Stille. Leere. Panik.

Täglicher Schreibanreiz
Welche Fernsehsendungen hast du als Kind gesehen?

Der Vierjährige schreckt aus einem Alptraum hoch.

Es ist dunkel. Es ist still.

Er steht auf, öffnet die Tür seines Kinderzimmers und sieht, dass im Wohnzimmer Licht brennt.

Mama? – Mama? – Mama!? Mama antwortet nicht. Es bleibt still.

Wo ist Mama?

Der Kleine geht von Raum zu Raum. Hinter jeder Tür herrscht Stille. Mama ist nicht da!

Panik kommt auf. Wo ist Mama?

Er läuft hektisch durch die ganze Wohnung. Nur mit äußerster Mühe kann er sich etwas beruhigen. Er kann sich nicht daran erinnern, dass Mama etwas gesagt hat, das erklärt, wo sie und Papa sind.

Er weint.

Bitterlich.

Er geht ins Wohnzimmer und drückt den Knopf am Fernseher, den Mama oder Papa immer drücken. Der Fernseher geht an. Blaulicht. Polizisten rennen durchs Bild. Menschen weinen. Es werden Fragen gestellt. Plötzlich sitzt ein Mann allein auf einem Stuhl an einem Tisch. Er hört etwas von „sachdienlichen Hinweisen” und „eines unserer Aufnahmestudios”. Kurz darauf erscheinen nacheinander zwei Männer, die merkwürdig sprechen. Er sieht, wie Maskierte Vitrinen mit dem Hammer einschlagen, wie eine Frau vom Fahrrad gestoßen wird und sich ein Mann auf sie legt, sowie wie eine alte Frau an ihren Sessel gefesselt und geschlagen wird.

Er versteht die Welt nicht mehr.

Angst. Angst. Angst.

Er verlässt das Wohnzimmer. Der Fernseher läuft weiter. Er geht ins elterliche Schlafzimmer, legt sich auf das große Bett und döst ein.

Später merkt er noch, wie er in sein eigenes Bett getragen wird …

Die Erinnerung an diese Nacht wird ihn sein Leben lang begleiten. „Aktenzeichen XY … ungelöst” auch.

Die Dinge zu Ende bringen.

Ich habe sehr stark das Gefühl, dass ich unter dem Einfluss von Dingen oder Fragen stehe, die von meinen Eltern und Großeltern und den weiteren Ahnen unvollendet und unbeantwortet gelassen wurden. Es hat oft den Anschein, als läge ein unpersönliches Karma in einer Familie, welches von den Eltern auf die Kinder übergeht. So schien es mir immer, als ob … ich Dinge vollenden oder auch nur fortsetzen müsse, welche die Vorzeit unerledigt gelassen hat.

CARL GUSTAV JUNG, Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie aus „Erinnerungen, Träume, Gedanken“, seinem autobiografischen Werk, das er zusammen mit Aniela Jaffé verfasste

Dazwischenleben.

Täglicher Schreibanreiz
Welche Tageszeit magst du am liebsten?

Meine liebste Tages- oder Nachtzeit ist die Zeit der Blauen Stunde.

Die Zeit, in der es weder Tag noch Nacht ist.

Die Sonne steht dabei zwischen 4 und 8 Grad unterhalb des Horizonts.

Es ist die Zeit, in der ich die gewordene Schwere des ausklingenden Tages aus- oder die anfängliche Leichtigkeit des werdenden Tages einatme.

Melancholie.

Vor der Blauen Stunde liebe ich die Farben der Goldenen Stunde, die Stunde mit den Farben der untergehenden oder – nach der Blauen Stunde – der aufgehenden Sonne.

Wärme. Geborgenheit.

Unschuldige, naive Momente.

Eine Autofahrt in, durch und aus der Nacht hat Suchtpotenzial.

» […] in diesem augenblick es klickt
geht die gelbe sonne auf
[…] «
– MIA, Was es ist

Rafle du Vélodrome d’Hiver.

25.08.2017– | track: –Le vélo d’hiver– | artist: –Calogero– | album: -Liberté Chérie-

In diesem Songtext wird die Geschichte der Pariser Radrennbahn Vélodrome d’Hiver aus der Perspektive der Bahn selbst erzählt.

Anfangs schwelgt der Text in nostalgischen Erinnerungen an eine glorreiche Zeit. Das Velodrom, liebevoll „vélo d’hiver” genannt, erzählt von sportlichen Wettkämpfen, berühmten Persönlichkeiten wie Edith Piaf und Yvette Horner sowie der lebendigen Atmosphäre, in der Reiche und Arme zusammenkamen, um die Rennen zu bejubeln. Es war ein Ort voller Freude und Gemeinschaft.

Die Stimmung ändert sich jedoch mit der Zeile „Et puis ils arrivèrent” drastisch. Die Ankunft von Uniformen und Revolvern markiert einen Wendepunkt. Der Text berichtet von der traurigen Realität des Zweiten Weltkriegs, als das Velodrom am 16. und 17. Juli 1942 zu einem Sammel- und Internierungslager wurde. Unschuldige Menschen, darunter ganze Familien – 4 115 Kinder, 5 919 Frauen und 3 118 Männer – wurden dort festgehalten und schließlich in die Vernichtungslager Osteuropas deportiert. Der Ort, der einst für Freude und Sport stand, wurde so zum Schauplatz unermesslichen Leids.

Die Geschichte endet mit einer bittersüßen Erinnerung: Trotz der Tragödie gab es immer noch Kinder, die in den Pfützen spielten. Der Erzähler, das Velodrom, kann das Grauen, das dort stattfand, nicht vergessen. Der Text ist eine ergreifende Erinnerung daran, wie ein Ort der Unterhaltung in den Wirren des Krieges zu einem Symbol menschlichen Leidens werden kann.

Liebe, Geborgenheit und Angenommensein.

Was ist dein Lieblingsrezept?

Ich habe kein Lieblingsrezept. Am besten schmeckt es mir zu zweit oder in einer Gruppe von maximal zehn Menschen.

In meiner Kindheit waren es die Inhalte besonderer Mahlzeiten, die zu meinen Lieblingsrezepten wurden. Wenn mein Vater mal ein Grillhähnchen auf dem Nachhauseweg mitbrachte oder Reibekuchen machte oder es am Heiligen Abend Rheinischen Sauerbraten gab. Die Armen Ritter meiner Oma väterlicherseits waren unübertroffen. Die Sonntagsessen bei meiner Oma mütterlicherseits – Roulade, Gulasch, Spargel … – waren ebenfalls unübertroffen. Noch während meiner Ausbildung war ich jeden Freitag zum Mittagessen bei ihr, es gab gedünsteten Fisch.

In meiner Jugend schmeckte alles gut, Hauptsache, in der Peergroup. Grillabende gingen immer.

Ich genieße es, wenn ich einmal bekocht werde oder jemanden bekochen kann. Am schönsten ist es, wenn man die gemeinsame Mahlzeit zu zweit zubereitet hat.

Irgendwann wurde mir bewusst, was wir den Tieren antun. Seitdem esse ich rein pflanzlich. In einem Restaurant auf einen Koch oder eine Köchin zu treffen, der oder die mit viel Liebe und Kreativität etwas Pflanzliches zubereitet und nicht einfach ein Ersatzprodukt, ist etwas Besonderes. Das war vor zehn Jahren noch undenkbar, doch inzwischen kenne ich bereits einige dieser Küchenmeister:innen.

Meine Favoritin ist derzeit die Chefköchin eines Hotels. Sie ist US-Amerikanerin, mit einem deutschen Veganer verheiratet und denkt sich für ihn kreative Rezepte aus, die anschließend ihren Weg über die Hotelküche und die Speisekarte in meinen Magen finden.

Das A und O der veganen Küche gab es bis vor Kurzem in Stuttgart, das „Super Jami“ von Kathi und „Körle und Adam“ von Adam und Körle. Leider Geschichte. Genau wie meine beruflichen Aufenthalte dort in dieser Stadt.

Das schönste Rezept ist das, dessen liebevolle Zubereitung man förmlich spürt, schmeckt.

Die, die tun, und die, die zulassen.

… während die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen. …

Christian Morgenstern, 1907, Stufen, Politisches Soziales

Satirische Kritik an der Prioritätensetzung in Gesellschaften: Bildung wird vernachlässigt, während Kriegsführung teuer ist und dennoch ermöglicht wird.