Panikattacke

Ich denke an unvergessliche Ausflugs- oder Erkundungsfahrten zurück. Wenn ich mich an Ausflüge aus meiner Kindheit erinnere, dann müssen sie wohl unvergesslich gewesen sein.

Ich denke zum Beispiel an die kurze Schiffsfahrt von Heiligenhafen an den Strand. Vermutlich ging es über den Binnensee. Kaum waren wir an Bord, kackte mir eine Möwe mitten auf den Kopf.

Ich denke an die Tagestour von Gößl zur Phüringer Hütte und zurück, die ich als Zehnjähriger mit meinen Eltern unternommen habe. Wir sind mit Sonnenaufgang aufgestiegen und im Dunkeln wieder am Ausgangspunkt angekommen. Auf dem Hinweg ließ ich meine funkelnagelneue erste Armbanduhr auf einem Stein am Rande eines Sees liegen, an dem wir Rast machten. Das fiel mir erst später auf. Mein Vater „zwang” mich, den Weg allein zurückzugehen, um die Uhr zu holen und wieder zu den anderen zu laufen. Auf dem Rückweg zur Uhr begleiteten mich meine Tränen – aus Wut, aus Verzweiflung, aus Angst. Zurück zu den anderen lief ich aufrecht und stolz, das geschafft zu haben.
Auf dem Rückweg von der Phüringer Hütte gab es einen kleinen Wetterumschwung. Wir kamen in den dichtesten Nebel, den man sich vorstellen kann. Wir mussten uns an Wegmarkierungen orientieren. Diese waren nicht mehr zu finden. Panik stieg in mir auf. Der Nebel auch. Wir fanden die Markierungen und den Weg nach Gößl.

Ich denke an den Sommer 1985, als ich mit B. nach Wangerooge wollte. Wir kamen zu spät für die Fähre. Also charterten wir ein einmotoriges Flugzeug, das uns übersetzte. Es war mein erster Flug. Es war sehr laut. Sehr schön. Viel zu kurz.

Am 1. Mai 1986 fuhr ich mit B. bei herrlichem Frühsommerwetter in ihrem Cabriolet durchs Wiedtal, das Verdeck und das Herz offen. Später regnete es. Auch radioaktiv. Damals wie heute ließen uns die Regierenden im Stich. Niemand hat uns gewarnt. Danach durften wir wochenlang keine Milch mehr trinken und keine Pilze mehr essen. 35 Jahre später starb B. an einem Hirntumor. Honi soit qui mal y pense.

Im Sommer 1988 fuhr ich mit C. nach Südfrankreich in den Urlaub. Ich war bereits drei Jahre zuvor dort gewesen. Ich wollte C. unbedingt den Mont Ventoux zeigen, über den auch die Tour de France führt. Ich wollte sie mit dieser Tour überraschen und ihr den einmaligen Blick von dort oben zeigen. Für sie sollte es eine Fahrt ins Blaue werden. Es wurde jedoch ein Höllentrip. Die Straße führte über Serpentinen ohne Leitplanken auf 1909 Meter. Ich wusste damals noch nichts von C.s Höhenangst. Seitdem weiß ich, was eine Panikattacke ist.

Die unvergesslichsten Roadtrips waren am 7. und 8. Juni 2002 in Südafrika. Einen Tag nachdem wir ankamen. Wir waren dort, um zu adoptieren. Zusammen mit den anderen Paaren aus Holland, Belgien und Schweden fuhren wir in den „Pilanesberg National Park”. Dort stiegen wir in einen vergitterten Jeep, der Platz für zehn Personen bot. Die Ranger auf den Vordersitzen hatten ihre Jagdgewehre griffbereit. Für alle Fälle. Wir sahen unter anderem Giraffen, Nilpferde, Elefanten und Geparden. Da wurde mir klar, wie sich Tiere im Zoo fühlen müssen. Ich spürte die Freiheit dieser Wildtiere und erkannte ihre Würde. Seitdem bin ich ein strikter Gegner der Zootierhaltung.

Am nächsten Tag wurden wir durch Soweto und die Townships geführt. Wir starteten am „Chris Hani Baragwanath Hospital”. Unsere Reiseleiterin, eine weiße Südafrikanerin, hatte für diesen Roadtrip zu Fuß zwei schwarze Bodyguards engagiert, die auch so aussahen. Einer der beiden führte uns durch Wellblechhütten und zeigte uns die Wohnräume. Die Bewohner, die fernsehschauten, schauten nicht einmal auf (sie verdienen daran, dass Touristen durch ihre Hütten geführt werden). Unvergesslich wird mir aber bleiben, dass am Straßenrand „Schwarze” (People of Color) lagen, bei denen ich nicht unterscheiden konnte, was Haut und was Kleidung war. Nein, sie lagen nicht einfach nur am Straßenrand, sie vegetierten dort vor sich hin.

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