📅❓ Ach, diese LĂŒcke – diese entsetzliche LĂŒcke 


Wenn ich an mein Lieblingsrestaurant denke, dann denke ich sofort an Stuttgart.

Ich war fast zehn Jahre dort. Zweimal jĂ€hrlich fĂŒr jeweils vier Wochen. Dienstreise. Bis zu 150 Kolleginnen und Kollegen aus zwei Firmen nahmen daran teil.

Die wichtigste Frage war jeden Tag: Was gibt es zu essen?

FĂŒr Menschen wie uns ist das eine Herausforderung. „Wie uns“ sind Menschen, die sich rein pflanzlich ernĂ€hren. Im Laufe des Morgens tauschten wir uns darĂŒber aus, wohin es am Mittag oder Abend gehen sollte. Stuttgart ist ein Paradies fĂŒr Essen ohne Tiere. 2015 eröffnete ein neues „Restaurant” abseits der Hauptstraßen im Heusteigviertel im Stuttgarter Bezirk Mitte.

Es ist ein großer, einfach gestalteter Raum, ausgestattet mit vielen von der Besitzerin an die Wand gemalten Grafiken. Das HerzstĂŒck war die kleine Theke mit der etwas grĂ¶ĂŸeren Durchreiche, an der bestellt wurde. Durch diese gab es einen Blick in die vordere und hintere KĂŒche. Meist nahm Kathi, die gelernte Grafikerin und Chefin, die Bestellungen entgegen, wĂ€hrend ihr Mann in der hinteren KĂŒche kochte. Daneben gab es noch eine wechselnde Aushilfe, die Kathi zur Hand ging. Der frische Kuchen kam von Kathis Vater.

Sie nannten ihr Restaurant „Super Jami”.

Es gab eine feste Speisekarte mit Imbiss-Charakter und pflanzlichen Speisen, die man immer vorrÀtig haben konnte. Das Highlight war jedoch das tÀglich wechselnde Mittags- oder Abendangebot. Kathi konnte aus jedem tierischen Gericht tatsÀchlich ein pflanzliches zaubern.

Sie legte immer wieder Pausen ein, um in pflanzlichen Restaurants in Deutschland oder weltweit zu hospitieren, sich weiterzubilden und Ideen zu sammeln.

Bis Ende 2019 war das Super Jami meine tĂ€gliche Anlaufstelle fĂŒr die warme Mahlzeit auf Dienstreisen. Ich fragte gar nicht erst, was es gibt, sondern aß, was es gab. Ich wurde nie enttĂ€uscht und lernte von gutbĂŒrgerlichen bis zu den exotischsten Gerichten alles kennen und schĂ€tzen. Zum Abschluss gab es immer eine belgische Waffel mit Puderzucker. Ich kenne keine besseren.

Dann kam Corona und die Dienstreisen endeten.

Kathi entdeckte ihre Liebe zum Wein erst als SommeliĂšre. Dann schloss sie das Super Jami und ging in die Weinberge. Ihr Traum war es immer, ein großes, „richtiges” Restaurant zu fĂŒhren. Ihre ErfĂŒllung fand sie jedoch im Weinbau.

Einen weiteren Traum hat sich Kathi 2019 mit einem eigenen Kochbuch erfĂŒllt. Es enthĂ€lt ĂŒber 125 rein pflanzliche Rezepte aus aller Welt: gutbĂŒrgerlich, mittel- bis osteuropĂ€isch, nord- bis westafrikanisch, ost- bis sĂŒdasiatisch, nord- bis sĂŒdamerikanisch sowie SĂŒĂŸspeisen und Desserts. Ich war einer von 500 Menschen, die dieses Buch ĂŒber Crowdfunding möglich gemacht haben, und besitze das 199. handsignierte Exemplar.

Das Super Jami hinterlĂ€sst eine LĂŒcke, eine entsetzliche LĂŒcke.

Bis heute habe ich nichts Vergleichbares gefunden.

TĂ€glicher Schreibanreiz
Was ist dein Lieblingsrestaurant?

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Autor: Bernd @rueckzuginsprivate.de

» ... Ist es möglich; daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der OberflĂ€che des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese OberflĂ€che, die doch immerhin etwas gewesen wĂ€re, mit einem unglaublich langweiligen Stoff ĂŒberzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? Ja, es ist möglich. ... « – Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, 1910 ====================

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