„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Wir brauchen keine weitere verrückte Geschäftsidee, die uns noch verrückter macht und uns vom Wesentlichen ablenkt. Keine weitere Geschäftsidee innerhalb der Fassaden der Kulissen, die errichtet wurden, damit wir nicht merken, wie wir hinter den Kulissen um unser richtiges Leben betrogen werden. Die Welt, in der wir leben, ist ein Bluff, eine Fälschung. Jede weitere verrückte Geschäftsidee soll uns davon abhalten, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen und unsere Gemeinschaften und Gesellschaften selbst zu organisieren. Nachhaltig. Ohne den Ast, auf dem wir sitzen, abzusägen. Ohne die Erde – wir haben nur diese – auszubeuten.
Meine „Geschäftsidee” ist die Gemeinwohlökonomie (GWÖ), die der Österreicher Christian Felber 2010 initiierte. Wir dürfen nicht länger den finanziellen Gewinn, sondern das Wohl von Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt stellen. Die GWÖ ist eine ethische Marktwirtschaft, deren Ziel ein „gutes Leben” für alle ist. Erfolg bedeutet nicht das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oder ein stetig steigender Finanzgewinn, sondern das wachsende Gemeinwohl.
Die GWÖ fußt auf vier Säulen:
1.) Menschenwürde, 2.) Solidarität und Gerechtigkeit, 3.) Ökologische Nachhaltigkeit sowie 4.) Transparenz und Mitentscheidung.
Die Würde jedes Einzelnen ist zu achten und zu schützen. Ressourcen sind fair zu verteilen und Schwächere sind zu unterstützen. Die Lebensgrundlagen sind für künftige Generationen zu bewahren. In einem definierten demokratischen Prozess ist jede und jeder zu beteiligen, Betroffene sind zu hören und zu beteiligen.
Aus wirtschaftlicher Sicht stehen im Mittelpunkt der sogenannten Gemeinwohl-Matrix die Lieferanten, die …
das falsche Leben
ist zu transformieren in
richtiges Leben
… Eigentümer, die Finanzpartner, die Mitarbeitenden, die Kunden und die Mitunternehmen sowie das gesellschaftliche Umfeld.
Aus dieser Matrix wird das Gemeinwohl bilanziert: Für positives Verhalten erhalten Unternehmen Punkte (z. B. regionale Lieferketten, faire Löhne), für negatives Verhalten gibt es Punktabzüge (z. B. Lohndumping, Umweltverschmutzung).
Unternehmen mit einer hohen Punktzahl würden beispielsweise weniger Steuern zahlen, günstigere Kredite erhalten und vorrangig öffentliche Aufträge erhalten.
Bereits heute nutzen Unternehmen die Gemeinwohl-Bilanz parallel zur herkömmlichen Bilanz, um nachhaltiger zu wirtschaften und als ethische Marke wahrgenommen zu werden. Anstatt rücksichtslos zu konkurrieren, möchten diese Firmen kooperieren.
Geld dient nicht mehr der Maximierung der Gewinne, sondern es wird eingesetzt, um einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Christian Felber erklärte am 13.07.2017 in einem Vortrag an der Universität Trier die Grundzüge der Gemeinwohlökonomie:
Es ist kurz vor zwölf. Wenn wir unser falsches Leben nicht bald radikal ändern, wird die Menschheit radikal verschwinden. Wir müssen aufhören, über unsere Verhältnisse zu leben: über den Verhältnissen der Erde und über den Verhältnissen unserer Nachkommen. Betrachtet man die aktuelle Weltlage mit ihrem Größenwahnsinn, ihren Größenwahnsinnigen und ihren Speichelleckern, sollte man sich nicht einbilden, diese Transformation würde ohne Blutvergießen gelingen. Der Zeitpunkt für eine friedliche Transformation wurde spätestens in den 1970er Jahren verpasst, unmittelbar nach der Veröffentlichung der vom Club of Rome beauftragten Studie „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit”.
Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit gibt es nicht zum Nulltarif. Vor allem nicht im Rückzugsgebiet des Privaten.

Bravo!
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Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag!
Als jemand, der 2014 International Business-Intercultural Studies studiert hat, berührt mich das besonders.
Die Gemeinwohlökonomie-Initiative existierte bereits seit 2010, doch in meinem Studium wurde sie mit keinem Wort erwähnt. Menschenwürde, Solidarität und ökologische Nachhaltigkeit kamen zwar vor – allerdings nur als Randerscheinung im Studium Generale, nicht als gleichwertige Perspektive. Mir hätte eine Balance besser getaugt, statt die Wachstumsökonomie und den Kapitalismus retrospektiv als Non-Plus-Ultra zu behandeln. Alternative Wirtschaftsmodelle wie die GWÖ hätten zumindest als ebenbürtige Option diskutiert werden müssen.
Heute, mit mehr Abstand, wird mir klar: Diese fehlende Perspektive im Studium war kein Zufall, sondern Symptom eines Systems, das sich selbst reproduziert. Die Hochschulen bilden für eine Wirtschaft aus, die auf ständigem Wachstum basiert – nicht für eine Wirtschaft, die dem Leben dient.
Die Transformation, von der du sprichst, beginnt auch damit, dass wir uns fragen: Was wird in Bildungseinrichtungen gelehrt? Wessen Interessen dient das? Und wie können wir alternative Wirtschaftsmodelle sichtbarer machen?
Wie könnte man selbst dazu beitragen, dass Konzepte wie die GWÖ mehr Raum bekommen – in der Bildung, in der öffentlichen Debatte, im eigenen Wirken?
Viele Grüße und einen angenehmen Sonntag
Mara
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Vielen Dank. Der Raubtierkapitalismus bzw. die entfesselte Marktwirtschaft versucht, alles zu verhindern, was die stetige Umverteilung von unten nach oben gefährden könnte. Mittlerweile ist die Gier so groß, dass diese Umverteilung für die „Normalbevölkerung” deutlich spürbar ist.
Während meines verwaltungsbetriebswirtschaftlichen Studiums konnte ich unter anderem bei Klaus Rose studieren. In Erinnerung ist mir geblieben, dass unser Wirtschaftssystem auf einer Illusion der Verbraucher basiert. Würden sich alle Marktteilnehmer ausschließlich vernünftig und rational verhalten, würde unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen (sinngemäß aus meiner Erinnerung). Einen schönen Sonntag dir und euch,
Bernd
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