeführt wird. Worte, Worthülsen und Sprechblasen dringen an das Ohr des Publikums und zerplatzen: „Wir wollen. Wir werden. Wir müssen.“ Ankündigungssprechblasen. Entweder wird davon nichts umgesetzt, oder es wird nur halbherzig umgesetzt – oder sogar das Gegenteil.
Die Herrschenden bitten zum letzten Aderlass.

Das Volk bewegt sich zwischen den Fassaden demokratisch angestrichener Kulissen und verwechselt das Leben dazwischen mit Demokratie. Das wahre Leben findet jedoch hinter diesen Kulissen statt. Wenn die Fassaden dieser Kulissen von vorne oder von hinten einstürzen, wird das Volk merken, dass es nackt ist. Es wurde ein zweites Mal aus dem Paradies vertrieben und findet nun verbrannte Erde vor. Derweil sitzen die Protagonisten im Flugzeug auf dem Weg in einen Unterschlupf. Ich bin mir nicht sicher, ob „man” sie landen lässt. Wenn ihnen diese Erkenntnis langsam ins Bewusstsein träufelt, wird ihr letzter Gedanke sein: „Nützlicher Idiot.”

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ [1] Ich habe den Saal verlassen, stehe im Foyer an der Theke und trinke meinen letzten Prosecco. RĂĽckzug ins Private. Vermeintlich.

[1]:

Dieses berĂĽhmte Zitat stammt von dem Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno.

Es bildet den Abschluss des 18. Aphorismus mit dem Titel „Asyl für Obdachlose“. Er findet sich in Adornos Werk „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, das 1951 veröffentlicht wurde (der Großteil des Werkes wurde während seines Exils in den USA zwischen 1944 und 1947 verfasst).
In diesem Werk setzt sich Adorno mit der Frage auseinander, wie ein Individuum in einer Gesellschaft, die er als entfremdet und grundlegend „falsch“ (kapitalistisch durchdrungen und unfrei) wahrnimmt, ein ethisch „richtiges“ oder gelungenes Leben führen kann.

Seine knappe Antwort ist radikal: Da der Einzelne untrennbar mit dem Gesamtsystem verwoben ist, kann er sich innerhalb dieses Systems keine private Nische des Wahren und Guten schaffen. Jede individuelle Anstrengung, „richtig“ zu leben, bleibt demnach Stückwerk, solange die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt „falsch“ sind.

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Autor: Bernd @rueckzuginsprivate.de

» ... Ist es möglich; daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? Ja, es ist möglich. ... « – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910 ====================

3 Gedanken zu „đź“…âť“ RĂĽckzug ins Private. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

  1. Ich verstehe das nicht so. Es gibt nur das eine Leben fĂĽr mich und das ist echt. Sei selber die Veränderung, die du dir wĂĽnschest – ein guter Anfang jeden Morgen. Das Leben findet statt. Auf jeden Fall.

    1. Mit dem Buch „Bluff! Die Fälschung der Welt. Droemer Knaur, München 2012, ISBN 978-3-426-27597-9“ des Psychiaters und katholischen Theologen Manfred Lütz begann ich im Jahr 2012, meinen eigenen Alltag zu hinterfragen. Es gibt genügend Realität gewordene, berühmte Science-Fiction-Literatur, die unseren heutigen Zustand treffend beschreibt. Wenn wir vor den Trümmern der Fassaden der für uns errichteten Kulissen stehen, werden viele zu spät begreifen, wie sie über Jahrzehnte manipuliert wurden.

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