Deutsche Geschichte: Extreme, Wandel, Philosophien, Identität und Überraschungen. | Zitat

» […] Wer sich in die Geschichte der deutschen Nation vertieft, der hat leicht den Eindruck eines unruhigen Lebens in Extremen …

Einmal erreichen deutsche Gestalten die höchsten geistigen Höhen, auf denen je Menschen gelebt haben, indessen gleichzeitig trübe Mittelmäßigkeit den öffentlichen Ton beherrscht. Von apolitischer Ruhe wendet Deutschland sich zur aufgeregtesten politischen Tätigkeit, von buntscheckiger Vielgestalt zu radikaler Einheitlichkeit; aus Ohnmacht erhebt es sich zu aggressiver Macht, sinkt zurück in Ruin, erarbeitet sich in unglaublicher Schnelle neuen, hektischen Wohlstand. Es ist weltoffen, kosmopolitisch, mit Bewunderung dem Fremden zugeneigt; dann verachtet und verjagt es das Fremde und sucht das Heil in übersteigerter Pflege seiner Eigenart.

Die Deutschen gelten als das philosophische, spekulative Volk, dann wieder als das am stärksten praktische, materialistische, als das geduldigste, friedlichste, und wieder als das herrschsüchtigste, brutalste. Ihr eigener Philosoph, Nietzsche, hat sie das ‚Täusche-Volk‘ genannt, weil sie die Welt immer wieder mit Dingen überraschen, die man gerade von ihnen nicht erwartet. […] «

~ Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 1958, https://www.lezenswaard.be/view/1029/mann-golo

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Diese Kirche, diese Haltung ist nicht mehr meine Kirche, ist der Gegensatz meiner Haltung. |

„Liebet eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.” So steht es im Lukas-Evangelium. Ein Satz, der leicht gesagt, aber offensichtlich schwer zu praktizieren ist und den trotzdem viele Pazifisten unterschreiben würden. Die andere Wange hinhalten gilt für leitende evangelische Christen jetzt nur noch eingeschränkt.

Wehrdienst, Verteidigungsausgaben, Atomwaffen, Wege zum Frieden. Zu all diesen Themen hat die Evangelische Kirche in Deutschland diese Woche Stellung bezogen. Mit der ersten großen Friedensdenkschrift seit fast 20 Jahren. Aus dieser Denkschrift spricht ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus und eine Abkehr von früheren pazifistischen Haltungen. Die Evangelische Kirche ist theologisch in der Realität angekommen.

Aus der Friedensdenkschrift spricht ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus. Dieser ist zwar bereits aus Äußerungen der Bischöfinnen und Bischöfe der letzten Jahre bekannt, doch nun gibt es dafür auch ein theologisches Gerüst. Die Theologinnen und Theologen, die die Denkschrift verfasst haben, erkennen an, dass die Bundesregierung in Verteidigung investieren muss und dass Waffenlieferungen mit christlicher Ethik begründbar sind, sofern sie dem Schutz der Bevölkerung dienen und eine weitere Eskalation des Kriegs verhindern.

Dieser neue Pragmatismus ist bemerkenswert, denn er steht für eine größere Entwicklung. Nach und nach wendet sich die evangelische Kirche damit von pazifistischen Positionen ab, die lange zu ihrer DNA gehört haben: von „Schwerter zu Pflugscharen”, von Friedenschaffen ohne Waffen, von einer Friedensbewegung, in der die Kirche eine zentrale Rolle gespielt hat – sei es bei Protesten gegen Aufrüstung oder für Wehrdienstverweigerung.

Die Denkschrift würdigt die pazifistische Tradition des absoluten Gewaltverzichts zwar als spirituelle Praxis und als Stachel im Fleisch, macht aber auch klar, dass sich der Pazifismus als universale politische Ethik nicht legitimieren lässt. Auch die pazifistischen Rufe von Pfarrerinnen und Pfarrern in der evangelischen Kirche selbst, zum Beispiel nach Verhandlungen als einziger Lösung oder danach, zivilen Widerstand gegen Regime zu stärken, gehen so nicht auf. An die Stelle des evangelischen Pazifismus tritt nun also ein neuer evangelischer Pragmatismus. Dieser deckt sich übrigens an vielen Stellen mit den Positionen der aktuellen und der letzten Bundesregierungen. Das Motto dieses evangelischen Pragmatismus lautet jedenfalls: Wenn es gar nicht anders geht, dann ist aus evangelischer Sicht sogar Gewalt denkbar – aber nur mit großem Zähneknirschen und nach gründlicher Gewissensprüfung.

Auch beim Thema Wehrdienst stimmt die evangelische Kirche mit der Bundesregierung überein. Die Regierung hat diese Woche beschlossen, erstmal flächendeckend junge Männer zu mustern, die sich dann freiwillig entscheiden können. Freiwilligkeit findet auch die evangelische Kirche gut. Obwohl sie eine Wehrpflicht ethisch für vertretbar hält und auch gern noch darüber diskutiert hätte, ob nicht auch Frauen herangezogen werden müssten. Die Kirche unterstreicht jedenfalls, dass Militärdienst ein christlicher Einsatz für den Frieden sein kann.

Laut Denkschrift kann der Mensch den wahren, echten Frieden allerdings gar nicht selbst schaffen, sondern gibt es allein im Reich Gottes. Bei allem Pragmatismus hat sich die evangelische Kirche also doch nicht ganz von frommen Hoffnungen verabschiedet.

»Die EKD ist mit ihrer „Friedensdenkschrift“ in der Realität angekommen – Die evangelische Kirche in Deutschland hat mit der ersten großen Friedensdenkschrift seit fast 20 Jahren zu aktuellen Themen Stellung bezogen. Darin findet sich ein neuer verteidigungspolitischer Pragmatismus und die Abkehr vom starren Pazifismus.«, 15.11.2025, https://www.deutschlandfunk.de/kommentar-zur-evangelischen-friedensdenkschrift-in-der-realitaet-angekommen-100.html

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Interessenpolitik statt Wertepolitik.

Wadephul in Indien – Politologe: Europa sollte mehr Realpolitik wagen

Mit seinem Besuch in Indien will Außenminister Wadephul (CDU) die Beziehungen zu dem Land verbessern. Mit Blick auf die neue Weltordnung sei dieses Interesse wichtig, sagt der Ostasienexperte Eberhard Sandschneider. Und es sei höchste Zeit.

Europas Realpolitik im Nahost- und Asien-Konflikt

Deutschland sucht verstärkt wirtschaftliche, politische und strategische Beziehungen zu Indien, während es gleichzeitig die komplexen asiatisch-europäischen Beziehungen, inklusive Chinas und Russlands, navigiert.

Wichtigste Punkte:

  • Außenminister Wadephul besucht Indien mit Fokus auf Technologie, Raumfahrt, Fachkräfte und Handel.
  • Deutschland strebt an, seine Rüstungs- und Wirtschaftsbeziehungen zu Indien auszubauen.
  • Indiens Politik ist eigenwillig: Das Land flirtet mit autokratischen Staaten, bleibt aber stolz auf seine Demokratie.
  • Chinas Belt and Road und die Shanghai-Organisation gewinnen an Bedeutung.
  • Der Westen sollte auf die multipolare Weltpolitik pragmatisch und interesseorientiert reagieren.
  • Europäische Einheit ist essenziell, um Einfluss in der globalen Machtverschiebung zu sichern.

Außenpolitik und Wirtschaftsstrategie

Johann Wadephul reist nach Indien, um die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu stärken. Der Fokus liegt dabei auf Hightech, Raumfahrt und Fachkräftegewinnung. Deutschland möchte im Rüstungsbereich Marktanteile gewinnen, um den Einfluss Russlands zu verringern. Die Reise ist ein Zeichen des neuen, interessenorientierten außenpolitischen Selbstverständnisses Deutschlands.

Globale Machtverschiebung und asiatische Beziehungen

Indien verfolgt zwar eine unabhängige Außenpolitik, zeigt jedoch Nähe zu China und Russland. Die Shanghai-Organisation und BRICS-Plus gewinnen an Bedeutung, was westliche Werte herausfordert. China betont den Rückgang der Bedeutung des eurozentrischen Modells und stärkt multilaterale Allianzen. Die asiatischen Mächte setzen weniger auf militärische Stärke als auf wirtschaftlichen Einfluss durch Ressourcen und Erfolg.

Europas Handlungsbedarf

Angesichts der zunehmenden Stärke Chinas und der Spaltung im Westen fordert Sandschneider, dass Europa stärker zusammenarbeitet. Einzelne nationale Interessen schwächen den Einfluss Europas insgesamt. Notwendig sei eine pragmatische, interessebasierte Politik, um im globalen Machtgefüge mitzuhalten.

Schlussfolgerung

Europa muss seine Zusammenarbeit stärken, um im globalen Wettbewerb mit China, Russland und Indien bestehen zu können. Dabei sind eine klare Interessenpolitik und europäische Einheit entscheidend, um auf zukünftige Herausforderungen konsequent reagieren zu können.

02.09.2025, https://www.deutschlandfunk.de/wadephul-indien-und-china-interv-m-eberhard-sandschneider-global-advisors-100.html
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Pragmatismus.

Der Artikel behandelt die Ansichten des Politologen Johannes Varwick zur aktuellen Situation in der Ukraine und zu den für einen Frieden notwendigen Schritten. In den letzten Wochen gab es intensive diplomatische Gespräche, darunter Treffen zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten Trump, dem russischen Präsidenten Putin und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Varwick wertet dies als Zeichen für ein mögliches Ende des Krieges, wenngleich der Weg dorthin noch unklar ist.

Varwick argumentiert, dass territoriale Veränderungen bzw. Abtretungen in der Ukraine unvermeidlich sind. Er glaubt nicht, dass die Ukraine die Krim oder den Donbass militärisch zurückgewinnen kann, und erachtet Verhandlungen als den einzigen realistischen Lösungsweg.

Er betont, dass sich die Ukraine den „schmutzigen Realitäten” des Konflikts beugen muss, auch wenn dies bedeutet, Gebietsansprüche aufzugeben. Varwick kritisiert die unrealistischen Erwartungen an eine Rückeroberung aller besetzten Gebiete durch die Ukraine.

Er diskutiert die Notwendigkeit von Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die jedoch nicht von Russland ausgehen können, da dies die Aggressoren in die Position brächte, die Sicherheit der Angegriffenen garantieren zu müssen.

Er befürwortet die Lieferung von Waffen an die Ukraine als Teil einer politischen Lösung, um das Land für zukünftige Aggressionen zu wappnen. Gleichzeitig warnt er davor, falsche Versprechungen über militärische Unterstützung zu machen.

Varwick sieht eine mögliche Stabilisierung der Lage in der Ukraine, auch wenn er einen „gerechten Frieden” als unrealistisch erachtet. Er glaubt, dass eine Einigung, die beide Seiten berücksichtigt, langfristig zu einer Entspannung führen könnte.

Insgesamt vermittelt der Artikel Varwicks pragmatische Sichtweise auf die komplexe Situation in der Ukraine und die Herausforderungen, die mit dem Streben nach Frieden verbunden sind.

23.08.2025, https://www.deutschlandfunk.de/friedensverhandlungen-fuer-die-ukraine-interview-johannes-varwick-politikwiss-100.html