Was siehst du hier, Bernd? | IV

Liebeskummer

Hier sitzt sie nun. Allein am Küchentisch. Den rechten Ellenbogen hat sie auf dem Tisch abgestützt, die rechte Kinnhälfte ruht auf dem Handballen ihrer zu einer halben Faust geballten Hand.

Hier sitzt sie nun. Verlassen. Vor der Wand, deren Rot er so mochte. Sie liebt Blau. Das Rot ihrer Lippen korrespondiert mit der Farbe der Wand.

Hier sitzt sie nun. Mit tränenverquollenen Augen.

Hier sitzt sie nun. Seitdem Christian sie verlassen hat. Vor einer Woche kam er von einer einwöchigen Dienstreise nach Hause, schaute sie lange traurig und schuldbewusst an. Er sprach davon, ausziehen zu müssen und allein zu sein. Was er danach sagte, hörte sie zwar, aber es drang nicht mehr in ihr Bewusstsein. Christian löste den Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbund, legte ihn auf den Küchentisch, lächelte schief, drehte sich um, griff seinen Koffer und ging.

Langsam kommt sie wieder zu sich. Sie kann es nicht fassen. Sie fühlt sich wie nach einer schweren Grippe, und wie amputiert.

Julia beginnt langsam zu überlegen, was sie am meisten vermisst, was sie an Christian hatte, was von ihrer Beziehung bleibt. Gab es etwas, das sie nicht geben konnte? Was? Wo war die Bruchstelle? Ich bin allein! Verlassen! Wer kann mich trösten?

Bilder erzählen Geschichten und jede Geschichte sagt etwas aus über den Menschen, der sie erzählt. Angelehnt an einen alten projektiven Test, den TAT, zeigt die Psychologie Heute ein Bild und bittet, die Szene zu deuten. – Psychologie Heute 13.01.2026 – https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/44658-was-sehen-sie-hier-anne-rabe.html

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Was siehst du hier, Bernd? | III

Heimweh & Sehnsucht

Heimweh. Jan hat Heimweh. Sehnsucht. Jan hat Sehnsucht.

Er ist Architekt und arbeitet für ein international tätiges Architekturbüro. Seit sechs Wochen ist er in Katar. Er beaufsichtigt den Bau eines Wolkenkratzers.

Es ist nicht sein erster Auslandsaufenthalt. Aber ihm fallen sie immer schwerer. Erst in zwanzig Wochen kann er über Weihnachten nach Hause.

Zuhause ist das moderne Energieeffizienzhaus am Stadtrand. Zuhause sind seine Frau Zoé, seine Tochter Sophie, sein Sohn Paul, Wuff, der Hund, und Miau, die Katze.

Jeden zweiten Abend haben sie Facetime. Das verstärkt sein Heimweh und seine Sehnsucht.

Heimweh nach Hause. Sehnsucht nach seinen Kindern, nach seiner Frau, nach ihrer liebevollen Art, ihrem duftenden Haar und ihrer samtenen Haut.

Jeden zweiten Abend stellt er das Bild von sich und seiner Familie auf den Schreibtisch, hält inne und betrachtet es mit liebevollem Blick gedankenverloren.

Heimweh und Sehnsucht.

Bilder erzählen Geschichten und jede Geschichte sagt etwas aus über den Menschen, der sie erzählt. Angelehnt an einen alten projektiven Test, den TAT, zeigt die Psychologie Heute ein Bild und bittet, die Szene zu deuten. – Psychologie Heute 1/2026 – https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/44599-was-sehen-sie-hier-till-broenner.html

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Bis ihre Geschichten erzählt sind.

Gräueltaten lassen sich jedoch nicht begraben. Ebenso stark wie der Wunsch, sie zu leugnen, ist die Überzeugung, dass dies nichts bringt. Die Volksweisheit sagt: Es gibt Geister, die sich weigern, in ihren Gräbern zu ruhen, bis ihre Geschichten erzählt sind.

Judith Lewis Herman, Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence – From Domestic Abuse to Political Terror, veröffentlicht 1992 bei Basic Books (New York)

Der Satz bzw. das Zitat stammt wortwörtlich aus dem Einleitungskapitel („Introduction“) des Buches:

Judith Lewis Herman, Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence – From Domestic Abuse to Political Terror, veröffentlicht 1992 bei Basic Books (New York):

„Atrocities, however, refuse to be buried. Equally as powerful as the desire to deny atrocities is the conviction that denial does not work. Folk wisdom is filled with ghosts who refuse to rest in their graves until their stories are told.“
(Einleitung)

Darüber hinaus formuliert Herman zu Beginn ihrer Einleitung noch klarer:

„The ordinary response to atrocities is to banish them from consciousness… Certain violations of the social compact are too terrible to utter aloud: this is the meaning of the word unspeakable.“

Und:

„The conflict between the will to deny horrible events and the will to proclaim them aloud is the central dialectic of psychological trauma.“

Zusammenfassung

Autorin: Judith Lewis Herman

Werk: Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence – From Domestic Abuse to Political Terror

Erscheinungsjahr: 1992 (Einleitung)

Wortlaut (englisch):

„Atrocities, however, refuse to be buried. Equally as powerful as the desire to deny atrocities is the conviction that denial does not work. Folk wisdom is filled with ghosts who refuse to rest in their graves until their stories are told.“

„The conflict between the will to deny horrible events and the will to proclaim them aloud is the central dialectic of psychological trauma.“